Doch irgendwann erkannte man in Ingolstadt, dass nicht nur Familienväter gerne souverän motorisiert unterwegs sind, sondern auch Kunden, die Coupés, Cabrios oder Limousinen dem Avant vorziehen. Entsprechend erweiterte man die Produktpalette. Doch da Audi nicht unbedingt als klassischer Limousinenhersteller wahrgenommen wird, ist man mit der Einführung des neuen Audi RS6 wieder einen Schritt zurück gegangen und hat den Viertürer ersatzlos gestrichen. Grund zur Trauer? Auf keinen Fall, denn die hinterlassene Lücke füllt ein neues Modell, das von der Nomenklatur sogar die Spitze der RS Familie darstellt. Der Audi RS7 Sportback.

Der RS7 ist somit der Extremist unter den Individualisten, denn die A7 Baureihe ist im Vergleich zur aktuell gängigen, durchaus ansprechenden, aber nach kurzer meist Zeit langweilenden Designsprache der Marke, eine angenehm polarisierende Ausnahme. Das Topmodell unterstreicht diesen Anspruch zusätzlich noch mit den Insignien der Kraft. Riesige Kühlluftschächte signalisieren dem vorherfahrenden Verkehrsteilnehmer «gehst Du nicht schnell genug zur Seite, dann inhaliere ich Dich und spuck Dich zu meinen zwei mächtigen Auspuffrohren wieder aus». Und das ist durchaus ernst gemeint, denn mit 560 PS und 700 Nm hat man immer genügend Kraft, um alle Arten von Asphalt unter sich wegzureissen. Besonders gerne natürlich den von bundesdeutschen Autobahnen. Hier ist der RS7 der König, besonders, wenn man das aufpreispflichtige Dynamikpaket plus erwirbt. Darin ist nämlich nicht nur ein mächtige Keramikbremse und viele andere Ausstattungsmerkmale, welche die Fahrdynamik steigern, enthalten, sondern auch eine Anhebung der maximalen Höchstgeschwindigkeit auf 305 km/h. Doch braucht man das in der Schweiz wirklich? Das Plus an Tempo erkauft man sich nämlich mit einem für diese Fahrzeugkategorie zu hart abgestimmten Sportfahrwerk und verliert dazu noch die wunderbare serienmässige Luftfederung, die den RS ausgezeichnet das Spagat zwischen souveränen Reise(be)gleiter und dynamischer Landstraßen Wuchtbrumme machen lässt.

Natürlich kann die Luft im Fahrwerk die Physik des rund zwei Tonnen schweren viertürigen Coupés nicht ungeschehen machen, doch dank Allradantrieb kann man immer deutlich früher das Gaspedal komplett zu Boden drücken, als man es für möglich hält. Was dann geschieht, ist ein dumpf brodelndes Inferno. Der 4 Liter V8, der baugleich im S7 noch etwas verhalten zu Werke geht, darf in der RS Variante seine Talente sowohl klanglich, als auch leistungstechnisch voll ausleben. Das Ergebnis: Was man an Zeit wegen des Gewichts am Kurveneingang liegen lässt, holt man auf der nächsten Geraden mühelos wieder auf. Ein fantastischer Verbündeter in diesem Unterfangen ist das 8-stufige Automatikgetriebe, das im Dynamik-Modus die Gänge nur so durchpeitscht, nur um später wieder im Comfort-Modus seidenweich die nächste Gangstufe einzulegen.

Audi RS7 Innenraum

Audi RS7 Innenraum


Dann, und nur dann, kann man es sogar erleben, dass die beiden Turbolader nicht von allen acht, sondern nur von vier Zylindern angeblasen werden. «cylinder on demand» nennt Audi das und gibt an, dass in Kombination mit der serienmässigen Start-Stop-System der Durchschnittsverbrauch bei 9,8 Liter pro 100 Kilometer liegen soll. Wir waren bei dem Ritt rund um die Geburtsstätte des Audis, die RS Manufaktur in Neckarsulm, meistens deutlich über dieser Verbrauchsangabe unterwegs, kamen aber trotzdem zu der Erkenntnis: Manchmal muss es eben RS sein, auch wenn das ein mindestens 160'000 Franken grosses Loch in die Kasse reisst und man noch keine Häkchen in der verführerischen Liste von kostspieligen Sonderausstattungen angeklickt hat. Aber das ist eben Audi. Souverän im Auftritt, perfekt in der Verarbeitung und selten günstig. Nur der Wahnsinn aus der Zeit, als alles einfacher war (manch ein Leser erinnert sich noch an die Urgewalt des RS 2), fehlt dem viertürigen Coupé ein wenig. Leider.