Porsche
Der Platzhirsch

560 PS, Allrad und Keramik-Kompositbremsen - dem neuen Porsche 911 Turbo S fehlt es an nichts.

Markus Chalilow
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Porsche 911 Turbo S

Porsche 911 Turbo S

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Wer rund 270’000 Franken übrig hat, kann sich so einige Träume erfüllen. Er oder sie kann das Geld zum Beispiel zum Porsche-Händler tragen und mit dem neuen 911-Flaggschiff, dem Turbo, nach Hause fahren. Solch potente Autos haben zwar auch andere Sportwagenhersteller im Programm, teilweise zu moderateren Preisen. Aber Porsche ist Porsche.
Was unterscheidet die Sportwagen-Ikone mit Abgasturbolader von seinen Konkurrenten? Vielleicht, dass man ihm zwar ansieht, dass es sich um ein be sonders potentes Modell handelt, es aber nicht aufdringlich wirkt. Oder die nach wie vor unglaubliche Alltagstauglichkeit. Ausserdem sind die technischen Lösungen zum Teil hochinteressant. Es ist schon imposant zu erleben, wie der gut 1,6 Tonnen leichte Allradler zur Sache geht. Wer den vollen Schub beim Turbo S abruft, wird nicht nur von 560 Pferden überrannt, es gesellen sich auch 750 Nm zum Konzert der sechs Zylinder und zwei Turbolader.
Mit der Launch-Control (im Sport-Chrono-Paket enthalten, ermöglicht fast automatisches, extremes Beschleunigen, analog der Start-Systeme von Formel-1-Autos) geht der «S» in 3,1 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h. Wir haben es ausprobiert, können aber nicht genau sagen, ob der Wert stimmt. Denn: Um eine Stoppuhr zu bedienen, ist die Beschleunigung schlicht zu brachial. Nach wie vor ist der Turbo-Elfer das einzige Benziner-Serienfahrzeug mit variabler Turbinengeometrie an den Turboladern. Das hatte zwar auch schon das letzte Modell, die Hinterradlenkung, welche für mehr Agilität in Kurven sorgen soll, ist aber neu. Doch um zu merken, ob die mitlenkenden Hinterräder wirklich etwas beitragen, fehlt schlicht die Zeit. Das Auto ist derart schnell, wirkt derart souverän und leistet sich kaum Schwächen – da vergisst man, was die Hinterräder machen.
Eine spannende Lösung ist der ausfahrbare Frontspoiler. Der ist nicht aus Kohlefaser oder ähnlichem Hightech Material gefertigt, sondern aus Gummi und lässt sich – aufblasen. Das sorgt bei hohem Tempo für Abtrieb und damit Stabilität, nimmt Verkehrsberuhigungsmassnahmen im Normalbetrieb aber auch den Schrecken. Da haben sich die Ingenieure bei der Entwicklung etwas überlegt.
Dass der Turbo kaum «Gegner» kennt, ist nur schon anhand der Fahrleistungen klar. Einen anderen Punkt für den Sportwagen aus Zuffenhausen haben wir so nicht erwartet. Wir fahren relativ regelmässig einen Volvo 960 Kombi aus dem Jahr 1994. Das Auto ist also 20 Jahre alt, hat ebenfalls sechs Zylinder, aus denen ohne Turbolader 170 PS generiert werden. Und man mag es kaum glauben: Der Schwede verbraucht im Schnitt gleich viel wie das 560-PS-Monster, nämlich 10,8 l/100 Kilometer. Nein, das ist nicht die Werksangabe von Porsche, denn die lautet 9,7 l/100 km; die 10,8 Liter sind der von uns ermittelte Durchschnittsverbrauch. Aber viel deutlicher ist wohl nicht aufzuzeigen, was sich in den letzten 20 Jahren in Sachen Verbrauch getan hat.
Der neue 911 Turbo ist also absolut gelungen – und damit würdig, im 40. Jahr der Porsche-Turbo-Produktion auf den Markt zu kommen. Doch wir sind uns trotzdem nicht ganz sicher, ob der Elfer die enorme Kaufsumme wert ist. Nicht wegen der Verarbeitung, nicht wegen der technischen Lösungen, sondern einfach deshalb, weil man so viel Performance auf der Strasse unmöglich nutzen kann – und auch nicht sollte.

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