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«Es gibt eine Zeit nach Corona»

Skoda-Chef Bernhard Maier.

Skoda-Chef Bernhard Maier.

Skoda-Chef Bernhard Maier über die aktuellen Herausforderungen und Folgen der Corona-Pandemie und den Blick nach vorne.

Wir treffen uns zum virtuellen Interview. Wie funktioniert das Homeoffice?

Überraschend gut. Wir halten unsere Vorstandssitzungen virtuell ab, auch nahezu alle anderen Meetings finden online statt und E-Mail und Telefon gibt es ja auch noch. Dennoch freue ich mich auch schon wieder sehr auf den persönlichen Austausch, der eben doch unersetzbar bleibt. Er fehlt jetzt schon vielen und erfährt bestimmt eine neue Wertigkeit.

Wie haben Sie bei Skoda in den ersten Tagen auf die Corona-Krise reagiert?

In einer Ausnahmesituation wie dieser war es für uns entscheidend, schnell und konsequent zu handeln. Wir haben umgehend eine Taskforce und einen Krisenstab eingerichtet, um alle relevanten Informationen zusammenzuführen und effizient Prozesse und Strukturen aufzubauen. Höchste Priorität hatte und hat die Gesundheit unserer Mitarbeiter und der Gesellschaft. Entsprechend haben wir am 18. März unsere Produktion in den drei tschechischen Fabriken heruntergefahren und unsere Lieferketten angepasst. Unser Fokus lag dann darauf, die Zeit während des Shutdowns diszipliniert zu nutzen und den geordneten, schrittweisen Wiederanlauf zu organisieren. Einige Funktionen mussten auch dringend weiterlaufen wie zum Beispiel unser Kraftwerk oder die Ersatzteileversorgung. Gleichzeitig arbeiteten wir an unseren zahlreichen Projekten, wie etwa der Entwicklung, weiter. Viele Aufgaben lassen sich zum Glück auch im Homeoffice erledigen.

Wie hart trifft die Corona-Krise Skoda?

Unsere weltweiten Absatzmärkte sind empfindlich getroffen. Das heisst, wir generieren zurzeit sehr wenig Umsatz, während unsere Fixkosten natürlich weiterlaufen. Das ist eine enorme Belastung. Ich begrüsse deshalb sehr, dass die tschechische Regierung in dieser schwierigen Situation schnell und unbürokratisch die Wirtschaft unterstützt zum Beispiel in Form eines Hilfspakets, das mit dem deutschen Kurzarbeitergeld vergleichbar ist. So eine Massnahme kann jedoch nicht unbegrenzt sein. Es ist für die gesamte Gesellschaft wichtig, in den kommenden Tagen und Wochen eine gute Balance zu finden zwischen dem bestmöglichen Schutz der Bürger vor dem Virus und der Sicherung von Wirtschaft und Arbeitsplätzen.

Können Sie die finanziellen Folgen der Corona-Pandemie schon abschätzen?

Nein, dafür ist es viel zu früh. Positiv ist, dass wir solide gewirtschaftet haben und aktuell über ausreichend Liquidität verfügen. Skoda konnte in den vergangenen Jahren Rekordergebnisse verbuchen. Und ja, uns schmerzt jedes Auto, welches nicht vom Band laufen konnte. Seit Jahren produzieren wir an unserer Kapazitätsgrenze. Dieser Produktionsausfall ist deshalb voraussichtlich in diesem Jahr leider nicht mehr ganz aufzuholen. Umso mehr hoffen wir, dass die Corona-Pandemie möglichst schnell eingedämmt werden kann, um die vielen Kunden, die auf unsere Autos warten, beliefern zu können. Mit unserem modernen und breiten Modellportfolio sind wir sehr gut aufgestellt, sobald die Geschäfte wieder öffnen, das öffentliche Leben hochfährt und die Wirtschaft in Gang kommt. Ich bin trotz dieser aktuell schwierigen Gesamtsituation zuversichtlich, dass unser Unternehmen gestärkt aus ihr hervorgeht. Auch, weil wir als grosse Skoda Familie in diesen Zeiten noch enger zusammenrücken. Jetzt zeigen wir, was uns auszeichnet: Solidarität, Vertrauen und Besonnenheit. An dieser Stelle möchte ich ein grosses Dankeschön an alle Škodianer aussprechen, die mit dieser Situation hervorragend umgehen. Dieser Dank gilt explizit auch unserem Sozialpartner KOVO.

