«Allradantrieb und 300 bis 400 PS, das finden Sie in dieser Klasse zuhauf», sagt Jürgen Gagstatter, Chef-Ingenieur für die Performance-Modelle bei Ford. Abheben wolle man sich mit dem neuen Focus RS. Nicht mit fabelhaften Beschleunigungszeiten oder Rekordrunden. Sondern mit beeindruckender Traktion und einzigartigem Handling. Deshalb kommt der Sportler nun mit Handschaltung und, als einziger Focus überhaupt, mit Allradantrieb. «Dieses Auto kauft man für den Fahrspass», so der Ingenieur.

An den Allradantrieb stellte man bei Ford hohe Ansprüche. Ein Haldex-System, das erst bei Schlupf an der Vorderachse die Kraft an die Hinterräder senden kann, schied schon früh aus. Es würde zwar für viel Traktion sorgen, jedoch das Fahrverhalten nicht wie gewünscht verbessern. Die Kardanwelle, die die Kraft nach hinten leitet, dreht nun immer mit. An der Hinterachse sind gleich zwei Kupplungspakete verbaut. Sie können die Hinterräder innert 60 Millisekunden mit Kraft versorgen. Im Normalfall fährt der RS also trotzdem als reiner Fronttriebler, beispielsweise auf der Autobahn. Im Extremfall, was im Fahrbetrieb aber nie vorkommen wird, gelangt die Kraft ausschliesslich an die Hinterachse. Noch wichtiger: Da die Hinter räder individuell angesteuert werden, kann die Kraft der Hinterachse komplett auf ein Rad geleitet werden. Zudem dreht die Hinterachse um die 2 Prozentschneller als die vordere.

Auf die Fahreigenschaften hat dies dramatische Auswirkungen. Da immer das kurvenäussere Hinterrad mit mehr Kraft versorgt wird als das innere, drückt sich der RS förmlich in die Kurve. Untersteuern kennt der schnelle Ford nur vom Hörensagen. Dank perfekter Allrad-Traktion, Rennstartfunktion und 350 PS sprintet er in 4,7 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Die Konkurrenz mit Doppelkupplungsgetriebe kann dies ein paar Zehntel schneller; doch hier zählt eben der handgeschaltete Fahrspass. Um den noch besser zur Geltung zu bringen, hat Ford dem Focus RS als erstes Modell einen Fahrmodus-Schalter verpasst. Er verändert die Kennlinien von Lenkung, Stossdämpfern, Motor, ESP, Allradsystem und Auspuffklappen. Im Normalmodus federt der Sportler straff, aber geschmeidig, und der 2,3-Liter-Turbovierzylinder hält sich zurück. Doch er kann auch anders. Im Sportmodus öffnen sich die Auspuffklappen, der satte Klang wird durch freudiges Knallen nachgewürzt, die Lenkung wird straffer und präziser. Auf kurvigen Landstrassen hat man im RS keinen Gegner zu fürchten. Und auf der Rennstrecke?

Der Track-Modus schärft das Ganze mit strafferer Dämpferabstimmung und gelockerter ESP-Leine nochmals nach. Sofort fühlt man sich mit dem Focus vertraut. Er lenkt präzis ein und baut in der Kurve viel Grip auf. Der Allradantrieb lässt das Heck am Kurvenausgang kontrolliert nach aussen schieben. Das passt; vor allem mit den optionalen Semi-Slick-Reifen ist der Focus RS auch auf der Rundstrecke ein ernstzunehmender Gegner. 30 Minuten Renntempo am Stück soll der Sportler problemlos verkraften, danach sollte man der Bremse eine Abkühlung gönnen.

Ford Focus RS Mk3 vs. Wolf RS Mk2, Anneau du Rhin

Ford Focus RS Mk3 vs. Wolf RS Mk2, Anneau du Rhin

Komplett dem Fahrspass verschrieben ist der vierte Fahrmodus: Drift. Er lenkt die meisten der 470 Newtonmeter an die Hinterachse und lockert die Zügel von ESP und Traktionskontrolle. Einzigartig lässig lässt der Focus RS nun sein Heck tanzen. Das Set-up passt so gut, dass man selbst als Amateur lässig die Reifen qualmen lassen kann und dem RS lockere Drifts entlockt; die Elektronik ist stets da und hilft, den Wilden wieder einzufangen. Dass die Reifen die Tortur nicht lange mitmachen, versteht sich von selbst. Ein Alleinstellungsmerkmal in seiner Klasse ist das aber auf jeden Fall. Da verzeiht man ihm, dass die Schaltwege vielleicht einen Tick knackiger ausfallen dürften und die Materialanmutung im Cockpit nicht ganz auf Augenhöhe mit der selbst ernannten Premium-Konkurrenz ist. Zumal sich der Focus RS laut Werk mit 7,7 l/100 km begnügt. Akzeptabel. Und: Mit einem Grundpreis von 48 900 Franken darf der Sportwagen im Kompakt-Kleid als Schnäppchen bezeichnet werden. So viel Fahrspass pro Franken erhält man selten.