Porsche, das war zwar vor dem 2. Weltkrieg einer der ganz grossen Namen der Automobil-Geschichte. Gegründet worden war das Unternehmen am 25. April 1931 vom grossartigen Ferdinand Porsche (1875-1951) als Konstruktionsbüro in Stuttgart, erst nach dem 2. Weltkrieg wurde Porsche zum Automobilhersteller, das erste Modell war ab 1947 der 356, von dem bis 1965 76302 Exemplare gebaut wurden. Doch schon Ende der 50er Jahre war klar, dass die Marke dringend eine Blutauffrischung brauchte, der Vierzylinder-Boxer des 356 war mit zwei Litern Hubraum an seine Leistungsgrenze gekommen.

In aller Ruhe und Bescheidenheit (damals noch eine schwäbische Tugend) begannen Erwin Komenda, der schon für die Form des VW Käfer und des 356 verantwortlich gezeichnet hatte, sowie der erst 25-jährige Ferdinand Alexander Porsche, Enkel von Ferdinand, Sohn von «Ferry» und genannt «Butzi», mit der Arbeit am Design des neuen Modells. Oft wurde gemunkelt, dass «Butzi» gar nicht viel zur Optik des zukünftigen Modells beigetragen habe, doch unterdessen darf als sicher gelten, dass Komenda zwar auch seinen Teil beigetragen hat, doch die unsterbliche Form des 911ers in erster Linie aus der Feder von «Butzi» Porsche stammt.

Die Vorgaben waren relativ einfach gewesen: Motor und Antrieb mussten hinten sein, der Radstand sollte 2,2 Meter nicht überschreiten (es wurden dann 2,27 Meter), ein Set Golfschläger sollte Platz finden im Kofferraum (anscheinend waren die Porsche-Oberen sehr vorausschauend und trendbewusst - oder vielleicht ist die Golfsack-Vorgabe auch nur ein Gerücht), und eine gewisse Ähnlichkeit mit dem 356 musste vorhanden sein. Was «Butzi» in seinem stillen Kämmerchen geschaffen hat, sollte ein Schulbeispiel für ausgezeichnetes Industrie-Design werden; noch heute, 50 Jahre später, ist die Ursprungsform klar erkennbar. «Design ist keine Mode», sagte F.A. Porsche, «ein gutes Produkt muss dezent sein.» Eine so lange Geschichte im quasi gleichen Kleid kann ausser dem Porsche 911 nur noch der Land Rover Defender vorzeigen.

Es war ein gutes Kleid, das dem neuen Porsche da angezogen wurde. Obwohl so ein früher Neunelfer nur gerade 1,61 Meter breit ist (das sind 7 Zentimeter weniger als ein aktueller Mini, der ja ein Kleinwagen sein will), bot er innen erstaunlich viel Platz - man konnte sogar mit Helm fahren. Das war in den Anfangszeiten des 911 zwar noch nicht dringend nötig, die erste Version mit dem neuen 2-Liter-Sechszylinder-Boxer hatte gerade einmal 130 PS, sprintete von 0 auf 100 km/h in etwas mehr als 9 Sekunden und rannte 210 km/h schnell. Damit konnte die deutsche Sportwagen-Legende damals Opel's Kadetten und VW's Käfer verblasen - von der obersten Liga war der 911 in seinen Anfangszeiten aber noch weit entfernt. Die Ferrari und Jaguar und Corvette jener Jahre waren deutlich stärker - und viel schneller.

