Es ist schon bewundernswert, was McLaren Automotive auf die Räder gestellt hat. Vor sechs Jahren gingen die Engländer an den Start, 2011 brachten sie ihr erstes Fahrzeug auf den Markt (MP4-12C), unterdessen umfasst die Modell-Palette den P1/P1 GTR, den 650er als Coupé und Spider (sowie aufgerüstet als 675LT) und bald auch noch die Sport Series mit dem 540C und dem 570S. In diesem Jahr werden es etwas weniger als 2000 verkaufte Fahrzeuge sein, das reicht noch nicht für einen anständigen Return on Investment. 2017 will man aber bei rund 4000 Wagen jährlich sein, auf diesem Niveau auch bleiben, also klar vor Lamborghini und deutlich hinter Ferrari. Es geht McLaren aber so gut, dass die Entwicklungsabteilung für nächstes Jahr über ein um 30 Prozent erhöhtes Budget von 120 Millionen Pfund verfügen darf.

McLaren 570S

McLaren 570S

Bewundernswert ist aber nicht nur, wie schnell McLaren eine anständige Palette aus dem Boden gestampft hat, sondern auch: was. Der P1 hat sowohl LaFerrari als auch dem Porsche 918 Spyder heftige Kopfschmerzen beschert, das Kundenprogramm mit dem P1 GTR ist ausgebucht, der 675LT ausverkauft – und der 650S irgendwie ein bisschen unterschätzt. Und grossartig ist halt auch: wie. Wirklich sehr sauber verarbeitet, wie man so hört auch technisch ohne gravierende Mängel – und sogar die Gebrauchtwagenpreise halten sich über den Erwartungen. Da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht, da darf man wirklich den Hut ziehen.


Und jetzt also der 570S. Es handelt sich wieder um den bekannten 3,8-Liter-V8-Doppelturbo, bei dem aber 30 Prozent der Komponenten neu entwickelt wurden. 570 PS bei 7400/min, ein maximales Drehmoment im für Sportwagen wichtigen Bereich zwischen 5000 und 6000/min. So will der McLaren in 3,2 Sekunden auf 100, in 9,5 Sekunden auf 200 und maximal 328 km/h schnell rennen. Und doch, zumindest gemäss Norm, nur 10,7 Liter verbrauchen, dies auch dank einen neuem Stop/Start-System, dem ersten bei McLaren. Und ausserdem: 1313 Kilo (ein ähnlich starker Porsche 911 Turbo S kommt auf über 1600 Kilo). Das ergibt das wirklich beachtliche Leistungsgewicht von 2,3 Kilo/PS. Das hilft auch beim Verbrauch – und es hilft in erster Linie bei der Fahrfreude.


Im Gegensatz zum 650S, der seine wahren Qualitäten eigentlich nur auf der Rennstrecke ausspielen kann, wurde der 570S in erster Linie als Spielzeug für Land- und Bergstrassen entwickelt. Er kann es zwar auch bestens auf dem Track, doch der wahre Fahrspass entsteht dort, wo es viele Kurven und keinen Verkehr hat. Er bleibt bei allen sportlichen Qualitäten ausreichend komfortabel, er erreicht unverschämte Fahrleistungen (die von hervorragenden Bremsen und Assistenz-Systemen wieder eingefangen werden können) – und er überzeugt mit einer aussergewöhnlichen Alltagstauglichkeit. Nicht, dass man jetzt zum Grosseinkauf rollen möchte, dafür bietet der Zweiplätzer zu wenig Gepäckraum, aber er kann auch ganz: brav.


Man könnte nun ein Fragezeichen setzen beim Design, mäkeln, dass man schon genau hinschauen muss, um 650S und 570S voneinander unterscheiden zu können. Man darf den/die McLaren aber auch sehen als eine feine Mischung zwischen «form follows function», britischer Coolness und einer nicht zu bissigen Aggressivität. Ein Selbstdarsteller ist der Engländer aber nicht, die grosse Show eines italienischen Sportwagens zieht er nicht ab. Innen ist alles fein, sehr sogar, feine Materialien, sehr sauber verarbeitet. Das hingegen darf man auch erwarten – mit einem Preis ab 181'750 Euro ist der McLaren 570S kein Sonderangebot. Aber unbedingt eine prüfenswerte Alternative, wenn man sich bisher nicht zwischen einem Porsche und einem Ferrari entscheiden konnte.