Fasnacht
860 Stunden Arbeit für nichts? – Kurz vor seinem «Rücktritt» erlebt Fasnachtskünstler Lorenz Grieder das Unfassbare

Der Fasnachtslaternen-Künstler Lorenz Grieder malt seine letzten Laternen und hofft, dass die grosse Arbeit nicht umsonst war.

Martina Rutschmann
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Dieses Jahr wird Grieders Kunstwerk wohl nicht durch die Strassen Basels ziehen.

Dieses Jahr wird Grieders Kunstwerk wohl nicht durch die Strassen Basels ziehen.

Nicole Nars-Zimmer

13 Wochen lang hat er an sechs Tagen je elf Stunden lang an der Laterne gemalt. Insgesamt 860 Stunden reine Arbeitszeit. Auf einen 100-Prozent-Job umgerechnet entspricht das über fünf Monaten Arbeit. Und dann das. «Ich stehe unter Schock», sagte Lorenz Grieder, nachdem die Hiobsbotschaft der Fasnachtsabsage verkündet worden war. Es gibt wohl kein Fasnächtler, der so viel Arbeit investiert wie er. Wofür? «Ich werde die Laterne einstellen und hoffen, dass sie trotzdem irgendwann auf d’Gass kommt», sagt der Fasnachtskünstler.

Wer ist der Mann, der so viel Schweiss und Herzblut in die «drey scheenschte Dääg» steckt – und das seit bald 40 Jahren? Fangen wir mit dem Bart an. Dieser muss zwingend angesprochen werden bei einem Mann, der auf den ersten Blick mehr Bart als Gesicht hat. «Santiglaus» muss er sich anhören und «Alpöhi». Dabei wäre Bergsteiger passender, das ist er nämlich wirklich. Bloss der Monte Rosa fehlt noch. Als er 40 Jahre alt war, schätzten ihn die meisten Leute auf 50.

«Wir sollten der Regierung vertrauen»

Manche glauben, das weisse Haar im Gesicht habe religiöse Gründe. «Blödsinn, ich habe mich noch nie rasiert, das ist alles», sagt der 68-Jährige. Den Schnauz stutzt er ab und an mit der Schere, der Bart ist irgendwann nicht mehr weitergewachsen. Ein religiöses Symbol trägt er dennoch ständig auf sich, es ist ein schwarzes Buch im A4-Format, das er «Bibel» nennt.

Statt Psalmen und Klageliedern finden sich darin aber Zeichnungen und Texte zur Aktualität. Jedes Jahr eine «Bibel». Bald sind es 40. Die Highlights schaffen es auf die mosaikartig gestaltete Jahresschau-Rückseite der Laterne des «Schnooggekerzli»-Stamms. Auf der Vorderseite spielt der Künstler das Sujet aus. Lorenz Grieder ist für viele der Laternenmaler schlechthin.

Sein Vater Walter Grieder war ebenfalls Grafiker und Illustrator. Mit der Schöpfung des «Pfyfferli»-Signets und Kinderbüchern hat er sich unsterblich gemacht. Und jetzt der Sohn. Unsterblich schon zu Lebzeiten. An der Laternen-Ausstellung auf dem Münsterplatz steht das Publikum stets Schlange, um die Szenen und Verse auf einer Leinwand von 2,4 auf 3,3 Metern genau anschauen und lesen zu können. «Schon oft fragten mich Leute nach einer Leiter, doch stellen Sie sich vor, was da alles passieren könnte, wie viele Sicherheitsvorschriften es zu beachten gäbe», sagt Grieder und lacht. Wobei er es nicht nur lustig findet.

Die Schweiz, das Land der vielen Vorschriften, ist ein Thema, das ihn momentan beschäftigt: «Unser Land wird immer enger.» Was den aktuellen Entscheid betrifft, plädiert er dafür, der Regierung zu vertrauen: «Diese Leute sind demokratisch gewählt. Wir sollten ihnen vertrauen und uns, obwohl es hart ist, an ihre Empfehlungen halten.»

Eine ganze Armee von Joghurtbechern

Während 30 Jahren hat Grieder seine Heimat aus der Ferne beobachtet. Ohne das Internet und die sozialen Medien. Inzwischen nutzt er diese aber regelmässig, um die Kunst zu zeigen, die er ausserhalb der Fasnacht macht. Die Liebe hat den jungen Lorenz Grieder damals nach Wien gezogen. Und wegen ihr kehrte er vor 20 Jahren auch wieder nach Basel zurück. Mit seiner Frau lebt er im Kleinbasel nahe dem Rhein. Der längst erwachsene Sohn und dessen Mutter sind im Waldviertel bei Wien geblieben. Einzig an der Fasnacht kommt die Ex-Frau nach Basel. Wer so lange mit einem Angefressenen wie Grieder zusammenlebte, wird selber zur Vernarrten. Gestern hat sie schweren Herzens entschieden, die Reise nach Basel abzublasen.

Einige Tage zuvor. Beethovens Fünfte füllt den Raum beim Hörnli, wo sich Grieder in einem Gewächshaus sein Atelier in den Monaten vor der Fasnacht einrichtet. Wie Soldaten stehen Dutzende Gläschen mit ausgetrockneter Farbe auf einem langen Tisch. Daneben eine Armee von Joghurtbechern. Auch die Pinsel liegen in Reih und Glied da. Selbst die unzähligen Teesorten warten aufgeräumt auf den Aufguss. «Ich habe innerlich so viel Chaos, da kann ich es mir nicht erlauben, äusserlich unordentlich zu sein», sagt Grieder. Selbst mit verbundenen Augen könnte er genau sagen, wo welcher Farbton steht. Er stellt das Radio leiser. Es müsse nur dann laut sein, wenn er an der Arbeit ist.

