Grossbritannien

Zunahme von Messerattacken schockiert die Briten – jetzt gerät Theresa May in die Kritik

Dem Innenministerium zufolge hat sich die Zahl minderjähriger Straftäter, die ihre Opfer mit Messern bedrohten, binnen zweier Jahre um 53 Prozent erhöht. (Symbolbild)

Dem Innenministerium zufolge hat sich die Zahl minderjähriger Straftäter, die ihre Opfer mit Messern bedrohten, binnen zweier Jahre um 53 Prozent erhöht. (Symbolbild)

Nach harscher Kritik von Opposition und Polizei hat Premierministerin Theresa May die Bekämpfung von Gewaltverbrechen mit Messern zur Chefsache erklärt.

Sie werde binnen weniger Tage ein Krisentreffen einberufen, sagte die britische Regierungschefin gestern Mittwoch im Unterhaus: «Wir müssen den Ursachen auf den Grund gehen.»

Die Öffentlichkeit wird seit Monaten durch immer neue Schlagzeilen über Messer-Morde aufgeschreckt. Im vergangenen Jahr wurden in England und Wales 285 Menschen erstochen, so viele wie noch nie seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Zwei Straftaten vom Wochenende haben das Land aufgewühlt, wohl nicht zuletzt deshalb, weil die beiden Opfer ein 17-jähriges Mädchen und der gleichaltrige Schüler einer teuren Privatschule waren.

Yousef Makki wurde am frühen Samstagabend nahe seines Elternhauses in der Nähe von Manchester von zwei 17-Jährigen angegriffen; beide mutmasslichen Täter sind in Haft. Wenig später starb Jodie Chesney in einem Park bei London. Sie hatte mit Freunden Musik gehört, als zwei junge Männer – offenbar ohne Anlass – sich der Gruppe näherten und der Täter der 17-Jährigen von hinten einen einzigen Stich ins Herz versetzte.

Dem Innenministerium zufolge hat sich die Zahl minderjähriger Straftäter, die ihre Opfer mit Messern bedrohten, binnen zweier Jahre um 53 Prozent erhöht. Das nationale Gesundheitssystem verzeichnete binnen fünf Jahren eine Verdoppelung von unter 16-Jährigen, die wegen Stichwunden behandelt werden mussten.

May gleich mehrfach in Kritik

Seit May als Innenministerin der konservativ-liberalen Koalition 2010 das Ruder übernahm, stehen den Polizeibehörden von England und Wales real 19 Prozent weniger Mittel zur Verfügung. Mehr als 20 000 Stellen wurden eingespart.

Mittlerweile hat die konservative Minderheitsregierung das Steuer herumgerissen und der Polizei bis zu umgerechnet 1,3 Milliarden Franken zur Verfügung gestellt. Damit lassen sich 3000 zusätzliche Streifenbeamte finanzieren. In der Kabinettssitzung am Dienstag verlangte Innenminister Sajid Javid zusätzliche Mittel von Finanzminister Philip Hammond, was dieser unter dem Protest anderer Ressortkolleginnen ablehnte.

Der Zusammenhang zwischen der Zahl von Polizeibeamten und Gewaltverbrechen sei keineswegs eindeutig, beteuerte May in einem Fernsehinterview zu Wochenbeginn. Das brachte der Regierungschefin verbale Prügel von vielen Seiten ein. Zu Wort meldeten sich die beiden höchsten Polizeibeamtinnen des Landes.

«Natürlich» gebe es den Zusammenhang, teilte Londons Polizeipräsidentin mit. Und die Koordinatorin der Polizeipräsidenten des Landes forderte mehr Geld. «Wir brauchen viel klarere Führung durch die Regierung», betonte sie.

Innenminister Javid scharte gestern nun die Polizeipräsidenten der grössten Städte um sich. Binnen dreier Tage wolle er genaue Zahlen darüber haben, welche zusätzlichen Mittel die Verantwortlichen zur besseren Bekämpfung der Gewaltkriminalität für notwendig halten, sagte er. Daneben müsse man aber auch über andere Ursachen sprechen.

Dazu zählt peinlicherweise ein anderes Erbe aus Mays Amtszeit: 2014 hatte die Konservative die Polizei angewiesen, weniger häufig schwarze Jugendliche zu kontrollieren. Diese Praxis sehen Praktiker als wichtiges Instrument der Prävention; bei vielen Angehörigen ethnischer Minderheiten gilt es als verhasstes Symbol einer Stigmatisierung durch die Mehrheitsgesellschaft.

Allerdings sind unter Opfern wie Tätern Menschen mit brauner oder schwarzer Hautfarbe überproportional stark vertreten. Soziologen machen dafür die vergleichbar höhere Armut und geringere soziale Aufstiegschancen verantwortlich. Labour-Oppositionsführer Jeremy Corbyn wies im Unterhaus darauf hin, dass die Kommunalverwaltungen in den vergangenen Jahren wegen Budgetkürzungen 3500 Jugendarbeiter entlassen und mehr als 600 Jugendzentren schliessen mussten.

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