Wenn eine Automarke eine Geschichte von 117 Jahren hat und dazu heute entgegen dem allgemeinen Trend jedes Jahr mit neuen Rekord-Verkaufszahlen aufwarten kann, ist der Zeitpunkt für eine Neueröffnung des eigenen Museums wohl nicht falsch gewählt. Bei Skoda kommt hinzu, dass sich über die Jahre ihrer Geschichte das politische und gesellschaftliche Umfeld so oft und dramatisch geändert hat, wie sonst bei keiner anderen Marke mit auch nur annähernd so langer Tradition. Da gibt es viel zu erzählen. Nur Mercedes-Benz und Peugeot von den heute noch bestehenden Marken können da altersmässig  mithalten. «Wer überholen will, muss in den Rückspiegel schauen», ist die schlichte Begründung von Skoda-Vorstandsmitglied Karl-Heinz Hell für das neue Museum, aber er betont auch: «Böhmen ist die Wiege des europäischen Automobilbaus».


Als der Buchhändler Václav Klement und der Fahrradmechaniker Václav Laurin im Dezember 1895 im mittelböhmischen Mladá Boleslav, das damals noch deutsch Jungbunzlau heisst, ihre Firma gründen, befinden sie sich noch im Reich der Habsburger. Zunächst werden Fahrräder repariert, drei Jahre später errichten sie eine kleine Fabrik und stellen Motorräder her, dann erfolgt bereits 1905 der Bau von Automobilen. Den Voiturettes mit 1100 ccm, 2 Zylindern und 7 PS folgten bald stärkere Modelle und die Angebotspalette wurde von Motorrädern und Autos auf Nutzfahrzeuge, Omnibusse, Strassenwalzen und landwirtschaftliche Maschinen ausgebaut. Schon früh macht man sich durch zahlreiche Siege auch im Rennsport einen guten Namen. Ein grosser Anteil der Fahrzeuge kann ins Ausland exportiert werden, bis an den Hof des japanischen Kaisers sogar.


Mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs 1914 wird aber die Produktion vollständig den Rüstungsbedürfnissen unterstellt und erst 1919 erfolgt wieder die Aufnahme der Autoproduktion. 1925 schliesst man sich der Maschinen- und Waffenfabrik Skoda an, wird bereits fünf Jahre später aber aus dem Grosskonzern  ausgegliedert. Die Firma Skoda Auto erlebt nach der Wirtschaftskrise 1930 eine Blütezeit mit ihrem Modell Popular, die jedoch bereits zehn Jahre später unter dem Druck der deutschen Besatzungsmacht zu Ende geht, denn im Krieg wird die Produktion einmal mehr vollständig den Bedürfnissen der Wehrmacht unterstellt.


1945 wird das verstaatlichte Unternehmen vom Stammhaus Skoda in Pilsen unter Beibehaltung des Namens vollständig getrennt. Die in den fünfziger Jahren entwickelten Modelle 1200 und 440 Felicia wurden Exporterfolge, während im eigenen Land die Interessenten sechs Jahre warten mussten. Bilder von Wartenden mit Schlafsäcken vor den Büros der Verteilfirma Mototechna erinnern an die Apple-Stores von heute, wenn wieder etwas Neues auf den Markt kommt. Auch in der Schweiz finden die Skodas dank dem rührigen Importeur Royal Garage der Gebrüder Macchi ihre Kunden; und das auf dem Höhepunkt des kalten Krieges. In den USA gelingt der grosse PR-Coup mit Photos der Miss USA 1957 im hübschen Felicia Cabriolet auf dem Prager Hradschin, worauf sich 15‘000 Interessenten melden. Wegen Produktionsengpässen gehen dann aber nur 408 Einheiten über den Atlantik. Der Badeanzug der Miss hängt heute als Erinnerung an diese Anekdote im Glaskasten des Museums.


In den sechziger Jahren bis zum Modell Favorit von 1987 bietet Skoda Kleinwagen-Modelle mit Heckmotor an. Die wichtigen Exportmärkte sind dann vor allem die sozialistischen Bruderländer wie die Sowjetunion und die ehemalige DDR. Ganz klar hatte man Mühe, mit den westlichen Fortschritten der Technologie Schritt zu halten und einige Exemplare dieser Zeit werden auch von Skoda-Leuten heute als «Gurken» bezeichnet. Doch es gibt eine Auferstehung, die auf einer Wand im Museum mit einem Zitat des weltberühmten tschechoslowakischen Langstreckenläufers Emil Zatopek so formuliert wird: «Wenn du nicht mehr kannst, dann gib Gas».


