Mercedes-Benz
Ich will kein Bus mehr sein

Mercedes-Benz hat die neue V-Klasse präsentiert und sagt über den Nachfolger des Vianos, dass jetzt Schluss ist mit Bus.

Axel Griesinger
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Mercedes-Benz V-Klasse

Mercedes-Benz V-Klasse

HO

Nach dem Öffnen der elektrischen Schiebetür nimmt man Platz auf dem weich belederten Einzelsitz eines V 250 BlueTec Avantgarde. Wir geben dem Fahrer das Zeichen, die 190 PS der Topmotorisierung zu starten. Der 2,1-Liter-Vierzylinder nimmt geschmeidig den Dienst auf und grummelt zufrieden selbstzündend vor sich hin. Hier wird Fortschritt hörbar. Während man im Vorgänger immer glaubte, dass speziell die vierzylindrigen Diesel-Aggregate eher im Innenraum statt im separaten Motor-Kompartiment ihre Arbeit verrichteten, ist die V-Klasse hervorragend gekapselt.
Zusätzlich verspricht Mercedes-Benz mit dem weiterentwickelten Biturbo-Motor Sechszylinder-Kraft mit Vierzylinder-Verbrauch. Das mit dem Verbrauch lässt sich sogar bestätigen, der Chauffeur, der es gekonnt versteht, den 2,2-Tonner mit Tempi jenseits der 160 km/h über bundesdeutsche Autobahnen zu treiben, bestätigt auf Nachfrage, dass die Durchschnittsverbrauchsanzeige geflissentlich vor der 12-Liter-Grenze innehält. Dieser Wert ist natürlich kilometerweit entfernt von den versprochenen 6,0 Liter Diesel, doch wer eine Querschnittsfläche von rund 3,6 m 2 durch den Wind peitscht, muss mit solchen Verbrauchsstürmen rechnen.
Gut, dass man im Inneren davon nicht viel mitbekommt, denn dank des aerodynamischen Feinschliffs (cw = 0,31) an diesem 5,14-Meter-Koloss pfeift und zischt nichts, wenn man verzweifelt nach einer 12-Volt-Steckdose für sein Smartphone oder einer Sitzheizung sucht. Ersteres gibt es, jedoch nur in Kombination mit einem 935 Franken teuren Klapptisch. Der zweite Wunsch bleibt für die beiden hinteren Sitzreihen leider unerfüllt, denn die Bestuhlung der maximal sechs hinteren Sitzplätze ist nicht fest verschraubt, sondern kann bei Bedarf verschoben, ausgebaut oder gedreht werden. Wobei man sich das gut überlegen sollte, denn der Wunsch, einmal gegen die Fahrtrichtung chauffiert zu werden, führt zu einer 45-minütigen Fahrtunterbrechung und brachte drei Männer fast zur Verzweiflung. Nicht weil so ein Einzelsitz knapp 30 kg wiegt, sondern weil der Wiedereinbau einer überraschend hohen Präzision bedarf, damit die sechs Greif arme wieder sauber in den zwei Laufschienen auf dem Führungsschlitten einhaken.
Wir betrachten die Grossraum-Limousine etwas beschämt von aussen. Ja, das ist an der Front die neue Formensprache, wie man sie aus dem Pw-Bereich seit Einführung der aktuellen A-Klasse kennt: aufrechte Kühlermaske, grimmiger Blick, der durch die Tagfahrlichtbraue der optionalen LED-Scheinwerfer zusätzlich betont wird. Im Profil beweisen die schwäbischen Designer dann, dass man einem rechteckigen Quader durch den geschickten Einsatz von Lichtkanten, sowie konkaven und konvexen Flächen durchaus Dynamik verleihen kann. Die V-Klasse steht stämmig vor einem und glänzt besonders mit ihrem praktischen Heck, das sich in der gehobenen Avant garde-Ausstattungslinie zweigeteilt öffnet. Man muss also nicht immer die riesige Heckklappe komplett aufsperren (wofür wir dringend die Option «Easy Pack» empfehlen, denn dann klappt das elektrisch), sondern kann sich auf die Heckscheibe beschränken.
Es wird Zeit, das Ruder der V-Klasse endlich selber zu übernehmen. Wir bitten unseren Chauffeur zum Platztausch, und beim Erklimmen der bustypischen Sitzposition überrascht uns das Fahrzeug, das kein Bus sein will, mit C-Klasse-Flair. Geschwungenes Cockpit, feine Materialien, stehendes Zentraldisplay, neuer Touchpad-Controller und etliche Assistenz systeme (serienmässig gegen Seitenwind, Unaufmerksamkeit und Müdigkeit und optional für Unfallvermeidung, sowie gutes Längs- und Querparken) lassen tatsächlich Limousinen-Atmosphäre aufkommen.
Doch leider mussten wir feststellen, dass diese Verwandtschaft zur C-Klasse in der Praxis ein Problem aufwirft: Es gibt nur eine vernünftige Ablagemöglichkeit – und die befindet sich irgendwo im tiefen Graben zwischen Fahrer und Beifahrer. Ansonsten bestätigt sich aber der Eindruck aus der dritten Sitzreihe: Die V-Klasse fährt sehr gefällig. Verantwortlich ist dafür in erster Linie eine elektromechanische Servolenkung, die eine überraschend präzise Rückmeldung von den 18-Zoll-Rädern an den Fahrzeug führer übermittelt, ein butterweich schaltendes 7-Gang-Automatikgetriebe und das selektive Dämpfungssystem, welches die V-Klasse straff, aber nicht unkomfortabel federn lässt. Nur wofür der im Agility- Select-Schalter wählbare Sportmodus ist, bleibt uns verschlossen, denn die daran gekoppelte Drehzahlanhebung nervt und die Verhärtung der Lenkung ist über flüssig.
Eigentlich ist es schade, dass die V-Klasse kein Bus sein darf, denn sie wäre ein wirklich guter Vertreter ihrer Gattung. Trotzdem darf man davon ausgehen, dass dieses Stuttgarter Produkt auch als Grossraumlimousine dem einzigen echten Wettbewerber und ewigen Platzhirsch, dem VW Multivan, das Leben schwer machen wird. Die Sterne stehen dafür nämlich gut und ab Juni auch in den Showrooms. Die V-Klasse startet dann in drei Längen ab 52’900 Franken und vielen schönen kostspieligen Sonderausstattungsmöglichkeiten. Ab Winter 2014 wird die Baureihe zusätzlich um allradgetriebene Varianten ergänzt.

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