Auf der Strasse wird man dieses Auto wohl so gut wie nie antreffen. Nur gerade elf BMW M4 GTS kamen in die Schweiz; insgesamt wurden 700 Stück gebaut. Nummer elf ist eigentlich auch schon verkauft. Aus und vorbei. Keine Chance mehr, einmal die Hände an das flauschige Alcantara­Lenkrad des schnellsten BMW aller Zeiten zu legen. Nicht ganz: Bevor der GTS ausgeliefert wird, hat ihn BMW noch für ein paar Testrunden in das TCS­Testcenter in Hinwil gebracht – inklusive DTM­Profi Martin Tomczyk. Eine Testfahrt auf der Strasse ist ohnehin nicht nötig. Der sportliche Bayer darf zwar ohne Einschränkungen dort gefahren werden. Zwar sehr hart gefedert und in Sachen Geräuschkulisse wenig zurückhaltend, aber das dürfte die Fans kaum abschrecken. Eher einschränkend sind wohl ohnehin die Tempolimits. Mit satten 500 PS unter der Haube steht der Tacho schon nach 3,8 Sekunden auf 100 km/h, erst bei 305 km/h setzt der elektronische Begrenzer ein.

Mehr Dampf dank Wasser

Im Vergleich zum bisher stärksten M4 (450 PS mit «Competition-­Paket») gewinnt der GTS nochmals 50 PS und 50 Nm Drehmoment. Mit verantwortlich dafür ist eine Wassereinspritzung. Im Kofferraum befindet sich ein kleiner Tank mit destilliertem Wasser. Das wird bei erhöhter Leistungsnachfrage in den Ansaugtrakt des Sechszylinders eingespritzt, was die Temperatur dort um gut 25 Grad reduziert. So kann mit höherem Ladedruck der zwei Turbolader und früherer Zündung gefahren werden, was für die Mehrleistung sorgt – und zudem den Verbrauch reduziert. Je nach Fahrweise muss das Wasser etwa bei jedem fünften Tankstopp nachgefüllt werden. Der M4 GTS will aber nicht nur geradeaus schnell sein. Das Gewicht wurde um 30 Kilo reduziert, hauptsächlich durch den Verzicht auf die Rückbank. Ein grosser, verstellbarer Spoiler auf dem Heckdeckel und ein zusätzliches, ebenfalls verstellbares Leitwerk an der Front sorgen dafür, dass der M4 GTS bei hoher Geschwindigkeit zusätzlich auf die Strasse gepresst wird. Das Fahrwerk wurde komplett überarbeitet. Es lässt sich nicht mehr per Knopfdruck verstellen, sondern nur noch per Schraubenschlüssel unter dem Auto abstimmen. Das reduziert zwar den Federungskomfort, hat dafür aber auch viele Vorteile. «Der grösste Unterschied zum M4 liegt in der Vorderachse. Da baut der GTS deutlich mehr Haftung auf. Zudem erlaubt er weniger Seitenneigung», erklärt Tomczyk. Das Plus an Haftung nutzt der Rennprofi auch voll aus, wenn er zeigt, was mit dem schärfsten Bayern alles möglich ist. Offensichtlich ist dieses Auto genau nach dem Geschmack des Rennfahrers. Präzise und agil lässt sich der GTS millimetergenau platzieren – und bei Bedarf lässt die 3-­Liter-­Maschine die Hinterräder durchdrehen, wovon dicke schwarze Striche auf dem Asphalt zeugen. In den Händen des Profis sieht das alles kinderleicht aus. Nur: Nicht jeder Käufer wird Profi­Rennfahrer sein. Also: Auf zum Selbstversuch!

BMW M4 GTS Nuerburgring Nordschleife.

BMW M4 GTS Nuerburgring Nordschleife.

Auf der Nürburgring Nordschleife erzielte der BMW M4 GTS eine Rundenzeit von 7:28 Minuten. 

Sportler auf Zack

Schon im ersten Moment wird klar, dass es BMW mit dem M4 GTS ernst meint. Kein blosser Showcar für die teuren Pflaster, sondern ein reines Sportgerät. Rückbank? Raus! Feine Leder­Türverkleidung? Raus! Vollautomatische Klimaanlage? Raus! Dafür gibt es einen dicken Überrollbügel, Schalensitze samt Renngurten und einen Feuerlöscher. Und natürlich das dick aufgepolsterte Lenkrad mit Schaltwippen, an dem der GTS ordentlich festgehalten werden will. Ein Druck auf den Startknopf, und es scheint, als hätten die Herren bei der M­GmbH, wo der GTS gebaut wird, sämtliches Dämmaterial im Auspuff weggelassen. Herzhaft röhrt es aus den vier Endrohren, wenn man aufs Gas steigt, und imposant knallt und blubbert es, wenn man den Fuss wieder vom Pedal nimmt. Ein grosses Motorsportfest. Ansonsten bleibt der M4 GTS aber erstmal zahm, sofern die elektronischen Helferlein eingeschaltet bleiben. Er lässt sich ungemein flott in die Kurve werfen, bietet fast endlosen Grip und lässt sich so direkt und präzis dirigieren, wie es nur wenige Strassenautos möglich machen. Was der Fahrer denkt, wird sofort umgesetzt, man fühlt sich sofort eins mit der Maschine. Will man den wahren Geist des M4 GTS erfahren, muss man der Elektronik eine Pause gönnen. Zwar erlaubt der Sportmodus der Stabilitätskontrolle schon sehr viel Freiheit und bremst nie ein, wenn man richtig schnell sein will. Doch der GTS legt es geradezu darauf an, auch mal richtig bös zu sein. Den Reifen zuliebe wurde das auf nassem Grund getestet. Was bleibt: die unbeirrbar stabile Vorderachse. Was sich ändert? Das Heck wird deutlich lebendiger. Kein Wunder, wenn 600 Nm Drehmoment, dirigiert vom rechten Fuss, direkt an die Hinterachse wandern. Der M4 GTS ist ein giftiges Tier, das beherrscht werden will. Er kündigt zwar verlässlich an, was als Nächstes geschieht, erfordert aber wache Reflexe und verzeiht weniger als seine zivileren Brüder. Und genau da liegt ja schliesslich und endlich der Reiz des sport lichen Fahrens. Ein kontrollierter Tanz am Limit. Bis man den allerdings so perfekt, präzis und gelassen meistert, wie DTM-­Pilot Tomczyk, muss man viel üben. Sehr viel. Im M4 GTS findet man dafür den perfekten Partner, auch weil die Keramikbremse auch bei hoher Beanspruchung nicht müde wird. Nur zwei Probleme gibt es dabei: Mindestens 186 300 Franken kostet, oder kostete, der M4 GTS. Ein «normaler» M4 kostet rund die Hälfte. Aber eben, und das ist das zweite Problem, der GTS ist bereits ausverkauft. Sollte aus unerklärlichen Gründen einer auf dem Gebrauchtwagenmarkt auftauchen, wird er bestimmt nicht unter dem Neupreis gehandelt. Insofern kann man den elf Glück lichen nur raten und wünschen, ihren M4 GTS auch mal auf einer abgesperrten Strecke zu bewegen. Zu erleben, wofür der Sportler gebaut wurde. Das schult die Reflexe und sorgt für ordentlich Adrenalin und Spass. Und könnte dafür sorgen, dass man den GTS noch seltener auf der Strasse antrifft, weil er eben auf der Rennstrecke zu Hause ist