Lancia hatte immer ein Problem. Ja, natürlich auch mit dem Geld, so richtig sprudelte es nie, schwarze Zahlen schrieb das Unternehmen nur selten, klamm war es häufiger. Das hatten die Italiener nicht ihren Produkten zu verdanken, die waren bis weit in die 80er-Jahre des vergangenen Jahrtausends häufig irgendwo zwischen Geniestreich und einfach richtig gut. Doch es fehlte immer an einer stringenten Strategie, es war kaum je ersichtlich, was Lancia eigentlich war. Luxus-Hersteller, Kleinwagen-Produzent, Sportwagen-Marke? Ein bisschen alles – und vor allem im Laufe der lange Geschichte immer wieder etwas anderes.

Gegründet worden war Lancia 1906 von Vincenzo Lancia in Turin. Vincenzo, geboren 1881, hätte nach dem Willen seines Vaters Rechtsanwalt werden sollen, doch es reichte ihm nur zum Buchhalter. Bei Fiat. Dort arbeitete er auch als Mechaniker – und wurde ein ganz anständiger Rennfahrer, der auch nach der Gründung seiner eigenen Marke noch bis 1910 auf der Gehaltsliste von Fiat stand. Von Anfang an schuf Vincenzo aussergewöhnliche Automobile, der Theta von 1913 hatte als erstes Automobil überhaupt einen Anlasser und beleuchtete Instrumente. 1923 kam dann bereits das erste Meisterwerk, der Lambda, der über eine selbsttragende Karosserie verfügte und Einzelrad-Aufhängung vorne. In jenen Jahren hatte Lancia einen hervorragenden Ruf als «Marke der Ingenieure», die Italiener sammelten Patente wie Briefmarken und verblüfften die Autowelt mit immer neuen technischen Lösungen. Die Lambda gehörten bis weit in die 30er-Jahre zu den fortschrittlichsten Fahrzeugen überhaupt – und waren entsprechend teuer. Vincenzo Lancia starb im Februar 1937, sein Sohn Gianni übernahm die Firma, brachte sie so einigermassen durch den 2. Weltkrieg, verpasste aber in den Nachkriegsjahren die Umstellung auf die Produktion von preisgünstigen Kleinwagen, die damals nicht nur in Italien sehr gefragt waren.

1950 kam die Aurelia auf den Markt. Sie wurde vom ersten überhaupt in Serie produzierten V6-Motor angetrieben, sie hatte hinten die erste Schräglenker-Achse der Automobil-Geschichte, sie war überhaupt ein grossartiges Fahrzeug. Aber viel zu teuer. Zum Unvermögen kam dann auch noch das Unglück dazu: 1955 verunglückte der Lancia-Werkfahrer Alberto Ascari tödlich, Lancia verschenkte seine Renn-Abteilung – und prompt wurde Juan Manuel Fangio 1956 auf einem Lancia-Ferrari D50 Weltmeister. Im gleichen Jahr verkaufte Gianni Lancia das Unternehmen an den Zement-Produzenten Carlo Pesenti. Der ermöglichte mit frischem Geld die wunderbare Flaminia, eines der herausragenden Fahrzeuge der späten 50er- und frühen 60er-Jahre. Doch auch dieses Fahrzeug brachte kein Geld in die Kassen, also wollte Pesenti Lancia zuerst an BMW, dann an Mercedes verkaufen. Doch weil auch der Vatikan, der 35 Prozent der Lancia-Aktien hielt, mitreden konnte, erhielt 1969 Fiat den Zuschlag. In den 70er-Jahren kümmerte sich Lancia dann endlich um tiefere Preis-Segmente, der Beta war eines der besten Autos jener Jahre, doch die Kundschaft interessierte sich trotzdem kaum für diese Fahrzeuge. Es kam 1976 noch der Gamma, den damaligen Mercedes mindestens ebenbürtig, ab 1979 der Delta, der Lancia endlich akzeptable Verkaufszahlen brachte. Doch 1986 übernahm der Fiat-Konzern auch die Mailänder Marke Alfa Romeo, und damit verschwand Lancia endgültig im Niemandsland der Automobil-Geschichte, wurde von der Fiat-Zentrale noch stiefmütterlicher behandelt als zuvor.

