Mini
So richtig Mini ist das nicht mehr

Mini war der Inbegriff des Kleinwagens. Seit BMW die Marke neu lanciert hat, war der Mini höchstens noch als kompakt zu bezeichnen. Das neuste Modell ist nun noch grösser.

Axel Griesinger
Merken
Drucken
Teilen
Mini Cooper S

Mini Cooper S

HO

Der neue Mini ist da und es scheint, als wolle der bayrische Mutterkonzern BMW aus dem erfolgreichen Lifestyle-Objekt mit Retrocharme eine eierlegende Wollmilchsau für die Massen machen. Doch da viel Technik nur schwierig auf wenig Raum komprimiert werden kann, musste die vierte Generation wachsen - und das um gewaltige 10 Zentimeter.

Wenn man nämlich dem neuen Mini gegenübersteht, möchte man ihn begrüssen mit «willkommen in der VW-Polo-Klasse», so mächtig baut er sich vor einem mit seinen hohen und breiten Schultern auf. Und tatsächlich scheint man bei der Entwicklung des intern F56 genannten Kleinwagens mal wieder zur Volkswagen Tochter in Ingolstadt geschielt zu haben. Der Audi A1 ist nicht nur der einzige wirklich ernstzunehmende Premium-Wettbewerber, sondern hat mit 3,85 m auch die identische Aussenlänge wie Mini Nummer 4. Die Entwickler schwören jedoch, dass das Wachstum in Länge, Breite (plus 44 mm) und Höhe (plus 7 mm) sich nicht im Gewicht niedergeschlagen hat. Mindestens 1085 kg sind daher sicherlich kein schlechter Wert, doch was hilft das geringe Gewicht, wenn der Mini irgendwie seltsam adipös erscheint. Die weltweit verschärften Chrashtest Normen tun dann ihr übriges, um das Gesamtbild mit einem überproportionalen Wachstum des vorderen Fahrzeugüberhangs aus den Fugen geraten zu lassen. Der Grundsatz von Mini-Erfinder Sir Alec Issigonis, dass an jeder Ecke ein Rad zu sein hat, wird so auf jeden Fall nicht mehr erfüllt. Die Folge: Auch wenn das neue Volumenmodell der Marke sofort als Mini erkannt wird, scheint es nicht mehr so richtig in die Rolle des Herzensbrechers schlüpfen zu wollen. Dabei findet die präsentierte gestalterische Evolution bei dem gar nicht mehr so kleinen Engländer eigentlich nur im Exterieur statt. Das Interieur ist dagegen auf Revolution getrimmt und soll damit nicht nur häufig formulierte Kritikpunkte ausmerzen, sondern auch neue Kunden gewinnen.

Zu diesem Zweck wurde die mittige Anordnung des Tachos aufgegeben, sie wird durch ein Zentralinstrument ersetzt, das mit einem allerlei In-Car-Infotainment und einem bunt leuchtenden LED-Ring mit den Insassen interagieren soll. Der vor dem Fahrer bisher freistehende Drehzahlmesser musste daher der Geschwindigkeitsanzeige weichen und fristet nun sein Dasein als Halbmond zur Linken, während zur Rechten eine überdimensionale Tankuhr leuchtet. Klingt zwar komisch, fühlt sich aber in der Bedienung sehr nach BMW an, iDrive-artiger Controller in der Mittelkonsole und hochwertige Materialanmutung inklusive.Doch zu der gestalterischen Revolution im Innenraum gibt es auch noch die technische Innovation unterm Blech hinzu. Neben modernsten Fahrerassistenzsystemen (Head-Up-Display, Driving Assistant inklusive kamerabasierter aktiver Geschwindigkeitsregelung, Auffahr- und Personenwarnung mit Anbremsfunktion, Fernlichtassistent und Verkehrszeichenerkennung, Parkassistent und Rückfahrkamera) kommt auch eine völlig neue Motorengeneration zum Einsatz. Pro Zylinder werden jetzt 500ccm gestemmt und von einem Turbolader dabei angefeuert. So konzipiert versprechen die dreizylindrigen Cooper-Varianten als Benziner (136 PS, 220 Nm) oder Diesel (116 PS, 270 Nm) ordentlich Schub bei wenig Verbrauch. Darüber thront das vorläufige Spitzenmodell Cooper S, dessen Vierzylinder mit 192 PS und 280 Nm aber noch lange nicht ausgereizt scheint. Gebetsmühlenartig wiederholen die Mini-Repräsentanten bei der Präsentation im Werk Oxford in diesem Zusammenhang, dass bei aller Evolution, Revolution und Innovation eins beim alten bleiben wird: Das Gokart-artige Fahrverhalten. Aus diesem Grund spricht man auch gerne vom «Best Remake Ever», doch genau darin liegt die Krux. Wie bei vielen Neuverfilmungen von Blockbustern ist auch die Neuauflage des Mini technisch deutlich prächtiger und aufwendiger gestaltet geworden Damit ist man ab Marktstart im März durchaus in der Lage, ein weitaus breiteres Publikum anzusprechen. Doch der Charme des Originals ist dabei weitgehend verloren gegangen.