Serie

Als ein frischer Wind durchs Baselbiet wehte

1982

Die Demonstranten, die das Militärdefilee in Liestal störten, wurden von den Polizeibeamten hart angepackt.

1982

Auch im Landkanton bewegte sich etwas in den Achtzigern – jedoch nicht ganz so radikal wie anderswo.

Wenn der Zug am Bahnhof Liestal hält, schweift der Blick fast automatisch auf das rechteckige Gebäude im Neorenaissance-Stil, das zwischen Perron und Kantonsgericht liegt. Auch wenn es heute ruhig ist vor dem Kulturhaus Palazzo: Vor 40 Jahren ging es hier wild zu und her. «Das Palazzo war eine Zeit lang das musikalische Zentrum der Punkszene», erinnert sich der ehemalige «Bewegte» Stefan Zemp. Alte Flyer zeugen von den Konzerten lokaler und nationaler Grössen, die hier in den 80er-Jahren auf der Bühne standen. Das Kulturhaus wurde 1979 nicht etwa im Stil eines autonomen Jugendzentrums (AJZ) besetzt: Die vier Gründer bildeten eine Aktiengesellschaft und kauften das Haus. Aktiengesellschaft und Punk? Was auf den ersten Blick widersprüchlich scheint, passt gut zum Geist der Achtziger im Baselbiet.

Ein ganzes Rockfestival in einem Heuschober in Tenniken

Wer vor 40 Jahren in Baselland aufwuchs und sich mit Werten und Lebensstil der Mehrheitsgesellschaft nicht identifizieren konnte, hatte zwei Möglichkeiten: Entweder in die Stadt, wo die Zahl der Unangepassten mit Sicherheit grösser war als im eigenen Dorf; oder aber auf lokaler Ebene eigene Freiräume schaffen. Für Ersteres entschied sich Heini Weber aus Reigoldswil. Nach zwei Jahren in einer «bewegten» WG am Fischmarkt in Liestal reiste Weber 1984 wie viele seiner Zeitgenossen nach Nicaragua, um die sandinistische Revolution zu unterstützen. Nach seiner Rückkehr zog Weber nach Basel. Ein Wechsel, der ihm nicht schwerfiel: «Es hat sowieso eine starke Vermischung stattgefunden», sagt er. Insbesondere die politisch sehr aktiven Kreise aus Stadt und Land hätten sich rege ausgetauscht und unterstützt.

Auf dem Land entstanden in den Achtzigern Kulturlokale, die längerfristig bestand haben sollten. Während die Gründung des Palazzos dank seiner juristischen Form relativ problemlos verlief, musste die Jugend anderswo länger warten. In Reinach kämpften Jugendliche knapp fünf Jahre für ein Jugend- und Kulturzentrum. Nach der Besetzung einer leeren Fabrikhalle im September 1981 und im Anschluss an den provisorischen autonomen Betrieb in einer Baubaracke im Jahr darauf, konnte im Dezember 1984 das Jugendhaus Palais Noir eröffnet werden.

Die Stimmung auf dem Land war nicht homogen: Während Junge in der einen Ortschaft mit einer Forderung wiederholte Male scheiterten, wurde diese anderswo problemlos umgesetzt. Der spätere Landrat Stefan Zemp (SP)aus Sissach hat rückblickend ein positives Bild. Er erzählt, dass es auf dem Land ohne viel Federlesens möglich war, unkonventionelle Konzerte zu organisieren. Oder gar ein ganzes Rockfestival, so geschehen in einem Heuschober oberhalb von Tenniken. «Die Leute haben die Hütte geräumt und einen Generator hochgefahren», erklärt Zemp. Grosse Schwierigkeiten habe es dabei nicht gegeben: «Man hat mit dem Bauern und mit der Gemeinde geredet, und schon war alles geregelt.» Er meint, auf dem Land habe es für die Anliegen von Jungen mehr Verständnis gegeben, als man sich heute vorstelle. Nicht nur kulturell, auch politisch engagierte sich die Jugend im Baselbiet. Ein Thema, das in den Achtzigern unter jungen Linken an Konjunktur gewann, war die Abschaffung der Armee. 1982 feierte der Kanton Baselland sein 150-jähriges Bestehen. Im Rahmen der Jubiläumsfeier in Liestal war zum Unmut vieler Jugendlicher auch ein Militärdefilee geplant. Sowohl im Vorfeld als auch während des Defilees kam es dann zu Protesten, welche die Juso Baselland organisiert hatte – sehr zur Empörung vieler braver Bürger, die auch mal mit dem Schirm auf Demonstranten einprügelten.

In die traditionelle Parteienlandschaft kam in den Achtzigern ebenfalls Bewegung. In grösseren Gemeinden entstanden neue Parteien und ausserparlamentarische Gruppen wie «Knoblauch» in Münchenstein oder die «Stechpalme» in Sissach. Urs Chrétien, der in der Anfangszeit dabei war, betrachtet die Gruppierung nicht als Teil der Jugendbewegung: «Ich war zu alt für die Bewegung und mir waren ihre Parolen und ihr Stil zu destruktiv.» Trotzdem war auch die Bildung der «Stechpalme», die für eine rot-grüne Politik stand, Ausdruck einer Unzufriedenheit mit dem politischen Establishment. Chrétien bestätigt: «Wir waren überzeugt, dass es in der Politiklandschaft neue Einflüsse brauchte.»

Nachgefragt bei Stefan Zemp

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