Flüchtlingskrise

Zwischen Lesbos und Izmir: Auf dem Sprung nach Europa

Die türkische Ägäisküste ist das Haupteinfallstor für Flüchtlinge nach Europa. Mehr als eine halbe Million Menschen haben in den vergangenen Monaten auf diesem Weg Europa erreicht. Unzählige weitere sind auf dem Sprung und die Türkei greift kaum ein.

Ein Augenschein in der Region von Izmir und gegenüber der Insel Lesbos.

Noch vor wenigen Wochen campierten auf der Grünfläche vor dem Basmane-Bahnhof der Millionenstadt Izmir Hunderte von syrischen Flüchtlingen. Nun ist der kleine Park wieder leer. Auf den ersten Blick. Doch der Eindruck täuscht: Wer genau zuhört, kann unschwer feststellen, dass sich unzählige Menschen aus dem Nahen Osten auf den Trottoirs und in den Cafés aufhalten.

Ein paar Schritte weiter, im angrenzenden Viertel, verändert sich die Szene mit einem Schlag: Viele Geschäfte sind auch auf Arabisch beschriftet. Alle paar Meter verkaufen Strassenhändler Schwimmwesten, Pneus und andere Utensilien, die für die Fahrt übers Meer von Nutzen sind. Das Quartier ist voll kleiner, meist schäbiger Hotels, die den Flüchtlingen nun, in der kalten Jahreszeit, als Unterkunft dienen. Oft teilen sich ganze Gruppen ein kleines Zimmer. Das Hotel «Imre Pascha» etwa dient Flüchtlingen aus Afrika als Treffpunkt und Nachtlager. In einem kleinen Innenhof kochen sie auch, weil sie sich Restaurants nicht leisten können.

Auf einmal sind alle weg
Am frühen Abend formieren sich immer mehr Gruppen von Menschen, die sich offensichtlich auf den Weg an die Küste machen. Ihr Gepäck und die auffälligen, orangen Schwimmwesten haben sie in grosse schwarze Plastiksäcke eingewickelt. Meist werden sie von einem Landsmann betreut, der als Mittler zu den Schleppern dient. Hektisch werden die letzten Einkäufe erledigt, die letzten Verhandlungen geführt. Und dann sind sie mit einem Mal weg: Kleine Busse, manchmal auch Lastwagen holen die Flüchtlinge ab und bringen sie, so ist zu vermuten, direkt an den Ausgangspunkt ihrer Reise.

Direkt gegenüber vom Basmane-Bahnhof liegt die Basmane-Corakkapi-Moschee. Sie dient mittellosen Flüchtlingen als Anlaufstelle und Nachtlager. Dort ist der Beobachter mit schwer zu verkraftendem Elend konfrontiert. Einer Familie aus Syrien ist, so berichten sie, das gesamte Geld gestohlen worden. Nun hausen die Mutter, ihre Tochter und die vier Söhne, einer mit einem Ausschlag im Gesicht, auf einem Teppich in der Vorhalle der Moschee und wissen nicht weiter. Der Vater ist kürzlich ums Leben gekommen. Sie wollen nach «Almaniya», nach Deutschland, wie die meisten Flüchtlinge. Doch Geld für die Weiterreise haben sie nicht, und die Nächte werden auch in Izmir immer kälter.

Der billigste Trip nach Europa
Vor der Moschee hatte Sura Baykan, Pharmakologin und Aktivistin im Verein «Brücke der Völker» Maha Mansur kennen gelernt. Die 28-jährige Coiffeuse stammt aus Aleppo. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie mit ihren sechs Kindern die Flucht ergriffen. Nun hat sie in der Wohnung der Dozentin vorübergehend Unterschlupf gefunden. Mona will mit ihren sechs Kindern, darunter einem Neugeborenen, nach Schweden; dorthin sind bereits zwei Cousins geflüchtet. Auch sie will unter keinen Umständen in der Türkei bleiben; Hoffnung sieht sie nur in Europa.

