VW in Genf

Bühnenreif

Volkswagen blickt am Autosalon nach vorn und zeigt eine weitere Studie für ein E-Auto. Bis die Revolution auf die Strasse findet, dauert es aber.

Die Volkswagen-Gruppe muss vieles ändern. 2015 wurde der Konzern, aus eigenem Verschulden, durchgeschüttelt, nachdem der Diesel-Skandal publik wurde. Das Ausmass des Skandals hat sich ausgeweitet, der Konzern war immer wieder in den Schlagzeilen.
Gleichzeitig gab sich VW bemüht, den Blick vorwärtszurichten und das Image aufzupolieren. Dazu gehören vor allem die grossen Pläne bezüglich E-Mobilität, wo der Konzern die Führungsrolle anstrebt.
Doch die Pläne sind nur Visionen, die Kunden haben davon noch nichts. 2016 präsentierte VW auf der Messe in Paris den Concept-Car I.D. als Ausblick auf ein Elektroauto, basierend auf dem geplanten Baukasten für E-Antriebe. Seither gab es jedes Jahr eine Studie auf derselben Plattform, dazwischen ein paar aufgefrischte Versionen einer bereits bekannten Studie. Zweifellos interessante Spielarten, wie man Strom in Autos unterschiedlichster Segmente bringen könnte. Diese Fortsetzungsgeschichte gipfelt nun in Genf, wo VW den I.D. Buggy präsentiert. Die Neuinterpretation einer emotionalen Legende, wie VW-Chef Herbert Diess bei der Präsentation betont


Hoffen auf einstigen Glanz
Der Buggy wurde in den 1960er- und 1970er-Jahren auf Basis des Käfers gebaut – allerdings nicht von VW selbst, sondern von diversen privaten Anbietern. Den Glanz aus den vergangenen Tagen will man nun mit dem I.D. Buggy in die Gegenwart holen, zumindest auf der Bühne. Serienchancen gibt es für den I.D. Buggy praktisch keine, die Aussicht auf Profit wäre wohl zu gering.
Erste Ergebnisse der E-Offensive von VW werden wohl 2020 zu sehen sein, wenn der I.D. auf die Strasse rollt: ein Stromer in der Golfklasse, der mindestens 330 Kilometer Reichweite bieten soll. Nach und nach sollen dann auch Skoda und Seat von der Technik des I.D. profitieren können und ihre Modelle lancieren. Wie in anderen Segmenten auch will VW abwarten, entwickeln und dann ein Produkt auf den Markt bringen, welches das Feld gewissermassen von hinten aufrollt. Ob das gelingt, muss sich zeigen. Denn die Konkurrenz schläft nicht. Hyundai bietet mit dem Kona electric bereits heute einen kompakten Crossover an, der mit einer Normreichweite von 453 Kilometern alltagstauglich ist. Ende des Jahres zieht die Schwestermarke Kia mit einer E-Version des Soul nach, die ähnliche Reichweiten bietet. Der PSA-Konzern bringt noch 2019 den elektrischen 208, Renault-Nissan befasst sich schon länger mit dem Thema E-Mobilität und verbessert seine Modelle stetig. VW will diesen Rückstand mit Investitionen aufholen. Mehr als 40 Milliarden Euro will der Konzern bis 2023 in neue Technologien investieren. Ein gigantischer Betrag, der für den gigantischen Konzern aber tragbar sein dürfte: Allein 2017 erwirtschafteten die Wolfsburger einen Nettogewinn von 17 Milliarden Euro. Doch: Kann man langjährige Erfahrungen mit grossem Geld wettmachen?
Auch beim Thema Van oder SUV gehörte VW nicht zu den Ersten, die ein solches Modell lancierten. Dennoch konnte man sich erfolgreich etablieren. Aber eine neue Karosserievariante ist bedeutend einfacher zu realisieren, als ein neues Antriebskonzept. Das zeigt sich jetzt ein Stück weit bei Audi. Der gross angekündigte SUV mit E-Antrieb, der e-tron, sollte noch Ende 2018 starten. Die ersten Kundenauslieferungen sind nun auf Ende März diesen Jahres verschoben worden.


Rendite ist Trumpf
Die Technik ist die eine Sache. Mindestens genau so wichtig ist aber die Akzeptanz beim Kunden. Viele stehen dem E-Antrieb skeptisch gegenüber. Es braucht Aufklärung, um das Thema in Schwung zu bringen. Man muss den Konsumenten an die E-Mobilität heranführen: Volvo, Daimler und BMW machen das mit Plug-in-Hybrid-Autos, die über kürzere Strecken elektrisch fahren, aber auch mit Benzin betrieben werden können, um dem Kunden die Angst vor dem Liegenbleiben zu nehmen. Die Plug-in-Hybrid-Antriebe werden, dank Baukasten-Prinzip, in fast alle Modelle eingebaut. Das lohnt sich in Sachen Stückzahlen nicht zwingend, ist aber ein Image-Gewinn und eine Möglichkeit, elektrisches Fahren erlebbar zu machen. Das könnte auch der VW-Konzern, schliesslich sind die modularen Plattformen und die Antriebe vorhanden. Porsche ist die einzige Konzernmarke, die diese Strategie konsequent umsetzt, Audi hat nachgezogen. Bei diesen Marken lässt sich die komplexe Technologie zu guten Preisen verkaufen. Bei kleineren, günstigeren Modellen, zum Beispiel dem kompakten Crossover T-Roc, sieht man aber zu wenig Renditepotenzial für solche Experimente.
Schliesslich ist der VW-Konzern ein wirtschaftlich geführtes Unternehmen, das in erster Linie gewinnorientiert handelt. Und die Ergebnisse geben VW recht: 2018 verkaufte der Konzern 10,83 Millionen Fahrzeuge – mehr als jemals zuvor. Ein Anstieg von 0,9 Prozent gegenüber 2017. Solange sich die Zahlen so entwickeln, hat man verständlicherweise auch keine Eile, das angestammte Geschäftsfeld zu verlassen. Der Image-Schaden aus der Dieselkrise scheint sich also in Grenzen zu halten, die Kunden bleiben treu. Trotzdem wird es höchste Zeit, die E-Auto-Offensive auch auf der Strasse zu starten. Ansonsten zieht die Konkurrenz früher oder später vorbei.

Meistgesehen

Artboard 1