Wenn die Amerikaner etwas können, dann lässig sein. Was kümmern so angesagte Sachen wie einstellbares Fahrwerk, mehrstufiges Stabilitätsprogramm oder gar Doppelkupplungsgetriebe? All you need: V8. Möglichst mit über 5 Litern Hubraum. Doppelte Querlenker am Fahrwerk oder gar mächtige Rennbremsen? Ach, das ist doch was für Jungs, die auf Corvette stehen.

Wer einen Camaro fährt, der ist vor allem cool. So ein Camaro ist schon immer etwas Besonderes gewesen, die Autos der ersten und zweiten Generation sind echte Klassiker. Die hatten damals Kultstatus und sind heute nicht gerade billige Sammlerstücke. Was danach kam, war dann leider eher: bieder. Denn eines ist klar: Zum schnell Fahren ist so ein neuer Camaro nicht gemacht. War er allerdings schon damals nicht, ausser es ging  geradeaus. Und trotzdem haben wir unserem Tankstellenbetreiber immer wieder ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Unter 12 Liter pro 100 Kilometer haben wir den Schnitt nicht gebracht. Das ist eine ganze Menge Benzin gemessen an den Fahrleistungen. Aber es ist gemessen an dem, was diese Fahrzeuge noch vor 15 Jahren verbrauchten: wenig.

Und der Sound des klassischen V8-Motors? Etwas zu dezent – schade, gerade in einem Cabrio wünscht man sich doch die klassisch-amerikanische Soundkulisse, bollernder und protzender Sound aus den acht grossen Töpfen, man will hören, wenn die grossen Zylinder des 6,2 Liter geflutet werden. Dass man das Verdeck erst manuell entriegeln muss, bevor man es elektrisch öffnen kann, damit können wir bei einem Auto zu diesem Preis leben. Und damit, dass die Verarbeitung und die Materialien im Innenraum vielleicht nicht ganz so toll sind wie bei einem Jaguar F-Type, auch. Aber, dass man zum Beispiel einen Teil der Zusatzinstrumente am Mitteltunnel gar nicht sehen kann, weil die Drehregler der Heizung/Lüftung die Sicht ver sperren – solche Dinge können heute nur noch die Amerikaner und Lada bauen. Das Camaro Cabriolet ist ein Viersitzer. Hinten sitzt man zwar etwas beengter als vorne, aber gut. Doch der Orkan, der bei offenem Dach da hinten tobt, ist wohl nur im Hochsommer auszuhalten. Natürlich ist der Chevy nicht das einzige viersitzige Cabrio, bei dem es im Fond ungemütlich wird, aber wir wollen es dennoch nicht unerwähnt lassen. Immerhin: Bei tiefen Tempi ist es durchaus aushaltbar. Und, den fehlenden Sound aus den Endrohren kann man dank einem Soundsystem von Boston ganz einfach durch Lady Gaga ersetzen. Wobei – die jungen Leute von heute stehen ja nicht mehr auf die klassische Bauweise mit V8 vorne und Antrieb hinten. Also wird wohl eher Elton John aus den Boxen seine Nikita anhimmeln.

Natürlich kann man den Chevy auch um Kurven treiben. Am besten tut man dies wie ein erfahrener Kapitän: Das Lenkrad etwa in die Position der gewünschten Fahrtrichtung drehen und dann mit dem Schub den ge nauen Lenkwinkel regeln. Denn so schlecht geht der V8 auch nicht, auch wenn man das durch die Automatik und den fehlenden Sound gar nicht so mitbekommt. 432 PS sind schliesslich 432 PS, und gemäss Werk soll der Chevy in 5,4 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h sprinten. Begeistert hat uns der Chevrolet zwar nicht restlos, aber man muss es natürlich auch in Relation zum Preis setzen. Ab 49'900 Franken ist so ein Camaro zu haben, mit Automatik und als Cabrio mit etwas Ausstattung sind es dann gut 58'000 Franken. Der Camaro ist nicht billig, aber doch günstig. Und hat deutlich mehr Charakter als so manches andere Cabriolet in seiner Klasse. Andererseits: die Preisdifferenz zu einer Corvette (serienmässig mit herausnehmbarem Dach) ist doch gering geworden. Denn die neue Corvette C7 Stingray ist ab rund 80'000 Franken zu haben. Aber sie wird dem Camaro trotzdem kaum ins Gehege kommen, denn sie ist ja kein cooler Cruiser, sondern ein echter Sportwagen.