Zwölf Zylinder stehen für automobilen Überfluss: Laufruhe, Leistungsreserven und gediegene Souveränität. Den Weg in die deutsche Luxusklasse fand der Zwölfender nach den Kriegsjahren erst 1987 mit dem BMW 750i. Ein absolutes Alleinstellungsmerkmal damals; Mercedes folgte erst 1991 mit dem 600 SE. Der 750er brachte es damals auf 300 PS aus fünf Litern Hubraum, was ihn zum stärksten Serienmodell der Münchner machte.

Nun feiert man bei BMW das 30-Jahre-Jubiläum des Zwölfzylinders mit einer Neuauflage. Auch der aktuelle Siebner darf wieder aus dem Vollen schöpfen. 6,6 Liter Hubraum und zwei Turbolader machen den M760Li xDrive auch 2017 zum stärksten Serienmodell aus München. Mit 610 PS und 800 Nm Drehmoment wird die grosse Limousine, die ausschliesslich in der 5,24 Meter messenden Langversion und mit Allradantrieb angeboten wird, zugleich zum schnellsten Strassen-BMW aller Zeiten beim Sprint auf 100 km/h. Den erledigt der 2,2-Tönner in gerade mal 3,7 Sekunden. Theoretisch sind – gegen Aufpreis – bis zu 305 km/h möglich. Aber das sind alles bloss Zahlen. Schliesslich lassen sich ähnliche Leistungswerte inzwischen auch mit kleineren, turbogeladenen V8-Motoren realisieren, wie beispielsweise Alpina mit dem B7 beweist. Wozu also noch der Aufwand für den V12?

In der Ruhe liegt der Reiz

Objektiv gesehen wäre der 12-Zylinder also vielleicht nicht unbedingt nötig, zumal er mit einem Normverbrauch von 12,8 l/100 km in Sachen Verbrauch eher schlechte Karten gegenüber vergleichbar starken Achtzylindern hat.

Aber es gibt Gründe, die unweigerlich für den grossen Zwölf ender sprechen; nicht nur Image und Tradition. Diese Gründe sind zwar kaum objektiv messbar, dafür umso besser spürbar. Durch die kürzeren Zündabstände bietet der 12-Zylinder unvergleichliche Laufruhe und einen sehr satten Drehmomentverlauf – und lässt die statt liche Limousine noch souveräner gleiten. Schon ab 1550 Umdrehungen steht das maximale Drehmoment bereit. Höhe re Drehzahlen braucht man im Strassenalltag selten. Vom Motor ist dabei kaum etwas zu hören oder zu spüren. Er schiebt den Wagen spielerisch und ohne Anstrengung voran – wie es eben nur ein Zwölfzylinder kann. Kaum verwunderlich, schliesslich hat der Motor seinen Ursprung bei der BMW-Tochter Rolls-Royce. Für den Einsatz im Siebner wurde er aber in allen Belan gen überarbeitet und angepasst. Denn das neue Aushängeschild der Marke hat eben auch das berühmte M»im Namen. Als «M-Performance-Modell» ist der M760Li zwar nicht auf das allerletzte Quäntchen an Sportlichkeit aus, wie beispielsweise ein M4, soll aber trotzdem eine gehörige Portion sportlicher Gene mit auf den Weg bekommen.

Die Klappenabgasanlage verkündet dies bei höheren Drehzahlen mit einem markanten Klangteppich, der aber selbstverständlich nie aufdringlich wird. Das Luftfahrwerk lässt sich per Knopfdruck sportlicher stellen, zudem hilft ein Wankausgleich, den Siebner auf Kurs zu halten. Gelenkt wird an beiden Achsen, wodurch sich die wuchtige Limousine bei Bedarf erstaunlich handlich und flink anfühlt. Abgerundet wird die sportliche Note durch eine starke Bremsanlage und sportlich ausgerichtete Michelin-Reifen, die sehr guten Grip bieten und für bestechende Präzision sorgen. Allerdings sorgen die steifen Reifenflanken auf rauen Strassenbelägen für etwas höhere Abrollgeräusche. Jammern auf allerhöchstem Niveau, denn der Spagat, den der M760Li vollführt, ist beeindruckend.

Gute Allrad-Traktion

Zwar werden wohl die wenigsten Kunden mit diesem Auto auf einer Rennstrecke Spass haben wollen, doch es ginge, wie BMW bei der Präsentation in Palm Springs, Kalifornien, beweist. Auf ein paar flotten Runden auf dem Thermal Club Raceway zeigt der grösste Münchner, dass er die sportlichen Tugenden der Marke nicht vergessen hat. Mit guter Allrad-Traktion und der bärigen Kraft des 12-Zylinders baut er auch auf kurzen Geraden viel Tempo auf. In langgezogenen Kurven ist der schwere Motor auf der Vorderachse natürlich spürbar. Doch drohendes Untersteuern lässt sich durch gezieltes Gasgeben oder Gaslupfen einfach korrigieren; der M760Li ist sauber ausbalanciert und jederzeit leicht zu beherrschen. Etwas eigenartig fühlt es sich dennoch an, mit dem Dickschiff auf der Rennstrecke um die Kurven zu wetzen – auch weil es eben überraschend gut geht.

Noch passender für dieses Auto sind die geschwungenen, gut ausgebauten Bergstrecken rund um Palm Springs. Hier gleitet der Top-BMW souverän den Berg hoch, bügelt Unebenheiten tadellos weg und bietet bei Bedarf genug Reserven, um sicher zu überholen.

Und auf dem Rückweg über den Freeway bietet der 760er an Assistenz- und Komfortsystemen, was im 7er zu haben ist: Angefangen bei den bequemen Massagesitzen über die automatische Spurhaltefunktion bis hin zum sensationellen Audiosystem, das sich auch per Fingergesten bedienen lässt. Da bleiben keine Wünsche offen – sofern man sich dieses Glück im Überfluss leisten kann. Mindestens 216 410 Franken sind für den Zwölfzylinder fällig, der dann allerdings schon mit sehr guter Ausstattung geliefert wird.

Damit ist der 760er zwar ein gutes Stück teurer als der Audi A8 W12, der Allradantrieb mit deutlich weniger Leistung bietet, aber auch deutlich günstiger als der heckgetriebene AMG S65 von Mercedes mit 630 PS. Doch Geld dürfte in dieser Liga ohnehin nicht die Hauptrolle spielen.