Die Beziehungen zwischen den USA und Russland sind vergiftet: Washington hat die Gespräche mit Moskau über eine Waffenruhe im Bürgerkriegsland Syrien für beendet erklärt. Praktisch gleichzeitig verkündete Kreml-Chef Wladimir Putin, Russland werde die seit 2010 geltende Vereinbarung zur Vernichtung von waffenfähigem Plutonium aussetzen. Und als ob das nicht genug wäre, sorgt nun auch noch ein diplomatischer Zwischenfall für zusätzliche Spannungen.

Wie der von der US-Regierung finanzierte Radiosender «Radio Free Europe/Radio Liberty» gestern berichtete, wurden zwei amerikanische Diplomaten bei einer Konferenz in Russland unter Drogen gesetzt. Der Vorfall ereignete sich im November 2015 in einer Hotelbar in St. Petersburg. Die beiden Diplomaten gehörten zu einer US-Delegation, die an einer Anti-Korruptionskonferenz teilnahm. Es war das erste Mal, dass Amerikaner bei einer Konferenz in Russland dabei waren, seit die USA und die EU 2014 wegen der Annexion der Schwarzmeerhalbinsel Krim Sanktionen gegen Moskau verhängt hatten.

Nach Angaben von «Radio Free Europe/Radio Liberty» wurden den beiden Diplomaten – ein Mann und eine Frau – in der Bar ihres St. Petersburger Hotels offenbar K.-o.-Tropfen verabreicht. Eine der beiden Personen musste bewusstlos in eine westliche Klinik in St. Petersburg eingeliefert werden. Wegen eines plötzlichen Stromausfalls sei es jedoch nicht möglich gewesen, Blut- und Gewebeproben zu nehmen, um die Drogen nachzuweisen, berichtet der US-Sender weiter. Er bezieht sich dabei auf offizielle Angaben amerikanischer Regierungsstellen. Die kranke Person wurde sodann für weitere medizinische Behandlungen aus Russland ausgeflogen. Weil aber K.-o.-Tropfen nur während kurzer Zeit nachweisbar sind, fehlten die Beweise. Auch deshalb hängten die USA den Vorfall nicht an die grosse Glocke; lediglich ein formeller Protest wurde deponiert.

Die Belästigung amerikanischer Diplomaten in Russland nimmt seit einigen Jahren zu – und zwar nicht erst seit der Krim-Krise. Bereits 2013 schrieb das US-Aussenministerium, seine Leute sähen sich einem «verstärkten, seit den Tagen des Kalten Krieges nicht mehr beobachteten Druck des russischen Sicherheitspersonals ausgesetzt».

Wie du mir, so ich dir

Seit 2014 verschärft sich das Problem jedoch. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen nicht um körperliche Attacken, sondern um nervige und teilweise eklige Schikanen: In Wohnungen von US-Diplomaten wird eingebrochen, Möbel werden verstellt, ein Gasofen ist angedreht, Wasserhahnen laufen, brennende Zigaretten werden liegen gelassen und sogar menschliche Exkremente deponiert. Und drückten Moskauer Polizisten bei Verkehrsübertretungen bislang beide Augen zu, so werden amerikanische Diplomaten neuerdings überdurchschnittlich häufig gebüsst. Im vergangenen Juni schliesslich wurde ein Amerikaner vor der US-Botschaft in Moskau von einem russischen Wachmann körperlich angegriffen. «Wir sind sehr beunruhigt, wie unsere Leute in den vergangenen zwei Jahren behandelt wurden», zitiert «Radio Free Europe/Radio Liberty» einen Vertreter des US-Aussenministeriums.

Über Schikanen beklagen sich allerdings auch russische Diplomaten in den USA. «Unsere Leute werden ständig vom FBI und der CIA belästigt. Das geht bis zu psychologischem Druck in Anwesenheit ihrer Familien», sagte Maria Zakharova, Sprecherin des russischen Aussenministeriums, im Juni. Und sie fügte hinzu: «Diplomatie beruht auf Gegenseitigkeit. Je mehr die Amerikaner die gegenseitigen Beziehungen beschädigen, desto schwieriger wird es für amerikanische Diplomaten werden, in Russland zu arbeiten.»