Dass ihnen die Interessenten die Bude einrennen, sie sich gegen den Ansturm kaum wehren können, darüber mussten sich die Schweizer Infiniti-Händler in den vergangenen Jahren nicht beklagen. Heuer sieht es etwas besser aus, mehr als 50 Prozent Zuwachs kann die japanische Nobelmarke bisher verzeichnen, allerdings auf einem Niveau, das Luft nach oben lässt: 71 Fahrzeuge wurden in den ersten fünf Monaten in der Schweiz verkauft. Das hat Ferrari allein vom 458 Italia auch fast geschafft. Und doch ist und bleibt es ein kleines Rätsel, weshalb die edle Nissan-Tochter nicht auf Touren kommt. Das Händlernetz wird stetig ausgebaut (zuletzt mit dem Infiniti Center in Baden-Dättwil), die Fahrzeuge werden beständig verbessert – aber irgendwie merkt das trotzdem kaum jemand.

Würden sich die typischen Audi-, BMW- oder Mercedes-Kunden die Infiniti-Palette genauer anschauen, dann würden sie erkennen, dass sie bei der noch jungen Marke viel Leistung fürs Geld erhalten können. Aber im Premium-Bereich geht es halt sehr stark um: Image. Das Modell Q70 ist schon seit 2011 in Europa erhältlich – und ein Konkurrent des Audi A6, der BMW 5er-Reihe und der Mercedes E-Klasse. Kürzlich erst wurde der 3-Liter-Diesel durch einen 2,2-Liter-Selbstzünder ersetzt, der 170 PS leistet und auf ein maximales Drehmoment von 400 Nm schon ab 1600/min kommt. Das ist auf dem Papier nicht das, was die Konsumenten von den Sitzen reisst, die Fahrleistungen (0 auf 100 km/h in 8,9 Sekunden) sind nicht wirklich auf dem Niveau der genannten Konkurrenten. Der Q70 2.2d gefällt dafür mit einem erfreulich niedrigen Verbrauch, 4,9 Liter sind es gemäss Norm – und knapp über 6 Liter im Alltag. Das darf als vorbildlich bezeichnet werden, denn der Infiniti ist sehr komplett ausgestattet, fast fünf Meter lang und über 1,7 Tonnen schwer. Eine 7-Stufen-Automatik überträgt die Kraft ausgesprochen sanft auf die Hinterräder.


Es gibt tatsächlich auch nichts zu meckern im Fahrbetrieb. Zwar versieht der Diesel seinen Dienst im kalten Zustand etwas rau und laut, doch das legt sich bald, dann herrscht eine angenehme Ruhe im Innenraum. Und das auch bei hohen Geschwindigkeiten auf der deutschen Autobahn, wo der Infiniti seine grösste Stärke, das Gleiten, am besten ausspielen kann. Sportliche Ambitionen hat der Q70 eher nicht, auch wenn das Fahrwerk mit einer feinen Abstimmung und die Lenkung mit guter Präzision überzeugen können, doch Grösse und Gewicht des Wagens halten ihn von allein im Zaum. Innen gefällt der Q70 mit viel Raum, auch die hinteren Passagiere können sich nicht beklagen, dazu kommt ein Kofferraum, der bis zu 420 Liter schluckt. Es ist aber schon so, dass bei den deutschen Premium-Konkurrenten innen jedes Quäntchen ergonomischer und wohnlicher gestaltet wird als beim Infiniti, der nicht verbergen kann, dass seine Grundkonstruktion auf das Jahr 2009 zurückgeht. Zwar wurde das Bediensystem den neusten Ansprüchen angepasst, und ist sehr einfach zu verwalten, doch es gibt schon modernere Lösungen.


Das Alter zeigt sich zum Beispiel an der Bildschirmgrösse. Schon Kleinwagen haben heute teils grössere Displays an Bord. Andererseits: Es brauchen ja nicht alle Kunden ein fahrendes Büro inklusive Hör- und Kino-Saal, manche wollen einfach nur komfortabel von A nach B reisen. Und das können sie im Q70 vorzüglich. Es sei noch die Rede von: Geld. Der Q70 mit dem 2,2-Liter-Diesel ist ab 58'000 Franken zu haben, da gibts viel Auto fürs Geld. Absolut komplett ausgestattet, kostet der Infiniti knapp unter 70'000 Franken – und das ist in diesem Segment definitiv als Schnäppchen zu bezeichnen. Zumal die Verarbeitungsqualität des Infiniti auf höchstem Niveau liegt.