Wasserstoff geht in die zweite Runde

Während batterieelektrische Antriebe beliebter werden, bleibt Wasserstoff ein Nischenprodukt. Kann der neue Toyota Mirai das ändern?

Philipp Aeberli Jetzt kommentieren
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Der neue Toyota Mirai.

Der neue Toyota Mirai.

Bild: Aeberli

Der Automarkt stellt sich auf die Zukunft ein: Die Marktanteile von batterieelektrischen Antrieben steigen stetig; die Weichen scheinen zugunsten des Akkus als Energiespeicher gestellt zu sein. Wasserstoff als Treibstoff der Zukunft fristet seit Jahren nur ein Schattendasein. Zu komplex ist die Produktion, zu gering der zu erwartende Absatz; es lohnt sich schlichtweg nicht, eine aufwendige Wasserstofftankstelle zu betreiben. Und ohne Tankmöglichkeiten fehlt es auch an Angebot und Nachfrage nach entsprechenden Autos. Doch das könnte sich nun Stück für Stück ändern.

Als Treiber für die Wasserstoffmobilität entpuppt sich der Schwerverkehr. Hier lassen sich die Strecken gut planen, sodass sich die Tankstellen an sinnvollen Orten platzieren lassen – und dann durch gute Auslastung auch rentabel werden können. Mit der Ankunft der ersten Wasserstoff-Lastwagen in der Schweiz ist nun auch das Tankstellennetz gewachsen. In Rothenburg LU wurde jüngst der sechste Standort in der Schweiz eröffnet; auch in Geuensee LU und Bern kann bald Wasserstoff getankt werden.

Wasserstoff tanken an der neue Tankstelle in Rothenburg.

Wasserstoff tanken an der neue Tankstelle in Rothenburg.

Bild: Aeberli

Wasserstoff entsteht durch Elektrolyse; durch Strom wird Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff gespalten. Im Fahrzeug wird dieser Vorgang in einer Brennstoffzelle umgekehrt: Der Wasserstoff reagiert mit Sauerstoff aus der Umgebungsluft zu Wasser. Dabei entstehen Wärme und elektrische Energie. Das Wasser wird gewissermassen als Abgas abgelassen.

Durch die zweimalige Umwandlung des Stroms ist der Wasserstoffantrieb weniger effizient als ein batterieelektrischer Antrieb, bei dem der Strom ohne Umwandlung im Auto gespeichert werden kann. Dafür kann die Energie im Form von Wasserstoff besser gelagert und transportiert werden – und in komprimierter Form, wie Wasserstoff auch in Lastwagen und Autos getankt wird, ist die Energiedichte gar höher als bei Benzin. Das zeigt sich auch beim neuen Toyota Mirai. In den Tank, der sich in wenigen Minuten füllen lässt, passen 5,6 kg Wasserstoff, die mit 700 bar Druck in den Tank gepresst werden. Das reicht laut Werk für rund 650 Kilometer Reichweite.

Der Tank fasst 5,6 kg; eine Füllung kostet damit 70 Franken.

Der Tank fasst 5,6 kg; eine Füllung kostet damit 70 Franken.

Bild: Aeberli

Alles neu beim Mirai

Der nun lancierte Toyota Mirai der zweiten Generation ist eine komplette Neuentwicklung. Während die erste Generation (ab 2014) noch eher pragmatisch daherkam, will die zweite Auflage schon auf den ersten Blick für Aufsehen sorgen. Der Mirai kommt nun als elegante, viertürige Limousine mit sportlicher Linienführung daher. Und das, obwohl der neue Mirai fast 30 000 Franken günstiger geworden ist. Die Preise starten nun ab 59 900 Franken, was den Japaner zum derzeit günstigsten Brennstoffzellen-Fahrzeug am Markt macht. Der Hyundai Nexo ist mit 89 900 Franken deutlich kostspieliger. Dass die Preise weiterhin hoch sind, liegt vor allem an der noch exotischen Technik, die nur in kleinen Stückzahlen produziert wird. Alltagstauglich ist der Wasserstoffantrieb mit dem wachsenden Tankstellennetz aber allemal. Auf der ersten Testfahrt verbrauchte der Antrieb etwas mehr als 1 kg/100 km mit hohem Autobahnanteil. Damit ist eine Reichweite von 500 bis 550 Kilometern auch im Winter und auf der Autobahn möglich. Wasserstoff kostet derzeit noch 1.25 Franken/100g. 100 Kilometer mit dem Mirai kosten also 12,50 Franken; damit liegen die Treibstoffkosten ungefähr gleich hoch wie bei einem Benziner, der zirka 8,4 l/100 km verbraucht.

Gut verarbeitetes Cockpit im Mirai.

Gut verarbeitetes Cockpit im Mirai.

Bild: Aeberli

Die gute Reichweite des neuen Mirai passt zur komfortbetonten Abstimmung des Wasserstoffautos. So fällt vor allem die Stille im Innenraum auf, die nicht nur durch den fast geräuschlosen Antrieb erhalten bleibt, sondern auch durch die Schallisolierung, die Wind- und Abrollgeräusche effektiv absorbiert. Auch die Federung ist konsequent auf Komfort getrimmt und verzichtet auf sportliche Ambitionen. So gleitet der Mirai still und sanft über die Autobahn – und animiert zu zurückhaltender Fahrweise. So stört es auch nicht, dass der Wasserstoffantrieb mit 182 PS, die auf fast zwei Tonnen Leergewicht treffen, zwar souverän, aber nicht sonderlich spritzig wirkt. Als nettes Detail im Cockpit bietet der Mirai eine Anzeige zur Luftreinigung. Denn die Brennstoffzelle braucht sehr reine Luft, um arbeiten zu können – quasi als Nebeneffekt zum Vortrieb stösst der Mirai gereinigte Luft aus –, und sorgt damit gerade in viel befahrenen Städten für etwas sauberere Luft. So fährt man mit noch besserem Gewissen – und räumt dem Wasserstoff mit den jüngsten Entwicklungen wieder bessere Zukunftschancen ein. Dafür braucht es aber auch ein breiteres Fahrzeugangebot. Denn mit nur 300 Litern Kofferraum, der sich auch nicht durch Umklappen der Rücksitze vergrössern lässt, ist der Mirai kein Familienauto. Zudem ist er ausschliesslich mit Hinterradantrieb zu haben. Doch mit wachsendem Tankstellennetz dürfte der Wasserstoffantrieb für Käufer und Hersteller zunehmend interessant werden.

Die elegante Limousinenform sorgt für wenig Luftwiderstand.

Die elegante Limousinenform sorgt für wenig Luftwiderstand.

Bild: Aeberli

Toyota Mirai

Motor: E-Maschine, FCEV

Leistung: 182 PS/300 Nm

Antrieb: Aut. 1-Gang, RWD

L×B×H: 4975×1885×1470 mm

Kofferraumvolumen: 300 l

Gewicht: 1975 kg

0–100 km/h: 9,2 Sek.

Vmax: 175 km/h

Reichweite: 650 km

Preis: ab 59900 Franken

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