Der Fiat-Konzern verpasste damit auch eine Chance. Denn Anfang der 60er-Jahre hatte Lancia die Squadra Corsa gegründet, die Rennabteilung. Die feierte schon Mitte der 60er-Jahre grossartige Erfolge, mit der Fulvia. Vorgestellt 1963, war der kleine Lancia ein wunderbares, günstiges Sportgerät, an dem auch Privatfahrer ihre Freude hatten – insgesamt fuhren die Fulvia über 1000 Rennsportsiege ein. 1966 stiess ein Mann zur Squadra Corsa, der heute noch ein italienischer Nationalheld ist: Sandro Munari. Er gewann 1967 auf Korsika seine erste grosse Rallye (natürlich in einer Fulvia HF) und wurde in der Folge einer der erfolgreichsten Fahrer aller Zeiten: 1973 Europameister, 1977 (inoffizieller) Weltmeister, 4-facher Gewinner der Rallye Monte Carlo (1972 auf Fulvia, 1975– 1977 auf Stratos). Munari war der Mann, welcher dann auch das legendärste Lancia-Rallye-Fahrzeug auf die Siegerstrasse brachte: den Stratos.

Im Jahre 1970 entdeckte Cesare Fiorio, Chef des Lancia-Rallye-Teams, ein komisches, keilförmiges Etwas auf dem Stand des legendären Karosseriebauers Bertone. Besonders auffallend und faszinierend ist das Fahrzeug durch seine extreme, flache Keilform, welche in Verbindung mit einer wuchtigen Breite durch den kurzen Radstand noch betont wird. Mit Munari, der schon damals nicht nur eine Sport-, sondern auch eine Mode-Ikone war, der schickste Mann auf den Rennpisten dieser Welt, begann man den Aufbau des Sport-Prototyps, der 1973 bei der Tour de Corse sein Debüt erlebte. Schon 1974 feierte man mit dem Stratos nicht weniger als zehn Siege sowie die erste Weltmeisterschaft. In den 70er-Jahren gab es fast keinen Rallye-Lauf, bei dem man mit dem Lancia Stratos nicht gewinnen konnte, man dominierte nach Belieben und ausser der East African Safari sowie der RAC Rallye wurde alles gewonnen, was in der Rallyewelt Rang und Namen hatte.

Nach einem kurzen Zwischenspiel mit dem Modell 037, mit dem man 1983 den WM-Titel gewann und von 1983– 1985 auch die Fahrer-Europameisterschaft in den Palmarès aufnahm, tauchte schon ein neues Modell auf, das der Lancia-Rallyegeschichte noch das Tüpfelchen aufs i setzte: der Delta. 1979 war das Serienmodell auf den Markt gekommen, ab 1986 gibt es den HF 4WD, der als Basismodell für das damals erfolgreichste Rallyefahrzeug aller Zeiten diente. Ab 1985 gewannen S4 (ein Monster aus der Gruppe B), Delta HF 4WD, HF Integrale und Integrale 16V sechs Marken-WM-Titel in Folge, dazu fünf Fahrer-Weltmeistertitel und insgesamt 51 WM- Läufe. Dann wurde Lancia von Fiat aus dem Rennsport zurückgezogen.

Im jüngsten 5-Jahres-Plan des Fiat-Chysler-Konzerns, den Sergio Marchionne vergangene Woche vorstellte, spielt Lancia keine Rolle mehr. Gar keine. Es wird keine neuen Modelle mehr geben, das bestehende Programm wird zwar noch weitergeführt, doch Ende 2016 ist dann wohl: finito la Lancia. Noch haben die Schweizer Lancia-Händler Fahrzeuge im Angebot, umgebaute Chrysler-Produkte wie den Voyager und den Thema, den Musa, den kleinen Ypsilon. Letzterer dürfte die längste Karriere haben, er soll, wie man hört, zumindest in Italien auch zukünftig als Lancia angeboten werden, wahrscheinlich nach 2016 sogar in überarbeiteter Form auf Fiat-Basis. In allen anderen Ländern stirbt die 108-jährige Marke einen langsamen Tod, die Schweizer Händler rechnen nicht damit, dass die Verträge über 2016 hinaus verlängert werden. Und dies, obwohl die Verkaufszahlen in den vergangenen zwei Jahren gar nicht schlecht waren. Aber im Fiat-Konzern hat es nur Platz für eine Premium-Marke, und die wird Alfa Romeo heissen.