Auf rund 200 000 Menschen schätzen Kenner der Verhältnisse die Zahl der klandestinen Migranten und Flüchtlinge, welche sich derzeit in Izmir aufhalten. Doch das sind bloss vage Schätzungen. Genaueres wissen wohl nicht einmal die Behörden. Wahrscheinlich wollen sie es auch nicht wissen und hoffen, dass sich die Flüchtlinge so rasch als möglich nach Europa absetzen.

Szenenwechsel: Fahrt nach Assos, rund 250 Kilometer nördlich von Izmir. Das kleine Dorf mit seiner historischen Festungsanlage liegt direkt gegenüber der Nordküste von Lesbos. Es gilt zurzeit als eine der wichtigsten Ablegestellen von Flüchtlingsbooten an der gesamten türkischen Westküste. Auf den Strassen der kleinen Ortschaft sind kaum Flüchtlinge zu sehen. Nur in einem kleinen Lebensmittelgeschäft drängen sich zahlreiche junge Männer.

Sie stammten alle aus Afghanistan, erklärt einer in gutem Englisch. Einer sieht mitgenommen aus, hat Narben im Gesicht, ein anderer ist stark tätowiert. Die meisten wirken kräftig, gesund und unternehmungslustig und sind guter Dinge. Die jungen Männer kaufen grosse Mengen an Brot und Wasser, dazu Konserven, Süssigkeiten, Zigaretten. Dann ziehen sie los auf einem Feldweg in Richtung Meer und verschwinden im dichten Küstenwald.

Schon bald tauchen weitere Migranten auf, die sich in dem kleinen Geschäft eindecken. Es scheint klar: In dem Wald oberhalb der Steilküste muss sich ein Lager von klandestinen Migranten befinden. Der Reporter macht sich auf den Weg. Verschlungene kleine Pfade führen durchs Gelände. Unmengen von Abfall zeugen davon, dass hier unzählige Menschen campiert haben. Plötzlich wird eine Piste sichtbar; sie dient offensichtlich dazu, Gummiboote und Motoren so nahe als möglich an die Steilküste zu bringen.

Auf einem kleinen Vorsprung, der den Blick auf die Küste freigibt, wird ein erstes Schlauchboot sichtbar. Es hat soeben abgelegt; die Instruktoren verlassen das schlingernde Boot und schwimmen ans Ufer. Die Stelle befindet sich bloss etwa 300 Meter vom Hafen von Assos entfernt. Weiter durch den Küstenwald. Plötzlich sind Stimmen zu hören. Dann wird ein improvisiertes Lager sichtbar: Plastikplanen, Rucksäcke, einzelne Zelte, Feuerstellen, überall Abfälle, orange Schwimmwesten, Hunderte von Menschen. Ein gewaltiges Stimmengewirr erfüllt die kleine Geländekammer.

Wo bleibt die Küstenwache?
Der Lärm kommt von der Küste. Dort ist hektischer Betrieb: Soeben wird ein Schlauchboot ins Wasser geschleppt, während ein anderes bereit gemacht wird. Wenig später steigen drei, vier Dutzend Männer ins erste Boot: Schreie, Rufe, Gerangel um die Plätze, strenge Anweisungen eines Chefs, Hektik. Der Reporter kann nicht näher an den Ort des Geschehens gehen; Schlepper schätzen es nicht, wenn sie observiert werden. Innert einer halben Stunde haben vier Boote abgelegt, andere werden bereit gemacht. Langsam wird es dunkel.

Zurück nach Assos. Das Meer ist still wie ein See; im Dunst sind die vier Boote und die Küstenlinie von Lesbos schemenhaft zu erkennen. Sind die jungen Migranten heil in Lesbos angekommen? Wie viele haben in dieser Nacht europäischen Boden erreicht? Wie kommt es, dass an diesem Hotspot der klandestinen Emigration kein einziges Boot der Küstenwache zu erblicken ist?

Am nächsten Morgen steht ein Touristenbus an der Strassenkreuzung vor Assos. Der Chauffeur und sein Begleiter sehen übernächtigt aus. Sie haben gegen Mitternacht rund 80 Syrer von der Stadt Bursa aus hierhin gefahren und dann ein paar Stunden geschlafen. Ein Sonderjob, meint der Chauffeur lakonisch.

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