US-Präsidentschaftswahlen

Zwischen Anhängern von Trump und Biden kochen die Emotionen – ein Augenschein in Philadelphia

Protest gegen die Auszählung: Trump-Anhänger in Philadelphia.

Protest gegen die Auszählung: Trump-Anhänger in Philadelphia.

In Philadelphia (Pennsylvania) stehen sich Fans und Gegner des wohl abgewählten Präsidenten Donald Trump gegenüber, um sich anzuschreien. Und beide Seiten haben das Gefühl, die andere wolle die Wahl stehlen.

In Wilmington (Delaware) ist alles vorbereitet: Vor einer Mehrzweckhalle wartet eine Bühne und eine überdimensionierte amerikanische Fahne auf den designierten Präsidenten. Sobald einigermassen gesicherte Resultate aus den politisch umkämpften Bundesstaaten vorliegen, wird der Demokrat Joe Biden hier seinen Sieg über den Republikaner Donald Trump verkünden.

So weit war es am Freitagnachmittag aber noch nicht, auch weil eine halbe Autostunde von Wilmington entfernt immer noch Stimmen ausgezählt werden. Der Schauplatz: Das Konferenzzentrum von Philadelphia (Pennsylvania), in dem seit Dienstag Hunderttausende von Stimmen in dieser Hochburg der Demokraten aufbereitet werden. Der pseudo-moderne Bau ist zwar weitläufig abgesperrt; aber in der Nähe des Haupteingangs versammeln sich seit Wochenmitte Hunderte von Anhängern der beiden politischen Lager, um sich gegenseitig anzuschreien.

Auf der einen Seite: Die Fans des Präsidenten. Sie sind der Meinung, dass die Demokraten alles daran setzten, um Biden zum Sieger der Wahl in Pennsylvania zu erklären – und dabei auch vor massiven Fälschungen nicht zurückschreckten. Beweise für diese Behauptungen haben sie nicht. Aber wie Steve Gorman aus Havertown, einem Vorort von Philadelphia, im Gespräch sagt: Der blosse Verdacht genüge bereits.

An seinem Wohnort habe er, als Vertreter der Republikaner, die Stimmenauszählung beobachten können und dabei sichergestellt, dass nichts krumm laufe. «Das ist gelebte Demokratie.» In Philadelphia aber versperrten die Demokraten den Trump-Anhängern den Zugang zum Konferenzzentrum, und niemand wisse, was sich hinter verschlossenen Türen abspiele.

Wahr daran ist: Vertreter der Demokraten und Republikanern ist es auch in Philadelphia erlaubt, die Stimmenauszählung im Konferenzzentrum mitzuverfolgen. Allerdings nur aus sicherer Distanz, mit einigen Metern Abstand. Das Trump-Lager stört sich an dieser Auflage, und ist deshalb bereits vor Gericht gezogen. Gorman versichert zwar, dass er einen Sieg Bidens akzeptieren würde, wenn alles mit richtigen Dingen zugehe.

Seine Mitstreiter, die Trump-Fahnen schwenken und das Ende der Stimmenauszählung fordern, scheinen aber anderer Meinung zu sein. Ein Mann, der seinen Namen nicht nennen will, sagt: «Der Sieger schummelt immer.» Und eine Frau, die ein kitschiges T-Shirt mit dem Porträt des Präsidenten trägt, ergänzt: Trump sei in ihren Augen der legitime Amtsinhaber. «Four more years», vier weitere Jahre, ruft ein Trump-Anhänger in ein Megafon.

Auf der anderen Seite der Arch Street haben sich die Anhänger von Joe Biden aufgebaut. Während laute Musik aus den Lautsprechern dröhnt und die Helikopter der lokalen Fernsehstationen ihre Runden drehen, rufen sie: «Zählt jede Stimme!» Sam, der seinen Familiennamen nicht nennen will, hat einige der Fahnen hergestellt, die von den einigen Hundert Demonstranten geschwenkt werden.

Er sagt, dies sei eine entscheidende Phase in diesem Wahlkampf: «Die Republikaner wissen, dass sie Schwierigkeiten haben, eine Präsidentenwahl ohne Schummeleien zu gewinnen» – auch weil sie gerade in Grossstädten wie Philadelphia über wenig Rückhalt verfüge. Deshalb müsse seine Seite nun mit allen Mitteln sicherstellen, dass sämtliche Stimmen ausgezählt würden, sagt Sam.

Die Aktivistin Stephanie Long ist der Meinung, dass in Philadelphia die Zukunft der amerikanischen Demokratie auf dem Spiel stehe. Falls Trump mit seine Strategie, das Ergebnis der Wahl in Zweifel zu ziehen, Erfolg habe, «wird in Amerika der Faschismus gewinnen», sagt Long mit ernster Miene. Und dem Land drohe eine Welle der Gewalt.

Trotz dieser düsteren Prognose glaubt sie aber weiterhin daran, dass Biden am Ende die Nase vorn haben werde. Und dann, sagt sie lachend, freue sie sich bereits darauf, gegen den neuen Präsidenten zu demonstrieren, der ihr nicht links genug ist.

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