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Auf der Testfahrt mit einem Elektroflitzer im klassischen SUV-Gewand

E-Autos werden immer besser – und damit auch zur Alternative für «Petrolheads», die bislang auf den Benziner schworen? Auf zum Test!

Jürg Weber
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An einer Schnellladestation ist der Akku nach 38 Minuten wieder zu 80% voll. Aber selbst an einer normalen Steckdose kommen über Nacht wieder gut 100 Kilometer Reichweite in den Akku.

An einer Schnellladestation ist der Akku nach 38 Minuten wieder zu 80% voll. Aber selbst an einer normalen Steckdose kommen über Nacht wieder gut 100 Kilometer Reichweite in den Akku.

Bild: JW/zvg

Selbst eingefleischte «Petrolheads» wie der hier schreibende Autor machen sich mit Blick auf die nächste Neuanschaffung zwischenzeitlich ernsthafte Gedanken, ob sie nicht doch ein paar Elektropferde in ihren Stall stellen oder präziser gesagt ein paar Kilowatt an die Dose hängen wollen. Die Elektrofahrzeuge sollen ja Leistung vom Allerfeinsten bieten. Und zwischenzeitlich kann man sich auch nicht mehr über allzu futuristisches Design, abgehobenes Preisniveau oder mangelnde Auswahl beklagen. Mit dem Audi Q4 e-tron wird die Angebotspalette im Elektrobereich auf jeden Fall nochmals deutlich angereichert.

Mit einem Grundpreis von 62000 Franken für das getestete Modell 50 e-tron quattro mit 299 PS oder 220 Kilowatt steht ein Auto im mittleren Preisse­gment zur Verfügung mit einem Preis-Leistungs-Verhältnis, das manchen Benziner vor Neid erblassen lässt. Geboten wird sogar eine Einstiegsvariante (35 e-tron) mit 124 KW für 48000 Franken. Natürlich lässt sich dieser Preis audikonform mit Zubehör ziemlich in die Höhe treiben (das Testfahrzeug kommt mit der Ausstattung auf 90000 Franken), aber man kann ja bei der Zubehörauswahl etwas spartanisch bleiben und erhält so ein Fahrzeug, das im Preisvergleich mit konventionellem Benzin- oder Dieselantrieb ausgesprochen konkurrenzfähig ist.

Auch das Design scheint absolut mehrheitstauglich. Audi verzichtet auf futuristische Spielereien, setzt lediglich ein paar Akzente wie das durchgehende Rücklichtband am Heck. Ansonsten bleibt sich Audi beim Design treu und zeigt mit dem Q4 einen sportlich kompakten SUV. Einzig das Interieur wirkt mit seinen kantigen und oktogonalen Elementen eine Spur futuristisch und erinnert an die Designsprache der aus dem gleichen Hause stammenden Marke Lamborghini. Das Cockpit nimmt allerdings mit seiner ausladenden Form auf der Beifahrerseite viel Platz weg und betont die Lüftungseinheit enorm stark. Elegant hingegen ist das freischwebende Bedienpanel in der Mitte, und handlich zeigt sich das ebenfalls sehr kantige und auf zwei Seiten stark abgeflachte Lenkrad, das die perfekte Sicht auf die Armaturen ­erlaubt. Die Verarbeitung des Interieurs ist ohne Tadel.

So sieht der Wagen im Innern aus.

So sieht der Wagen im Innern aus.

Bild: JW/zvg

Der Q4 punktet also mit Preis und Aussehen auch bei «Petrolheads». Doch nun zur Königsdisziplin – der Fahrleistung. Bei der gewählten Variante 50 e-tron quattro spielen 299 PS mit 2,2 Tonnen Leergewicht. Die Beschleunigung von 6,2 Sekunden von 0 auf 100 km/h ist auf dem Papier zwar kein sensationeller Wert. Gefühlt geht die Post aber dank des für das Elektroauto typischen Drehmomentverhaltens von der ersten Millisekunde ab und scheint nicht aufzuhören. Verglichen mit dem konventionellen Antrieb eine klare Verbesserung und erst noch völlig lautlos. Da bleibt einzig die Wehmut nach dem Fauchen, Knurren und Wabern des guten alten Verbrennungsmotors. Allerdings ist die Lautlosigkeit einem gequält klingenden Vierzylindermotor klar vorzuziehen, und es bedarf schon, um echte Wehmut zu erzeugen, als Alternative das satte Bollern eines grossvolumigen V8-Motors, der ja aber nicht mehr so ganz salonfähig ist. Man gewöhnt sich schnell an die Stille, auch wenn die Emotionen auf der Strecke bleiben.

Der Q4 ist agil und wendig und kennt trotz seiner Höhe kein Wanken in der Kurve. Umgekehrt ist das Fahrwerk so straff aufgesetzt, dass Bodenschwellen wie in Tempo-30-Zonen kräftig durchschlagen. Mit 4,6 Metern Länge ist der Q4 in der Stadt sehr handlich, auch wenn die Sicht nach hinten stark eingeschränkt ist. Mit einem variablen Ladevolumen von 520 bis 1500 Litern ist Praktikabilität gewährleistet. Die Ladekabel verschwinden unter dem Kofferraum, was zwar auf den ersten Blick recht aufgeräumt wirkt, bei vollem Kofferraum aber unpraktisch ist. Seitlich wären sie besser verstaut.

Und nun zum Thema, das wohl alle beim Richtungsentscheid zwischen klassischem Verbrenner und tendenziell umweltfreundlicherem Elektroauto bewegt: die Reichweite. Auch wenn die täglich mit dem Auto zurückgelegte Strecke in der Schweiz gemäss Bundesamt für Statistik bei durchschnittlich 24 km liegt (Stichjahr 2015), bleibt im Kopf das unbestimmte Gefühl, dass man mit dem Stromer irgendwann hängen bleibt. Während die Schweiz mit Tankstellen übersät ist, sind Ladestationen immer noch selten. Wenn man zu Hause über Nacht (günstig) laden kann, ist das Reichweitenproblem für die meisten Fahrer im Alltag gelöst. Ist man auf die öffentliche Ladeinfrastruktur angewiesen, ist akribische Planung Pflicht. Der Tank oder eben Akku fasst beim Q4 e-tron 50 netto 77 kWh. Der durchschnittliche Testverbrauch lag bei 23 kWh/100 km – womit eine volle Akkuladung für 335 km reicht. Bei sommerlicher Witterung und Bereifung sowie entsprechender Fahrweise dürften die vom Werk angegebenen 488 Kilometer also machbar sein. Gewöhnungsbedürftig ist, dass bei zügiger Bergfahrt die Reichweitenkilometer munter purzeln und bei der Fahrt ins Tal – Rekuperation sei Dank – wieder fröhlich steigen.

Und nun, wie wird entschieden? Wer zu Hause laden kann und kein extremer Langstreckenfahrer ist, muss ein E-Auto unbedingt auf die Evaluationsliste setzen. Fahrverhalten und Dynamik sind top. Wenn dann noch Design, Alltagstauglichkeit und Preis wie beim Q4 e-tron stimmen, hat es beste Chancen, im Pferdestall eines «Petrolhead» zu landen. Die Wehmut nach Motorengeräusch kann ja mit einer Sinfonie von Rachmaninow über das tadellose Soundsystem kompensiert werden.

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