Auto

Der König des «Nichts»

Von aussen wirkt der neue Golf etwas schlanker, er wurde minimal flacher und 2,6 cm länger. Innen wirkt er dank digitaler Bedienung noch aufgeräumter.

Von aussen wirkt der neue Golf etwas schlanker, er wurde minimal flacher und 2,6 cm länger. Innen wirkt er dank digitaler Bedienung noch aufgeräumter.

Der neue VW Golf im Test: der beste Golf bis jetzt – oder der beste Golf aller Zeiten?

Was einen VW Golf ausmacht: Nichts. Nichts stört, nichts nervt und nichts fehlt. Diesen Ruf hat sich der Kompaktwagen-Klassiker aus Wolfsburg über inzwischen 46 Jahre und acht Fahrzeuggenerationen erarbeitet. Und: Der Golf hat noch nie enttäuscht. Jede Evolutionsstufe kam der Perfektion wieder ein Stück näher – und war in ihrer Zeit immer das Auto, das den Massstab in seiner Klasse setzt. Doch in den vergangenen Jahren geriet der Golf zusehends unter Druck. Nach 41 Jahren ununterbrochen an der Spitze, musste er 2017 seine Krone als meistverkauftes Auto in der Schweiz an den Skoda Octavia abgeben. In der Schlussrechnung für 2019 rutschte er gar auf Platz drei, hinter den SUV VW Tiguan. Und die Zukunft für den Golf sieht ebenfalls nicht viel rosiger aus: VW will nach und nach auf E-Mobilität umstellen. Das erste, von Grund auf als solches konzipierte E-Auto, der ID.3, wird noch dieses Jahr anrollen und dem Golf Käufer abwerben, da er in derselben Grössen- und Preisliga spielen wird. Mit reinem E-Antrieb hat der ID.3 beste Karten für eine Zukunft in Zeiten von immer strengeren CO2-Richtlinien. Schon Ende 2018 prognostizierte VW Chefstratege Michael Jost ein Ende für den klassischen Golf, wie wir ihn derzeit kennen. Die Ziele des Pariser Klimaabkommens könnten nämlich nur erreicht werden, wenn im Jahr 2050 kein Auto mit Verbrennungsmotor mehr auf den Strassen fährt. VW rechne daher damit, die letzten Verbrenner etwa um 2040 zu verkaufen. «Im Jahr 2026 hat die letzte Plattform, die keine CO2-neutrale Fahrzeuge generieren kann, ihren letzten Produktionsstart», sagte er. Wenn man davon ausgeht, dass der neue Golf 8, wie sein Vorgänger, wieder rund sieben Jahre gebaut wird, könnte es also durchaus knapp werden für eine neunte Golf-Auflage. Generation acht muss also beweisen, dass der Golf alles andere als ein Auslaufmodell ist. Entsprechend viel hat sich getan, um den Golf auf der Höhe der Zeit zu halten, was sich schon auf den ersten Blick zeigt. Der Kompaktwagen blickt deutlich entschlossener durch schärfer gezeichnete LED-­Leuchten. Die Front ist flacher und geschlossener; die Lufteinlässe wurden verkleinert und besser kaschiert. Das verringert den Luftwiderstand – und wirkt, als wolle der Golf optisch näher an die E-Autos am Markt heranrücken.

Digital und übersichtlich

Radikaler als das Äussere wurde der Innenraum erneuert. Der Golf ist nun komplett digital, bleibt aber erfreulicherweise ein echter Golf. Das heisst: Einsteigen und losfahren. Alle Bedienelemente liegen perfekt zur Hand, die Bedienung ist logisch und durchdacht, Rätsel gibt es keine. Das gilt insbesondere für das neue Infotainmentsystem mit angenehm hoch auf dem ­Armaturenbrett montiertem Touchscreen. Die Menüs sind logisch strukturiert, die Bedienung kaum anders als bei einem Smartphone. Einziger Minuspunkt: Den direkt unter dem Display montierten, berührungsempfindlichen Lautstärkeregler bedient man gerne auch mal unabsichtlich. Warum diese Kleinigkeit erwähnenswert ist? Weil sie zeigt, wie weit man ins Detail gehen muss, um überhaupt Kritikpunkte am neuen Golf zu finden.

Solide auf der Strasse

Der erste Eindruck des Cockpits passt zum Fahreindruck: Der neue Golf überzeugt, überrascht aber nicht. Wind- und Abrollgeräusche fallen nicht störend auf, der Wagen hält seine Spur stoisch, und das Fahrwerk ist ausgewogen abgestimmt. Unauffälliger kann ein Auto kaum durch den Alltag begleiten – genau das war schliesslich schon immer die Kernkompetenz eines VW Golf. Auch unter der Haube ist grösstenteils noch alles so, wie man es vom Klassiker kennt: Hier arbeitet nach wie vor ein reiner Verbrennungsmotor; zwei Plug-in-Hybrid-Versionen wird VW noch dieses Jahr nachreichen. Beim Testwagen kommt ein 1,5-Liter-Benziner zum Einsatz, der Dank Mild-Hybrid-System und Zylinderabschaltung zum Spritsparen erzogen wurde. Zusammen mit der 7-Gang-­DSG-Automatik wirkt der Antrieb zwar nicht übermässig spritzig, dafür aber souverän, unaufdringlich und gesittet. Das gilt auch für den Verbrauch. Nach WLTP-Messung sollen es 5,6 l/100 km sein, im Test unterbot der Golf diesen Wert mit 5,4 l/100 km sogar leicht. Warum der Spritkonsum so gering ist, erklärt sich beim Fahren relativ schnell. Bei konstanter Fahrt werden häufig zwei Zylinder abgeschaltet, was der Fahrer nur merkt, weil eine kleine Anzeige im Tacho-Display darauf hinweist. Geht man vom Gas, schaltet sich der Motor gar komplett aus, während der Mild-­Hybrid-Energiespeicher sicherstellt, dass sowohl die Klimaanlage als auch Bremse und Lenkung weiterhin funktionieren. Gerade über Land und innerorts kann man so erstaunlich lange Strecken rollen, ohne den Tank anzuzapfen – vorausschauende Fahrweise vorausgesetzt. Dabei helfen selbstverständlich auch die Assistenzsysteme; so zeigt der Golf frühzeitig an, wenn Kreuzungen, Kreisverkehre, Tempolimits oder enge Kurven anstehen, sodass man den Wagen frühzeitig ausrollen lassen kann. Ist der Tempomat aktiv, macht die Elektronik dies automatisch. Das funktioniert allerdings nicht immer fehlerfrei. Ein Makel, den VW per Software-Update aus der Ferne beheben könnte. Auch hier gibt sich der neue Golf zeitgemäss.

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