Alternative Antriebe
Wasserstoff: Zukunft ist schon Realität

Eine spezielle Kreislaufwirtschaft macht aus der Fiktion Wasserstoff in der Schweiz bereits Realität.

Stephan Manfredi Jetzt kommentieren
Merken
Drucken
Teilen
Dank dem Schwerverkehr lohnen sich Wasserstoff-Tankstellen auch für Personenwagen.

Dank dem Schwerverkehr lohnen sich Wasserstoff-Tankstellen auch für Personenwagen.

Bild: Manfredi

Wasserstoff H2 wird heute allgemein als wichtiger Schlüssel für die Energiewende angesehen. Während in einigen Branchen bereits konkrete Projekte zu finden sind, ist der Strassenverkehr ausser mit einzelnen Stadtbus-Lösungen eigentlich weltweit noch weitestgehend Brachland. Wasserstoffautos sind an einer Hand abzuzählen, Lastwagen gibt es genau – einen. Wie beim Auto ist auch der H2-Lastwagen ein Elektromobil mit einer Brennstoffzelle als kleines Kraftwerk, welches Wasserstoff direkt in Strom wandelt. Dieser Lastwagen ist der Hyundai Xcient Fuel Cell und er ist zentrale Ursache, weshalb in der Schweiz Wasserstoff zur Realität geworden ist.

Der Truck ist Kern eines aussergewöhnlichen Kreislaufs, in welchem sich Wasserstoffproduzent, Tankstellenbetreiber, Transportunternehmer, Grossverteiler und eben Hyundai Sektor-übergreifend gegenseitig die Hand geben, um die Schweiz mit Wasserstoff zu erschliessen. Durch den kommerziellen Einsatz des Lastwagens lassen sich die Variablen auf ein Minimum reduzieren. So werden Investitionen in H2-Produktion und -Infrastruktur kalkulierbar und geben den Beteiligten ein berechenbares Geschäftspotenzial. Nutzen nur 14 Lastwagen eine H2-Tankstelle, rechnen sich die Investitionen, Autos bräuchte es dazu rund 750 Stück.

Von Bodensee bis Genfersee

Im erst 2018 gegründeten Förderverein «H2 Mobilität Schweiz» hat man sich gegenseitig in die Pflicht genommen: Tankstellenfirmen errichten Wasserstofftankstellen, Transporteure und Grossverteiler nutzen mit Wasserstofflastwagen diese Tankstellen. Letzten Herbst begannen die ersten Lastwagen anzurollen und erste neue Tankstellen wurden in Betrieb genommen. Heute sind 46 Lastwagen im Einsatz und steuern teilweise mehrmals täglich diese Tankstellen an. Deren sind fünf zwischen St. Gallen und Crissier/Lausanne in Betrieb, eine sechste in Rothenburg bei Luzern. Zwei weitere befinden sich in der Realisation (Bern und Geuensee/Sursee). Bis 2023 soll in der Schweiz flächendeckend Wasserstoff getankt werden können.

Wasserstoff-Tankstellen in der Schweiz

Wasserstoff-Tankstellen in der Schweiz

Bild: zVg

Heute ist das ganze Mittelland zwischen Genfersee und Bodensee erschlossen, und zwar auch für Autos, denn jede Tankstelle ist für Lastwagen und Auto konzipiert. Das erhöht natürlich die Verkaufschancen für Hyundai Nexo und Toyota Mirai, die beiden bisher einzigen hierzulande kommerzialisierten Brennstoffzellen-Wagen.

Mit einer Reichweite von 400 Kilometern könnte mit einem voll ausgelasteten Xcient-Anhängerzug (36 Tonnen) notfalls locker von Lausanne bis St.  Gallen gefahren werden, ohne Zwischenhalt und ohne ein Gramm CO2 zu emittieren. Doch Transporteure fahren ihre Kunden meist auf festgelegten Routen regelmässig an, weshalb die neuen Lastwagen nicht einfach für jede Route eingesetzt werden können. Das bestätigt auch Severin Cavegn, COO der Chr. Cavegn AG, die zwei Hyundai-LKWs im Einsatz hat: «Route und Tankinfrastruktur müssen schon passen.» Deshalb fahren seine beiden Xcient Fuel Cell vorerst ab den Logistikhallen in Schafisheim und nicht ab dem Firmensitz in Landquart GR: «Wir hätten dort zwar zahlreiche Transportrouten für den Hyundai, aber dazu müssten wir auch in der Nähe tanken können.»

Unterwegs im Hyundai-Truck

Der Eindruck beim Umstieg vom Diesellastwagen auf den Hyundai Xcient Fuel Cell ist vergleichbar mit dem Wechsel beim Auto auf ein Elektromobil. In der Kabine ist es sehr leise und man gewönnt sich schnell daran, dass die Geräusche und die typischen Vibrationen der sonst grossvolumigen Selbstzünder fehlen. Auffallend ist auch das Beschleunigungsvermögen: Vergleichbare Trucks sind heute mit robotisiertem Getriebe und zwölf Gängen bestückt, was deren Beschleunigung wegen der Zuglastunterbrechungen zögerlich macht. Der Hyundai hat hingegen eine Wandlerautomatik. So profitiert er vom kraftvollen Drehmoment (3400 Nm) des 350 kW leistenden Elektromotors sowie von den schnellen Gangwechseln, weshalb sich der Truck auch mit voller Beladung sehr geschmeidig fährt.

Rund 400 Kilometer sind mit vollem Tank möglich.

Rund 400 Kilometer sind mit vollem Tank möglich.

Bild: Manfredi

Gibt man beim Beschleunigen richtig «Gas», entweicht nur eine feine, weisse Fahne aus dem «Auspuff». Das ist reiner Wasserdampf, der in der Brennstoffzelle bei der Umwandlung von Wasserstoff in Strom entsteht, und sollte als Signal für den Aufbruch in eine Zeit des emissionsfreien Strassentransports gesehen werden. Geht die Entwicklung im aktuellen Tempo weiter, werden in zwei Jahren hierzulande 1000 H2-Lastwagen verkehren und die Schweiz wird den flächendeckenden Wasserstoffkreislauf etabliert haben, während Europa und der Rest der Welt erst an ersten zögerlichen Schritten ist..

0 Kommentare