Er hatte eh etwas Anlaufschwierigkeiten, der 911. Denn eigentlich hätte er ja 901 heissen sollen, so wurde er im September 1963 auch auf der IAA in Frankfurt dem Publikum vorgestellt. Doch Peugeot besitzt schon seit Menschengedenken die Rechte an allen dreistelligen Zahlen mit einer Null in der Mitte, also musste der 901 vor seinem Serienanlauf, der erst im November 1964 auf das Modelljahr 1965 erfolgte, noch umgetauft werden. Nur gerade 13 Prototypen wurden gebaut, davon zwei Exemplare mit dem Vierzylinder-Motor aus dem 356: das ist relativ wenig für eine so lange Erprobungszeit, wie sie der 901/911 hatte. Aber Porsche hatte bereits damals viel Erfahrung im Bau von Rennwagen als Einzelstücken, deshalb wusste man Anfang der 60er Jahre genau, was man wollte - und brauchte.

Es ging dann schnell, kaum ein Jahr verging, ohne dass der 911er verbessert wurde. Der Boxer-Motor mit seinem so charakteristischen Ton wuchs bald einmal auf 2,4 Liter Hubraum, ein Targa-Modell wurde eingeführt, es gab auch den 912 mit dem «alten» Vierzylinder-Boxer als Einstiegsmodell. Und der neue Porsche wurde sofort zu einem Erfolgsmodell, in den ersten zwei Produktionsjahren wurden 25'000 Stück verkauft, bereits nach sieben Jahren hatten die Stuttgarter von 911/912 mehr Exemplare verkauft als vom 356 in dessen 17-jährigen Produktionszeit. Die erste Serie, der so genannte Ur-Elfer, wurde bis 1973 gebaut, danach folgte die G-Serie, die optisch etwas kräftiger ausfiel - was den verschärften amerikanischen Sicherheitsbestimmung geschuldet war. Der G-Elfer erhielt dann einen Katalysator, es gab ein Cabrio (ab 1982), der Hubraum wuchs munter über 2,7 auf 3,2 Liter, als Top-Modell kam der Turbo auf den Markt, mit zuerst 260 PS.

Die nächste grosse Änderungswelle erfolgte dann 1989, mit dem Typ 964, der zu 85 Prozent eine komplette Neukonstruktion war. Die zwar optional auch über Allradantrieb verfügte und serienmässig ABS und Airbags eingebaut hatte, aber auch durch viele technische und qualitative Mängel von sich reden machte. Bereits vier Jahre später wurde der Typ 993 nachgelegt, das Spitzenmodell war unterdessen 408 PS stark. Zu seinem 34. Geburtstag erhielt der Porsche 911 als Typ 996 dann einen flüssigkeitsgekühlter Sechszylinder, was die Freunde des Hauses noch einige Jahre erboste, denn die luftgekühlte Maschine galt bei vielen Fans als die wahre Legende, nichts anderes konnten sie sich im Elfer vorstellen. Heute interessiert das niemanden mehr, der 911 bildet weiterhin das Rückgrat der Marke, auch wenn die Stuttgarter unterdessen mehr Geld verdienen mit dem Cayenne, der vom 911er so weit entfernt ist wie vom VW Käfer, der einst die Grundlage bildete der ersten Porsche-Modelle.

Heute spielen die stärksten 911er-Modelle in der obersten Liga der Sportwagen, auf Augenhöhe mit Ferrari, Lamborghini und Co.. Doch man darf nicht vergessen, dass der Porsche dafür einen langen Weg gegangen ist, dass auch seine Erfinder manchmal daran zweifelten, ob es ein Fahrzeug wie den 911 überhaupt noch geben dürfe. 1977 wollten sie ihn durch den 928 ersetzen, Motor vorne, acht Zylinder, modernes Design, doch der Versuch scheiterte kläglich. In den 80er und auch noch tief bis in die 90er Jahre waren die 911 nicht das Mass aller Dinge, schwächlich traten sie auf, kränklich waren sie, und sie rissen das Unternehmen Porsche fast in den Abgrund. Doch auch deshalb, weil man sich in Stuttgart wieder auf die ursprünglichen Qualitäten seines Erfolgsmodells besann steht der Porsche 911 50 Jahre nach seiner Vorstellung besser und schöner und stärker da denn je. Und das ist ein Kunststück, das bisher keiner anderen Marke gelang.