Diese ist so gut wie beendet. Jetzt ist die Wehmut dran. «Die Fasnacht ist für mich vorbei, sobald die Laterne fertig ist», sagte er, bevor er wusste, dass die Fasnacht gar nicht erst beginnen wird am 2. März. Er hofft, dass er die Laterne nicht umsonst gemalt hat.

Täglich um sechs Uhr öffnet Grieder das Atelier. Feierabend macht er nach den Gärtnern des angrenzenden Friedhofs um 17.30 Uhr. Für eines der 80 Motive auf der einen Seite der Laterne braucht er anderthalb Tage. Es sind auch die Larven, die Entwürfe für die Kostüme, die Umsetzung des Sujets – Grieder ist für alles zusammen verantwortlich. Ohne die Unterstützung seiner Frau, etwa bei den Larven, bräuchte er noch mehr Zeit. Was täten die 108 Leute vom Stamm ohne ihn?

Die Frage ist aktueller, als vielen lieb ist. «Das ist meine drittletzte Laterne», kündigt Grieder an. «40 Jahre sind genug, ich höre auf, wenn ich 70 bin – also in zwei Jahren.» Peng! Und dann? «Keine Sorge, ich habe einen Nachfolger.» Der geheimnisvolle junge Mann habe Talent und werde seinen eigenen Weg gehen. Einzig die Technik wird der «Neue» wahrscheinlich beibehalten. Das Handwerk des richtigen Malens auf Leinwand.

Auch wenn es für Laien keinen Unterschied machen mag: Eine Laterne zu malen, ist sehr viel aufwendiger als «Plotten». Die Technik, bei der das Motiv am Computer entsteht, wird immer häufiger angewendet. Klassische Laternenkunst wird immer seltener, was Grieder bedauert.

Wortmalereien und Mosaik-Panoptiken

Noch ist es zu früh für Tränen. Noch arbeitet der Meister der Farbe, der auch das Wort meisterlich beherrscht, wie Fasnachtsberichterstatter -minu betont: «Lorenz Grieder ist wohl der einzige Laternenmaler, der das Wort miteinbezieht. Seine Bilder sind Worte, seine Worte Bilder. Bunte Wortmalereien.» Oberfasnächtler und Ex-Comité-Obmann Felix Rudolf von Rohr ergänzt: «Lorenz hat die Fasnacht das ganze Jahr über im Kopf und auf dem Notizblock – sonst wären seine wahnwitzigen Mosaik-Panoptiken überhaupt nicht möglich.»

Die Laterne kommt jedes Jahr anders daher, bloss an eine Regel hält sich Grieder: «Ich werde nie untergriffig», sagt er. Auch jetzt, wo Satire einen schweren Stand hat, fühle er sich nicht eingeschränkt. «Ich kann ja nichts dafür, wenn eine meiner Zeichnungen im Kopf des Betrachters böse Gedanken auslöst.» Wieder dieses Lachen hinter dem Bart.

Wir dürfen hier trotz Fasnachtsausfall nicht verraten, welche Verse für Erheiterung oder Entrüstung sorgen sollten. Wer weiss, vielleicht kann die Clique die Laterne nächstes Jahr einsetzen. Wir müssen uns also mit dem Fasnachtsführer «Rädäbäng» begnügen, der das Klima als Sujet von Grieders Clique nennt. Das Klima mit Greta als apokalyptische Reiterin. Grieder hat die Geschichte aus der Bibel schon in seiner eigenen «Bibel» zeitgemäss ergänzt.

Auch in Zukunft wird die Bibel mit der Zeit gehen

«Natürlich ist oder wäre der Morgestraich für mich das Highlight», sagt Grieder. Zu sehen, wie seine Laterne die dunklen Gassen erhellt. Gern hätte er in Ruhe die Werke anderer Laternenkünstler angeschaut. Wie letztes Jahr wollte der Tambour darauf verzichten, selber zu Trommeln. «Ich hatte Lust, mal zivil zu gehen.» Jetzt bleibt ihm nichts anderes übrig.

Dem Lustprinzip werden Grieder und seine Frau bald wieder mehr folgen können. Pilze sammeln in den Wäldern der Region steht auf dem Programm; und auch das geliebte Apulien werden die beiden weiterhin bereisen, um sich bei befreundeten Bauern mit Olivenöl einzudecken und am Strand die Italianità zu beobachten. Viele Szenen haben es in die «Bibel» geschafft, etwa jene, als zwei Fischer mit leeren Netzen entschieden, ihr Boot um fünf Meter zu bewegen. Als würden die Schwärme dort aufs Gefangenwerden warten.

Die «Bibel» wird fester Bestandteil des Strandgepäcks bleiben. «Ich kann ja nicht einfach aufhören, auf das Geschehen zu reagieren und mich abzureagieren», sagt Grieder. Kunst wird er weiterhin produzieren. Mit dem Ziel, so fein zu zeichnen, «um bis an die Grenzen des Darstellbaren zu gelangen, wo sich die Realität aufzulösen scheint.» Als er diesen Satz sagte, wusste er noch nicht, dass die Realität der Fasnächtler in diesem Jahr quasi aufgelöst sein wird.

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