Es war ein feierlicher Akt, das neue Werk von VW Nutzfahrzeuge in Wrzesina (Polen) eröffnet wurde. Nicht nur die Führungsetage aus dem Konzern war anwesend, sondern auch ranghohe Politiker und gar der Bischof, der mit seinem Segen die Werkseröffnung besiegelte.
Dass das neue Werk aber in Polen, auf der Achse zwischen Berlin und Warschau, gebaut wurde, entspringt allerdings keineswegs göttlicher Fügung. Der Standort bietet sich nicht nur mit genügend Raum, sondern auch mit seiner Nähe zu Deutschland, qualifiziertem Personal und geringen Kosten geradezu an. Und die Region begrüsst einen grossen Arbeitgeber wie VW natürlich mit offenen Armen. Zusammen mit den fünf Zulieferern, die sich ebenfalls in der Region niederlassen, entstehen kurzerhand rund 14000 Arbeitsplätze. Schon der Bau der gigantischen Anlage beschäftigte bis zu 3500 grösstenteils regionale Bauarbeiter. Seit November 2014 gossen sie 50 000 Kubikmeter Beton, rammten 4000 Befestigungspfähle 16 Meter tief in den Boden und verlegten rund 15 Kilometer an Installationsrohren. Es entstand ein Fabrikkomplex auf einem Gelände, 500 Meter breit und ein Kilometer lang; und das in nur 23 Monaten. «Normalerweise dauert der Bau einer solchen Fabrik rund 30 Monate», erklärt der Vorstands-Vorsitzende Eckhard Scholz erfreut. Der milde Winter 2015 in Polen ermöglichte nahtloses Arbeiten.

Crafter für die Welt

Zwar ist das Werk in Polen, was man bei der Besichtigung kaum glauben will, nur das neuntgrösste VW-Werk weltweit, doch die Dimensionen sind dennoch einzigartig. Ist die Fertigungsstrasse einst voll angelaufen, was noch rund ein Jahr in Anspruch nehmen dürfte, laufen ab 2017 jährlich rund 100000 Stück des neuen Crafter ab dem Band. Der grosse Transporter und sein Schwestermodell, der TGE von MAN, sind eine Herausforderung für die Logistik. Nicht nur, weil die schieren Dimensionen, bis zu 7,39 Meter Länge und 2,8 Meter Höhe, die Masse üblicher Produktionsbänder sprengen, sondern auch, weil die Vielfalt beinahe grenzenlos ist. Verschiedene Längen sind genauso erhältlich wie verschiedene Aufbauten, vom Kastenwagen bis zum nackten Chassis. Hinzu kommen Schalt- und Automatikgetriebe, Front-, Heck- oder Allradantrieb. So kommen 69 Variationen zusammen.

Rund um die Uhr

Bei vollem Betrieb sind rund 3000 Mitarbeiter auf drei Schichten verteilt an den Produktionsbändern im Einsatz. So rollen bis zu 17 Crafter pro Stunde vom Band. Dass VW in dieses Werk rund 800 Millionen Euro investiert hat, macht in Anbetracht der steigenden Nachfrage durchaus Sinn. Leichte Nutzfahrzeuge wie der Crafter oder der MAN TGE erfreuen sich immer höherer Beliebtheit. Einerseits, weil der Online-Handel das Kurier- und Verteilgeschäft beflügelt, andererseits aber auch, weil sie weniger starken Regulationen unterliegen. Schwerverkehrsabgabe und Ruhezeitkontrolle gelten in der Schweiz für leichte Nutzfahrzeuge beispielsweise nicht; das macht sie für viele Transportunternehmen attraktiv, zumal auch Fahrer einfacher zu finden sind. Daher gab es auch für die Entwicklung des neuen Crafter klare Ziele, wie VW-Nutzfahrzeug-Boss Andreas Renschler betont: «Schneller, effizienter, sauberer und sicherer», fasst er die Stärken des Neulings zusammen.

Das wird der neue Crafter schon ab Anfang 2017 auf der Strasse beweisen müssen – im harten Arbeitsalltag.