Fahrberichte

Eine Klasse übersprungen

Technisch gesehen ist das 2er Gran Coupé von BMW eng mit dem 1er verwandt: Trägt es den 2er-Schriftzug trotzdem zu Recht?

BMW präsentiert mit dem 2er Gran Coupé erstmals ein kompaktes viertüriges Coupé; ein Segment, das bisher vor allem vom Mercedes CLA dominiert wird. Äusserlich soll es sich an der Silhouette des grösseren 8er Gran Coupé orientieren. Eine lang gestreckte, niedrige Dachlinie und rahmenlose Türen vorne wie hinten zeigen deutlich: Das 2er Gran Coupé will keine 1er-Limousine sein, wie es sie bereits exklusiv für den chinesischen Markt gibt. Unter dem hübschen Blechkleid ist es trotzdem ein 1er-BMW: Beide teilen sich eine Plattform. Selbst das Interieur kennt man bereits vom Kompakten.

Trotzdem will das Gran Coupé ein eigenständiges Fahrgefühl vermitteln und nicht nur dem Namen nach eine Klasse höher als der 1er positioniert sein. Gelingt das?

Mit 4526 Millimetern ist das Gran Coupé zwei Zentimeter länger als sein kompaktes Schwestermodell und rangiert damit tatsächlich zwischen 1er und 3er. Durch die niedrige Dachlinie wirkt der Unterschied grösser, als er es auf dem Papier ist. Ausserdem verändern sich Aerodynamik und Gewichtsverteilung gegenüber dem 1er, was zu einer anderen Abstimmung von Fahrwerk und Fahrassistenzsystemen und damit spürbar besserem Fahrverhalten führt: Besonders beim Vergleich der beiden Topmodelle mit 306 PS und 450 Nm fällt auf, dass sich der längere 2er bei zügigen Kurvenfahrten neutraler und souveräner fährt. Im Fond hat man zwar ­minimal weniger Kopffreiheit, nichtsdestotrotz können auch Grössere immer noch gut hinten sitzen. Dafür ist der Kofferraum mit 430 Litern 50 Liter grösser als im 1er. In Zeiten, in denen im Kompaktsegment um jeden Zentimeter gekämpft wird, ist das beachtlich.

Mehr Platz dank Frontantrieb

Das üppige Platzangebot kommt allerdings mit einem Kompromiss: Wie schon der 1er basiert auch das 2er Gran Coupé auf BMWs neuer Frontantriebsar­chitektur. Lediglich das Topmodell gibt es noch mit Allrad, die Zeiten von Hinterradantrieb in der Kompaktklasse sind vorbei.

Für eingefleischte BMW-Fans ist das ein herber Schlag, schliesslich wird die Marke ­traditionell mit Hinterradantrieb in Verbindung gebracht. In Bayern weiss man das ­natürlich, weshalb beim 2er Gran Coupé viel Wert darauf ­gelegt wurde, das Fahrverhalten so neutral wie möglich abzustimmen.

Technik aus dem E-Auto

Dabei hilft vor allem die «Aktornahe Radschlupfbegrenzung», kurz ARB, die BMW für den elektrischen i3s entwickelt hatte – und auch schon im 1er verbaut ist. Der Trick dabei: Das System ist direkt ins Motorsteuergerät integriert; dadurch kann es viel schneller regeln als ein zusätzliches Steuergerät für die Traktionskontrolle.

So soll ARB für besseren Grip beim Beschleunigen und in Kurven sorgen und zusammen mit der serienmässigen Gier-Momenten-Verteilung, die auf das kurveninnere Rad Bremseingriffe gibt, Untersteuern vermindern. Das funktioniert überraschend gut. Beim M235i mit Allrad spürt man selbst bei ­früher Beschleunigung in der Kurve fast nie Untersteuern, das Einlenkverhalten ist neutral, und auch auf schwierigen, unebenen Strassen entwickelt das Fahrzeug stets starke Traktion. Noch erstaunlicher ist, dass man von den Eingriffen der ARB kaum etwas merkt. BMW-Fahrdynamikspezialist Daniel Kammerer beschreibt das Fahrverhalten als «präzise, schnell und direkt» – das kann man so unterschreiben.

Auch die frontangetriebenen Varianten des Gran Coupé profitieren vom ARB: Zwar kann selbst die schnellste Schlupfregelung keinen Hinterradantrieb herbeizaubern. Doch auch diese Modelle fahren sich überraschend dynamisch, ohne dass man dabei die Eingriffe des Systems wahrnimmt. Ein erwachseneres Fahrverhalten, mehr Kofferraumvolumen und eine deutlich länger wirkende Karosserie: Man kann dem Gran Coupé durchaus zugestehen, sich als 2er BMW zu bezeichnen.

Leider ist auch der Preis eher auf 2er-Niveau: Mit 40 900 Franken Einstiegspreis für einen 218i ist das Gran Coupé 4800 Franken teurer als ein identisch motorisierter 118i – immerhin bekommt man dafür serienmässig LED-Scheinwerfer. Zum Marktstart noch diesen Monat wird es das Gran Coupé als ­Dreizylinder-Benziner 218i (5,0–5,7 l/100 km nach NEFZ) und als sparsamen Diesel 220d (4,2–4,5 l/100 km) geben.

Der M235i xDrive (7,1 l/100 km) startet bei einem Basispreis von 67 400 Franken.

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