E-Mobilität

Die Autowelt steht unter Strom: Jetzt jagt ein echter Jaguar den Tesla

Daumen nach oben: Der Jaguar i-Pace ist ein Blickfang.

Daumen nach oben: Der Jaguar i-Pace ist ein Blickfang.

Mit dem i-Pace bringt Jaguar sein erstes E-Auto, während andere Hersteller noch Studien präsentieren. Das Interesse ist gross, ob Tesla- Fahrer, SUV-Besitzer oder Sportwagen-Fan. Im Test soll der Brite zeigen, ob er im Alltag funktioniert. Windschnittig ist er allemal.

Die Autowelt gerät zusehends unter Strom. Fast alle Hersteller haben den Vorsatz gefasst, die E-Mobilität voranzutreiben. Während vielerorts noch Studien präsentiert werden oder die ersten Auslieferungen auf sich warten lassen, hat Jaguar bereits Ernst gemacht: Der neue i-Pace kann bestellt werden, die ersten Autos sind schon auf der Strasse unterwegs. Dafür gebührt den Briten grosses Lob umso mehr, als Jaguar zu den vergleichsweise kleinen Herstellern zählt. Doch die Briten sehen die E-Mobilität als Chance und gehen den ersten Schritt mit dem i-Pace entsprechend motiviert.

Allerdings ist es kein leichtes Vorhaben. Einerseits macht Tesla schon seit einigen Jahren vor, wie simpel und zugleich ausgereift ein E-Auto funktionieren kann, andererseits dürften auch die Kunden der britischen Traditionsmarke einige Erwartungen hegen. Zwei Fragen stehen also beim Test im Vordergrund: Kann der i-Pace die E-Mobilität vorantreiben, indem er mühelose und kompromisslose Alltagstauglichkeit bietet? Und: Ist der Stromer ein echter Jaguar?

Letzteres lässt sich klar mit Ja beantworten. Der i-Pace ist trotz, oder eben gerade wegen seines neuartigen Konzepts, mehr Jaguar als viele seiner konventionell betriebenen Geschwister. Warum? Weil er Köpfe verdreht und Interesse weckt. Ganz egal, ob Tesla- Fahrer, SUV-Besitzer oder Sportwagen-Fan: Sie alle drehen sich nach dem Briten um, recken Daumen nach oben oder stellen interessiert Fragen. So gesehen ist der i-Pace auf jeden Fall ein Gewinn für die Marke.

Nicht nur optisch interessant

Aufmerksam wird man auf den Stromer vor allem aufgrund seines Designs, das ihn sowohl von anderen Modellen der Marke abhebt, zugleich aber auch sofort als Jaguar erkennbar macht: grosser Kühlerschlund, sportliche Seitenlinie, filigrane Rückleuchten. Das sorgt für Aufmerksamkeit – vor allem , weil die Karosse mit interessanten Details versehen ist. Der Kühlergrill ist nach hinten geneigt; so strömt die Luft unter der Haube durch und tritt aus der grossen Öffnung vor der Windschutzscheibe wieder aus. Das Dach senkt sich am Heck leicht ab und führt den Luftstrom unter dem integrierten Heckspoiler durch. Diese Details sind nicht nur optisch interessant, sie sorgen auch dafür, dass der Brite mit einem Luftwiderstands-Beiwert von 0,29 relativ windschnittig ist. Eine wichtige Voraussetzung für eine hohe Reichweite.

Dass es Jaguar ernst meint mit dem i-Pace, zeigt sich vor allem unter dem hübsch geschnittenen Blechkleid. Er baut auf einer komplett neuen, eigenständigen Plattform auf, deren Herzstück natürlich die grosse Batterie im Unterboden ist.

Diese Konstruktion sorgt, quasi nebenbei, für gutes Fahrverhalten durch tiefen Schwerpunkt und für einen geräumigen Innenraum: Die Fronthaube ist kurz gehalten und innen stört kein Getriebetunnel.

Der 4,68 Meter lange und 1,90 breite Crossover bietet für seine Passagiere ungefähr so viel Platz wie die deutlich grössere Luxuslimousine XJ. Hinzu kommt der geräumige Kofferraum mit 656 bis 1453 Litern Stauraum. Das kleine Fach unter der Fronthaube ist nicht wirklich als Kofferraum zu sehen, sondern viel eher als perfekter Ort, um die Ladekabel zu verstauen. Die Batterie im Unterboden hat eine Speicherkapazität von 90 Kilowattstunden. Sie kann genügend Energie abgeben, um den i-Pace dank je einer E-Maschine an der Vorder- und Hinterachse mit der Kraft von 400 PS und 696 Nm Drehmoment bei Bedarf in 4,5 Sekunden auf 100 km/h zu beschleunigen. E-Auto-typisch wirkt dies sehr souverän, weil fast lautlos und ohne Verzögerung. Souverän und erhaben zieht der Brite auf Autobahntempo und macht der sportlichen Reputation der Marke damit alle Ehre.

