Klischees sind hartnäckig. Wer noch nie am alljährlichen GTI-Treffen am österreichischen Wörthersee war, hat vermutlich folgendes Bild davon im Kopf: Wummernde Bässe, torkelnde Fans und sich in Rauch auflösende Reifen. «Gummi, Gummi!», lautet die Devise. Überholtes Klischee oder Tatsache? «Es ist ruhiger geworden», meint der einheimische Taxifahrer treffend. «Wir wollten zurück zu den Fans und weniger Glamour», sagt VW-Vorstand Jürgen Stackmann. Das Wörthersee-Treffen will zurück zu den Anfängen.
Vor 35 Jahren startete der Anlass am See als kleines Treffen für Enthusiasten, fünf Jahre nachdem der erste Golf GTI auf den Markt kam. Schnell entwickelte es sich zur namhaften Veranstaltung und zum Pflichttermin für jeden GTI-Fan. Grösser, schriller, wilder.

Kleiner ist feiner
Bescheidenheit ist seit letztem Herbst bei VW angesagt; und das überträgt
sich nun auf das Wörthersee-Treffen. Denn: Wer die klischeehaften Szenen erwartet, wird grösstenteils enttäuscht. Der Publikumsandrang ist freilich immer noch sehr hoch. Und ja, es gibt
auch qualmende Reifen zu sehen, auf einem eigens dafür abgesperrten Platz.
Doch: Es geht gesittet zu und her. Ein Corso von VW pflügt durch die Strassen. Im Schritttempo. Denn: Es geht nicht ums Rasen, es geht ums Sehenund- gesehen-Werden. Spätestens jetzt wird keiner mehr enttäuscht.
Eine gigantische Vielfalt an VW-Modellen von neu bis alt, und natürlich ist beinahe kein Auto im Serienzustand.

Tief, breit, kreativ
Erlaubt ist, was gefällt. Breite Reifen und grosse Felgen, Tieferlegung bis zum Anschlag oder schrille Farben und Dekos. Es braucht einiges, um aus der Masse an individuellen Autos herauszustechen.
Zweifellos gelungen ist das dem Glarner Simon Kamm. In unzähligen Schrauberstunden hat er seinen alten Golf zum «Seegolf» umgebaut. Der komplette Innenraum ist holzbeplankt, gelenkt wird über ein Schiffssteuer, und im Kofferraum findet man einen Kompass.
Man könnte den Golf stundenlang betrachten und entdeckt immer neue Details. Sei es auf dem Dachgepäckträger, wo sich Bananenkisten stapeln, an der Front, wo Signallampen, ein mit
Moos überwachsenes VW-Emblem oder die Holz-Stossstange prangen oder am Heck – wo der Golf einen Bootsanhänger zieht. Im kleinen Ruderboot sitzt das Piratenskelett samt Tabakpfeife.
Ein rollendes Kunstwerk, das an Kreativität kaum zu überbieten ist.
Und: Der Seegolf darf legal auf der Strasse fahren. Die Prüfer des Strassenverkehrsamts kennt der junge Schrauber inzwischen persönlich. Sowieso kennt man sich in der Szene. Wer grad nicht im Corso mitfährt, geniesst die Gesellschaft. Man sitzt im Auto oder auf Campingstühlen zwischen den Autos, schaut sich die bunte Vielfalt an oder fachsimpelt hier und
da. Oder: Man geht auf Einkaufstour. Nebst Essen kann man am Wörthersee Tuningteile aller Art kaufen: Vom einfachen Aufkleber bis zum komplexen Sportfahrwerk.

Lehrlingskreation
Für VW ist der Auftritt am Wörthersee immens wichtig. «Wir haben im Vorfeld viel mit den Fanklubs zusammengearbeitet», sagt Stackmann. So bietet der Autobauer am grossen Stand nicht nur
ein ganztägiges Animationsprogramm, sondern vor allem auch Autos. Schliesslich wollen die Fans etwas zu sehen bekommen. Zum 40-Jahr-Jubiläum stellte man alle sieben Generationen des Kultsportlers aus. Ohne Abschrankungen, damit sie auch aus der Nähe begutachtet werden können.
Um zu zeigen, dass man die Fans versteht, baut VW für jedes Wörthersee-Treffen eigene Kreationen. Die VW-Lehrlinge durften für das 35. Treffen zeigen, was sie draufhaben. Mit dem Golf R Variant Performance zeigen die Jungen einen rot-silbernen Kombi mit 350 PS, 2500-Watt-Stereoanlage und passendem Kinder-Laufrad im Kofferraum; schliesslich ist der Golf auch Familienauto.
Die zweite Kreation, der Golf GTI Heartbeat, basiert auf dem aktuellen GTI. Zum Jubiläum gab es für jedes Jahr 10 PS, also total 400. Der Heartbeat verfügt über ein dickes Soundsystem anstelle einer Rückbank, sportliche Schalensitze und ein eigens angefertigtes Aerodynamik-Paket.
Der VW-Nachwuchs scheint genau zu wissen, was die Fans wollen. Das GTIFieber ist zum Glück noch hartnäckiger als die Klischees.