Mercedes-Benz
Der unterschätzte Mercedes

Ob all den Mercedes- Neuheiten der vergangenen Monaten gibg die E-Klasse fast etwas vergessen. Völlig zu Unrecht, wie unser Test zeigt.

Markus Chalilow
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Mercedes E400 Coupé

Mercedes E400 Coupé

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Die E-Klasse, in der Schweiz vor allem die Kombiversion, war jahrelang einer der Topseller der Mercedes-Modellpalette. Mit der immer grösser werdenden Modellvielfalt hat sich dieses Bild zwar etwas gewandelt, aber nach wie vor sind die E-Modelle sehr luxuriöse und bestens verarbeitete Modelle. Unser Testwagen allerdings dürfte nur ein Nischendasein fristen; als Coupé sieht man den grossen Daimler nur ganz, ganz selten. Und wohl noch seltener in Rot. Doch die Motorisierung dürfte in der Schweiz schon eher Anhänger finden. Bekanntermassen sind die potenten Modelle aus Stuttgart bei uns beliebt, und der E400 macht auch klar, wieso das so ist. Denn die Souveränität, welcher der Wagen mit dem 333 PS leistenden V6-Motor mit Biturbo an den Tag legt, ist schon sehr beeindruckend. Allein das Drehmoment, maximal 480 Nm, ist für einen Benziner mit «nur» drei Litern Hubraum eine feine Sache.
Über den Nutzwert des Autos mögen wir anhand der Karosserieform nicht urteilen. Denn ein Coupé kauft man sich ja nicht, um möglichst viel Gepäck oder Personen zu transportieren. Zwar haben die maximal vier Personen an Bord genügend Raum, um sich auszubreiten, allerdings ist die Kopffreiheit auch wegen des optionalen Glasschiebedachs nicht gerade üppig. Aber wir wollen auch klar sagen, dass wir schon ziemlich lange nicht mehr derart souverän unterwegs waren. Es ist lange her, dass wir ein Auto fuhren, welches so elegant und gleichzeitig satt abrollte. Lange her, dass ein Automatikgetriebe so gut zu einem Turbomotor gepasst hat. Und noch viel länger ist es her, dass ein Klangbild so gut auf ein Auto gepasst hat wie beim E400. Denn der Sound aus den Auspuffendrohren ist weder über Klappen manipuliert noch durch Soundgeneratoren gepimpt, sondern einfach sauber, authentisch und nie zu laut. Aber doch immer präsent; er trägt seinen Anteil dazu bei, dass man das Gefühl von Souveränität an Bord des Mercedes hat.
Natürlich, ein Bergrennen gewinnt man mit dem 400er-Coupé nicht, dafür ist das Auto zu gross, zu schwer und zu sehr auf Komfort abgestimmt. Aber das ist auch okay so. Irgendwie vermittelte uns der E 400 wieder das Gefühl, welches Traditionalisten an Bord eines Benz so schätzen: er scheint unkaputtbar, für die Ewigkeit gebaut. Und er fährt schlicht wunderbar. Die 480 Nm Drehmoment stehen schon ganz, ganz früh an, die Automatik ist schlau genug, das massive Drehmoment auch auszunutzen, und verfällt nicht in sinnlose, hektische Gangwechsel. Und ist der Kurs einmal eingeschlagen, zieht der Benz unbeirrbar seine Bahn. Es ist ein typisches Schweizer Understatement-Auto. Rollt elegant, verwöhnt seine Passagiere mit Luxus, aber: wenns sein muss, kann der Daimler in 5,2 Sekunden aus dem Stand auf 100 km beschleunigen. Wie bei Mercedes üblich, ist die Höchstgeschwindigkeit auf 250 km/h limitiert. Kommt hinzu , dass der Stuttgarter auch einigermassen sparsam ist. Im Schnitt verbrauchten wir 8,7 Liter pro 100 Kilometer. In Anbetracht der Fahrleistungen und der Masse des Autos (leer ab 1725 kg) ist das prima. Allerdings ist auch einiges mit an Bord, um den Verbrauch zu senken. Eine perfekt funktionierende Stopp-Start-Automatik zum Beispiel, oder eine Anzeige, die dem Fahrer helfen soll, mit möglichst wenig Sprit möglichst weit zu kommen. Und: das Licht am E 400 Coupé hat uns ganz besonders gefallen. Wunderbare Ausleuchtung der Farbahn und keine harte Hell-Dunkel-Grenze. So muss das sein.
Wer allerdings richtig Sprit sparen will, ist dann wohl mit den Dieselmodellen besser beraten. Es ist klar, nicht viele werden sich eine E-Klasse als Coupé zulegen. Und erst recht nicht in der Farbe «Feuer-Opal». Aber das Coupé hat gezeigt, dass die E-Klasse nach wie vor ein gutes Automobil ist – vor allem mit dem feinen Sechszylinder im Bug. Im Vergleich zu den V8- und AMG-Modellen haben wir nichts vermisst. Aber wir waren damit auch nicht auf der Autobahn in unserem Nachbarland unterwegs, wo es auf der linken Spur halt nach wie vor auf die grösstmögliche Zahl an Pferdestärken ankommt. Ganz günstig ist der Spass in dieser feinen, unterschätzten E-Klasse aber nicht. Zwar scheint der Basispreis von 76 800 Franken durchaus angemessen für ein Auto dieser Machart. Leider nähert man sich aber mit ein paar Kreuzen auf der sehr umfangreichen Optionenliste ziemlich schnell einer sechsstelligen Zahl. Aber das ist bei der deutschen Konkurrenz ja auch so.