Schnell und weit?

Laut WLTP-Messnorm soll der i-Pace im Idealfall bis zu 470 Kilometer mit einer Akkuladung schaffen. Allerdings waren die Testbedingungen für ein E-Auto nicht gerade optimal. Bei winterlichen Temperaturen um den Gefrierpunkt und entsprechender Winterbereifung muss der Jaguar schon nach rund 300 Kilometern an die Steckdose. Daraus resultiert ein Verbrauch von rund 30 Kilowattstunden auf 100 Kilometer. Zum Vergleich: Ein Tesla Model S mit ähnlicher Leistung kommt unter denselben Bedingungen mit gut 23 Kilowatstunden aus.

Etwas Feinschliff zur Reduzierung des Verbrauchs wäre nicht nur aus ökologischen Gesichtspunkten sinnvoll. Man könnte so auch die Alltagstauglichkeit des Briten weiter verbessern. Natürlich sind 300 Kilometer Reichweite für den normalen Alltag völlig ausreichend; dennoch gibt es Situationen, wo etwas mehr Reserven und eine etwas präzisere und konstantere Berechnung der verbleibenden Reichweite beruhigend wirken würden. Vor allem auch, weil der erste E-Jaguar in Sachen Lademöglichkeiten nicht restlos überzeugen kann.

Zwar kann man dank Adaptern fast überall Strom beziehen, wo eine Steckdose vorhanden ist; in der Regel lädt sich der Akku aber eher langsam. An einer Haushaltsteckdose dauert es 40 Stunden, den Akku von leer auf voll zu laden. Den täglichen Kurzstrecken-Pendel-Bedarf kann man so über Nacht aber gut nachladen.

Schneller geht es an einer Wallbox, wie man sie nicht nur zu Hause installieren kann, sondern häufig auch in öffentlichen Parkhäusern, Hotels oder Einkaufszentren findet. Sie liefern in der Regel 11 oder 22 Kilowatt an Leistung; theoretisch können also pro Stunde 22 Kilowattstunden nachgeladen werden, was dem i-Pace für knapp 70 Kilometer elektrische Fahrt reichen würde. Aber: Das im Auto verbaute Wechselstrom- Ladegerät, über welches die Batterie an solchen Stationen geladen wird, kann maximal 7 Kilowatt, oder eben 25 Kilometer nutzbare Reichweite, pro Stunde verarbeiten. Und das auch nur, wenn die Phase der Zuleitung entsprechend stark abgesichert ist.

Oftmals wird die Last aber, gerade bei älteren Gebäuden, auf drei Phasen verteilt, um die Leitungen zu schonen. Davon kann der i-Pace aber nur eine Phase nutzen, wodurch das Aufladen im ungünstigsten Fall selbst an einer Wallbox kaum schneller ist als an der Haushaltsteckdose.

Wer den Akku des Briten in nützlicher Frist vollkriegen will, muss also besser eine Gleichstrom-Säule ansteuern. Viele öffentliche Stationen können dies bereits bieten – und dem Briten bestenfalls 50 Kilowatt oder rund 170 Kilometer Reichweite pro Stunde einhauchen. Noch besser sind die derzeit noch seltenen Hochleistungslader mit bis zu 350 Kilowatt Leistung von Ionity. Hier kann der i-Pace mit bis zu 100 Kilowatt Leistung laden und in 40 Minuten seinen Akku auf bis zu 80 Prozent vollladen. Dieses Netzwerk wird stetig ausgebaut, sodass auch Langstreckenfahrten mit dem Stromer möglich werden.

Fairer Preis

Bis dahin überzeugt der i-Pace vor allem auf Mittelstrecken, wie man sie in der Schweiz ohnehin meistens zurücklegt. Mit etwas Planung ist die Reichweite auch im Winter genügend gross, um stressfrei von A nach B zu gelangen. Hinzu kommen das gute Platzangebot, das extravagante Design und die gute Verarbeitung, die den i-Pace zu einem interessanten Angebot machen.

Der Grundpreis von 82 800 Franken ist mit Blick auf die moderne Technik absolut fair, zumal die laufenden Kosten bei einem E-Auto tiefer ausfallen als bei einem konventionellen Antrieb. Die Schwäche bei der Ladeleistung darf man dem Jaguar verzeihen, wenn man dies mit seinem Alltag vereinbaren kann. Schliesslich beweist Jaguar mit dem i-Pace viel Mut und bringt Autos auf die Strasse, statt nur schöne Worte auf die Werbeplakate.

Ob sich die Raubkatze auf Sommerreifen und bei wärmeren Temperaturen bezüglich Verbrauch und Reichweite wohler fühlt, wird ein zweiter Test im Frühjahr zeigen.

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