Staatsanwalt Antonio de Bernardo erachtete es als erwiesen, dass sich Antonio N.* und Raffaele A.* der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, des Drogenhandels, der Erpressung und Geldwäsche schuldig gemacht hätten.

Mit seinem gestrigen Urteil lag das Gericht in Reggio Calabria schliesslich nur unwesentlich unter de Bernardos Antrag: 16 bzw. 14 Jahre Zuchthaus hatte der Staatsanwalt gefordert. Die ’Ndrangheta, betonte er, habe in der Schweiz «Wurzeln geschlagen»; die Thurgauer Zelle eine «stabile Struktur» aufgebaut. Die Beziehungen zu den Bossen in Süditalien seien sehr eng geblieben und alle strategischen Entscheide seien in Kalabrien gefällt worden.

«Anklage hatte rein gar nichts»

Die Verteidiger dagegen plädierten auf Freispruch. Die Ermittler hätten nicht eine einzige illegale Aktivität der Angeklagten auflisten können, die beweisen würde, dass es in Frauenfeld eine mafiöse Zelle gegeben habe, die der ’Ndrangheta in Kalabrien nützlich gewesen wäre. Weder in den Wohnungen der Angeklagten noch im Boccia-Club in Wengi, wo diese sich mit ihren süditalienischen Clanmitgliedern getroffen hatten, seien bei Hausdurchsuchungen Drogen oder Waffen gefunden worden. «Es gab auch keine Erpressung, keine Drohung, keine Geldwäsche – die Anklage hatte rein gar nichts», sagte der Anwalt von Raffaele A., Giovanni Vecchio, am Freitag zur «Nordwestschweiz».

Tatsächlich erfolgte die Verurteilung ausschliesslich wegen «Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung», nicht wegen konkreter Delikte. Entsprechend hat Anwalt Vecchio das Strafgericht von Reggio Calabria am Freitag darauf hingewiesen, dass der Kassationshof in Rom eine Beschwerde der Verteidigung gegen die Untersuchungshaft der beiden Angeklagten gutgeheissen und die Untersuchungsbehörden angewiesen hatte, «konkrete Beweise» für ihre Vorwürfe vorzulegen. Das Überwachungsvideo, das die italienische Polizei ins Internet gestellt hatte, sei ein Indiz, aber kein Beweis, so die Römer Richter. Doch das sieht das Gericht in Reggio Calabria nun anders.

Der 66-jährige Antonio N. alias «Ntoni lo Svizzero» oder «il cucchiarune» (der Schwätzer) war laut dem Ankläger der Kopf der Frauenfelder ’Ndrangheta-Zelle. Der 71-jährige Raffaele A. sei die «rechte Hand» gewesen. Sie waren im August 2014 in Kalabrien an einer Hochzeit verhaftet worden. Die beiden hatten jahrelang unauffällig im Kanton Thurgau gelebt; einer als Lastwagen-, der andere als Taxichauffeur. Beide sind verheiratet und haben Kinder. Der diskrete, gutbürgerliche Lebenswandel sei typisches Merkmal der Mafiaableger im Ausland, betonte der Staatsanwalt.

Die Entdeckung der Frauenfelder Zelle sorgte in der Schweiz für Aufsehen. Neben N. und A. gehörten der Gruppe weitere 16 Kalabresen an, gegen welche die italienische Polizei im August 2014 ebenfalls Haftbefehle ausgestellt hatte. Inzwischen laufen Auslieferungsgesuche. Doch für eine Verhaftung haben die Beweise laut Bundesanwaltschaft nicht ausgereicht.

Schweiz «logistische Plattform»

Dass sich die Mafia in der Schweiz eingenistet hat, ist für Behörden nichts Neues – und auch kein Wunder. Sie werde von Clans «wegen ihrer Wirtschaft und ihrem Finanzplatz, ebenso wegen ihrer Infrastruktur besonders geschätzt», warnte die Bundesanwaltschaft schon vor Jahren. Die Schweiz sei eine Art «logistische Plattform», wo man Geld waschen könne, und zwar nicht nur via Banken und Treuhänder, sondern auch mit Investitionen in Immobilien oder in Gewerbebetriebe.

* Namen der Redaktion bekannt.