Das heisst, Sie sind zuversichtlich, ohne Stellenstreichungen durch diese Krise zu kommen?

Wir haben 2015 mit unserer Strategie 2025 einen klaren Wachstumsplan definiert, der greift. Diesen wollen wir nach der aktuell sehr herausfordernden Situation fortsetzen. Es gibt eine Zeit nach Corona. Unsere oberste Priorität ist, dafür alle Škodianer an Bord zu halten.

Welche Auswirkungen der Corona-Pandemie erwarten Sie für die Weltwirtschaft?

Die Weltwirtschaft ist mit ihren global vernetzten Handelsströmen empfindlich getroffen. Die Auswirkungen kann heute noch niemand seriös abschätzen. Sie werden grösser sein als bei den Krisen der vergangenen Jahrzehnte. Je länger das öffentliche Leben und die Wirtschaft angehalten wird, desto grösser ist die Gefahr, dass unser allgemeiner Wohlstand, den wir uns in den vergangenen Jahren aufgebaut haben, erodiert. Deshalb werden wir diese Herausforderung nur gemeinsam mit koordinierten internationalen Anstrengungen meistern. Die Solidarität, die wir brauchen, um die Folgeschäden auszugleichen, wird noch grösser sein müssen, als wir sie derzeit unter Beweis stellen.

Was meinen Sie damit genau?

Jetzt kommt es beispielsweise noch stärker auf den paneuropäischen Zusammenhalt an, um nach der Krise wieder gemeinsam durchstarten zu können. Ich halte es zum Beispiel für richtig, jetzt über Eurobonds oder alternative Massnahmen zu diskutieren, um unsere Europäische Union langfristig zu stärken. Wir bei Skoda sind Teil eines global agierenden Konzerns, der seine Wurzeln in Deutschland und in Europa hat. Für unsere Wirtschaft, zum Beispiel den freien Warenverkehr, und auch für unsere demokratische Gesellschaft ist meines Erachtens ein starkes, geeintes Europa unverzichtbar.

Wie beeinflusst die Corona-Krise Ihre E-Mobilitäts-Strategie?

Wir halten Stand heute an unseren Planungen fest: Bis Ende 2022 haben wir 10 teilweise oder vollständig elektrifizierte Modelle im Programm. Noch in diesem Jahr stellen wir den ENYAQ iV vor, unser erstes reines E-Auto, das von vorneherein als solches konzipiert wurde.

Was lernen Sie persönlich aus der Krise?

Da fallen mir einige Dinge ein. Wir sollten zum Beispiel nie irgendetwas für selbstverständlich erachten. Gerade die einfachen und elementaren Dinge aus unserem Alltag. Wir lernen aktuell, sie wieder neu wertzuschätzen. In Sachen Kommunikation und Digitalisierung stelle ich fest, dass wir schon sehr viel weiter sind als wir vor der Corona-Krise vielleicht gedacht haben. Wir können uns sehr schnell auf neue Arbeitsformen einstellen. Diese Effizienz der digitalen Kommunikation schöpfen wir auch nach der Krise weiter aus. Und abschliessend: Wir werden vielleicht nach der Krise paradoxerweise feststellen, dass das Virus zwar physisch mehr Distanz geschaffen, uns jedoch alle noch näher zusammengeführt hat. Und deshalb steht trotz aller momentanen Ungewissheit für mich eines fest: In jeder Krise – auch in dieser – liegt für uns alle auch eine Chance.

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