Als die tschechoslowakische Regierung 1990 die Privatisierung und den Verkauf von Skoda an einen internationalen Autokonzern beschliesst, macht Volkswagen gegen die Konkurrenten Renault und BMW das Rennen. Eine kleine Photographie der Vertragsunterzeichnung mit VW-Vorstandschef Hahn am 16. April 1991 ist übrigens die einzige Referenz im Museum an das Mutterhaus. Zu stolz ist man da bei Skoda auf die eigene Geschichte und die eigenen Verdienste, welche die Zusammenarbeit zu einer phänomenalen Erfolgsgeschichte für beide Beteiligten gemacht hat. «Das heute ist nur möglich, weil wir eine grosse Vergangenheit haben. Auch mit Fertigungen in Indien und China und bald in anderen Ländern: Skoda wird immer eine tschechische Marke bleiben», betont Karl-Heinz Hell. Tief sind die Wurzeln in Mladá Boleslav mit 25‘000 Angestellten bei einer Bevölkerungszahl von 45‘000, von denen nicht wenige Familien schon in dritter Generation im hochmodernen Werk arbeiten.


Die von Klement und Laurin vor über hundert Jahren benutzte kleine Fabrik hat den Krieg und die Zeiten danach weitgehend unbeschädigt überstanden, bedurfte jedoch einer dringenden Renovation wegen Baufälligkeit. So hat man aus der Not einer Tugend gemacht und nach Plänen des Stuttgarter Professors Thomas Hundt und seinem Büro jangled nerves das antike Gebäude total entkernt und ein hochmodernes Museum errichtet. Es umfasst 46 Fahrzeuge, hunderte Exponate, Filme, Interaktionen und Dokumente auf 1‘800 qm. Dazu kommen ein multifunktionales Forum für bis zu 600 Personen und ein Café-Restaurant mit 150 Plätzen. Eine höchst gelungene Integration von Moderne in eine bestehende alte Struktur, mit viel Licht und guter Uebersicht für den Besucher. «Simply clever», der Markenslogan, trifft sicher auf das Museum zu, für das man keinen besseren Ort finden konnte.

Anders als in traditionellen Museen sind die Exponate nicht chronologisch ausgestellt, sondern in die drei Bereiche «Tradition», «Präzision» und «Evolution» aufgeteilt. Das ist für den Besucher etwas gewöhnungsbedürftig, weil oft Autopaare völlig unterschiedlicher Epochen nebeneinander auf dem Podest stehen. So etwa der alltägliche Octavia Combi von 1961 (Stückzahl 54‘000) neben dem Typ 860, ein Achtzylinder-Modell von 1932, von dem nur 49 Exemplare gebaut wurden. «Stolz» ist die gemeinsame Verbindung und «Tradition» der Übertitel.


Interessant ist auch der Bereich Präzision, wo vier Autos aus den dreissiger Jahren vom Zustand als Scheunenfund bis zur Renovation zum Top-Zustand gezeigt werden. Die Pokale, Diplome und Fotografien im Hintergrund zeigen, dass man sich bei Skoda durchaus um die zahlreichen Skoda-Clubs auf der ganzen Welt kümmert und die Oldtimerszene ernst genommen wird.


Das Museum hat die richtige Grösse, ohne dass der Besucher von zu vielen Exponaten erschlagen wird. Die Autos werden von Zeit zu Zeit ausgetauscht werden, da noch rund 250 Exemplare in den Archiven lagern. Dank dem Forum ist das Museum multifunktionell und kann für Anlässe, Kongresse, Sonderausstellungen usw. verwendet werden. Man erwartet dass sich die bisherige Besucherzahl von jährlich 120‘000 in den nächsten Jahren verdoppelt. «Es wird ein Magnet für den Tourismus in der Tschechischen Republik», meint die Museumsleiterin dazu. Wer sich für Autos und ihre Geschichte interessiert und eh in der Touristenstadt Prag weilt, sollte sich den Ausflug ins 60 Kilometer entfernte Mladá Boleslav nicht entgehen lassen. Und für alle, die denken, dass der Marke Skoda immer noch der Mief der Kommunistenzeit anhängt, wird der Besuch schon fast zur Pflicht. Sie werden staunen.