Jaguar

Neuer Mut zur Mittelklasse

Jaguar XE

Jaguar XE

Ein Jaguar mit Dieselmotor in der Mittelklasse? Das gabs schon mal, der neue Versuch scheint aber deutlich wertiger.

Einige werden sich an den letzten Versuch von Jaguar erinnern, in der Mittelklasse Fuss zu fassen. X-Type hiess das Auto damals, als die Marke noch zu Ford gehörte. Ein Ford (Mondeo) war es denn auch, der als «Organspender» diente. Das wurde von der Kundschaft indes nicht sonderlich goutiert. Auch der Versuch, die Verkaufszahlen durch die Einführung eines 4×4-Modells zu pushen, gelang nicht wirklich.

Nun also ein neuer Versuch, im Segment, welches traditionell vom BMW 3er, dem Audi A4 und der Mercedes C-Klasse dominiert wird, erfolgreich zu sein. Die Anlagen dazu hat der XE auf jeden Fall. Er ist kein Derivat eines bestehenden Modells, sondern eine komplette Neuentwicklung. Die Karosserie des Viertürers ist zum grössten Teil (75%) aus Aluminium gefertigt (Rohgewicht 251 kg), die Motoren decken eine grosse Leistungsspanne ab und auf Wunsch gibts auch beim XE Allrad, Automatik und zahlreiche Zusatzausstattungen. Nicht weniger als sieben Motorisierungen stehen zur Wahl, 94 Optionen können geordert werden und zudem kann man aus 160 Zubehörartikeln auswählen. Das ist viel, aber die anderen Hersteller in dieser Kategorie setzen ja auch auf Individualisierung. Also hat man bei Jaguar die Hausaufgaben auch gemacht.


Der XE ist eine klassische Limousine, eine Karosserievariante, die in der Schweiz nach wie vor nicht sonderlich beliebt ist. Weltweit gesehen, verkauft sich diese Fahrzeuggattung aber nach wie vor gut. Und gut fährt sich der Brite auch. Egal ob mit Diesel- oder Benzinmotor, der XE fährt leise, ziemlich bequem und vor allem unauffällig. Dabei hat er es eigentlich faustdick hinter den Ohren. Denn wenn man die Zurückhaltung etwas ablegt, erscheint die Limousine in einem ganz anderen Licht. Das Fahrwerk (die Vorderachse stammt zu grossen Teilen aus dem Sportwagen F-Type) gehört zum Besten, was man sich derzeit kaufen kann. Wenig Seitenneigung der Karosserie, enorme Spurtreue und trotzdem mit genügend langen Federwegen ausgestattet, um auch üble Strassen zu «schlucken». Und dies ganz ohne eine elektronische Dämpferregelung (die es gegen Aufpreis in einigen Modellen auch gibt, aber eigentlich nicht nötig ist), die gute Achskinematik der Aluminium-Bauteile und saubere Abstimmungsarbeit scheinen den Jaguar-Ingenieuren auszureichen, um ein richtig fahraktives Auto zu bauen.

Jaguar XE

Jaguar XE

Besonders gefallen haben uns neben dem potenten V6-Modell mit Kompressor und satten 340 PS vor allem die neuen Dieseltriebwerke. «Ingenium» werden die neuen Motoren bei Jaguar genannt. Die Zweiliter-Vierzylinder leisten je nach Ausführung im XE 162 oder 180 PS. Das Aluminium-Aggregat läuft sehr ruhig, verfügt über variable Steuerzeiten auf der Auslassseite, eine variable Turbinengeometrie des Laders und eine Common-Rail-Einspritzung mit einem Druck von bis zu 1800 bar. Das sind nur technische Details, sie generieren aber ein sehr kraftvolles Gesamtbild. Das maximale Drehmoment liegt bei 380 bzw. 430 Nm ab 1750 Umdrehungen. Gekoppelt werden können die Triebwerke entweder an eine Achtstufenautomatik oder an ein manuelles Getriebe. Jaguar spricht bei der 163-PS-Version mit Handschaltung von einem Verbrauch von 3,8 Liter pro 100 Kilometer. Natürlich sind auch Zweiliter-Benziner lieferbar, diese Motoren sind aber etwas in die Jahre gekommen und stammen im Grundsatz noch von Ford. Sie kommen auch in anderen Konzernmodellen wie zum Beispiel beim Range Rover Evoque zum Einsatz und bieten bis zu 240 PS.


Ein klassischer Jaguar hat natürlich Hinterradantrieb. Dieser hat aber, insbesondere im Winter, auch Nachteile. Um diese zu minimieren, verbauen die Briten die so genannte «All Surface Progress Control». Das elektronisch gesteuerte System ist für alle XE-Modelle mit Automatik-Getriebe lieferbar. Selbst auf extrem rutschigem Untergrund – wie nassem Gras oder schneebedeckter Fahrbahn – baut das System bei Geschwindigkeiten zwischen 3,6 und 30 km/h ohne Durchdrehen der Räder maximale Haftung auf – und zwar ohne zutun des Fahrers. Ausprobieren konnten wir dies bisher allerdings nicht, wer auf Nummer sicher gehen will, wird den XE wohl aber mit 4×4 bestellen. Der Einstieg in die Mittelklasse könnte gelingen. Denn nicht nur das Produkt stimmt, auch der Preis scheint fair.
Den neuen XE gibt es in der Basisversion ab 40 800 Franken (Diesel, 163 PS), die Benziner beginnen bei 41 800 Franken (200 PS) und den Top-XE mit V6-Kompressor gibt es ab 62 200 Franken. Bei diesen Preisen muss der Kunde allerdings hinnehmen, dass einige Detaillösungen, wie zum Beispiel die Entriegelung der Rücksitzlehnen, etwas gar billig ausgeführt wurden. Immerhin ist im Fahrgastraum, bei den Assistenzsystemen und beim Infotainment nichts von Sparpreisen zu bemerken. Und man wird auch verschmerzen, dass der Kofferraum mit einem Volumen von 450 Litern nicht gerade zu den voluminösesten gehört.

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