«Manchmal habe ich mich betrunken, bevor ich in die Schlacht zog, manchmal danach. Weil wir oft unter Drogen standen, haben wir Dinge getan, die wir sonst niemals getan hätten.» 

Alkohol sollte Grâce à Dieu* helfen, das, was er tat, erträglich zu machen und das, was er getan hatte, zu vergessen. Es funktionierte nicht.

Seitdem er 15 Jahre alt war, kämpfte er im Bürgerkrieg in der Zentralafrikanischen Republik als Kindersoldat. Der «Red Hand Day» am 12. Februar soll weltweit dazu aufrufen, Kinder
und Jugendliche endlich vor dem Dienst an der Waffe zu schützen.

«Als ich gekämpft habe, war ich mit allem, was wir getan haben, einverstanden. Erst nachdem ich die Rebellen verlassen hatte, begann ich zu realisieren, was ich getan habe, und bereute es sehr», berichtet der heute 18-Jährige. Wie die allermeisten Kindersoldaten tötete er nicht freiwillig.

Grâce à Dieu sass an einem Sonntagmorgen in der Kirche, als die überwiegend muslimischen Seleka-Truppen sein Dorf überfielen. Die Rebellen hatten kurz zuvor einen Aufstand begonnen und stürzten später Staatschef François Bozizé. Der Putsch riss das Land in eine Spirale der Gewalt zwischen muslimischen und christlichen Milizen. Rund eine Million Menschen flohen, Tausende starben.

«Sie wollten uns böse machen»

Auch Grâce à Dieus Vater wurde von den Kämpfern verschleppt und tauchte nie wieder auf. Damit musste der älteste von sieben Brüdern und Schwestern plötzlich mit seiner Mutter für die Familie sorgen. Sich ausgerechnet der Miliz anzuschliessen, die seinen eigenen Vater getötet hatte, erschien ihm die einzige Möglichkeit, an Geld, Essen und Kleidung für seine jüngeren Geschwister, seine Mutter und sich zu kommen.

Die Rebellen unterzogen ihn zunächst einem harten militärischen Training. «So wollten sie uns böse und unbarmherzig machen», wird Grâce à Dieu später berichten.

Sobald der Schüler, der nie zuvor eine Waffe in Händen gehalten hatte, gelernt hatte, zu töten, musste er kämpfen. «Wir, die Kinder sind an die Front geschickt worden. Die anderen blieben weiter zurück. Ich habe mich immer bemüht, keine Unschuldigen zu töten, aber ich wurde Zeuge vieler Gräueltaten und habe viele meiner Kameraden fallen sehen», berichtet der unfreiwillige Soldat.

Trotzdem bereute er zunächst nicht, sich den Rebellen angeschlossen zu haben. «Ehrlich gesagt habe ich sehr gut gelebt. Wir haben geplündert und die Leute abgezockt. Wir haben keine Not gelitten. Wir haben sogar auf Matratzen geschlafen, die wir gestohlen hatten», berichtet der Junge, der bei den Rebellen Rekruten gesehen haben will, die gerade mal acht Jahre alt waren.

Rückkehr ins neue, alte Leben

Insgesamt 16 Monate zog er mordend und plündernd durchs Land, dann gelang es einheimischen Ältesten und Vertretern von Hilfsorganisationen, die Rebellenführer zu überzeugen, Grâce à Dieu und weitere Kinder aus ihren Reihen zu entlassen.

In einem Zentrum für ehemalige Kindersoldaten erhielt der Junge, der seit dem Tod seines Vaters nicht mehr zur Schule gegangen war, ein dreimonatiges Training als Automechaniker, dann kehrte er zu seiner Familie zurück und versucht seitdem, sich wieder in einem Leben zurechtzufinden, in dem es nicht nur darum geht, zu töten oder getötet zu werden.

Für den Jugendlichen, dem eine Waffe die Kindheit raubte und ihm auch gegenüber Erwachsenen Macht verlieh, ist die Rückkehr in sein neues, altes Leben nicht leicht. Was im Krieg bei den Rebellen galt, gilt jetzt plötzlich nicht mehr.

Die internationale Hilfsorganisation «Save the Children» setzt sich in der Zentralafrikanischen Republik und in anderen Ländern, in denen Kinder zum Kämpfen gezwungen wurden oder werden, unter anderem mit Aufklärungskampagnen, Familienzusammenführungen, der Förderung von Schul- und Berufsausbildung und psychologischer Betreuung dafür ein, dass die Reintegration der oftmals schwer traumatisierten und stigmatisierten Kinder und Jugendlichen gelingen kann, keine weiteren Kinder als Soldaten eingezogen und bereits unter Befehl stehende Jungen und Mädchen entlassen werden.

Kinder auch in regulären Armeen

Doch trotz der internationalen Ächtung ist der Kampf gegen die Rekrutierung von Kindersoldaten nicht nur in der Zentralafrikanischen Republik schwierig. Denn nicht nur skrupellose Warlords, auch reguläre Armeen berufen noch immer Jungen und Mädchen ein.

Mit der im März 2014 begonnenen Kampagne «Kinder, nicht Soldaten» setzt sich der UNO-Sonderbeauftragte für Kinder in bewaffneten Konflikten zusammen mit dem UNO-Kinderhilfswerk Unicef dafür ein, dass zumindest in staatlichen Streitkräften bis Ende 2016 keine Minderjährigen mehr kämpfen müssen.

Aber Rebellengruppen und Terrororganisationen wie der «Islamische Staat» oder Boko Haram werden Minderjährige auch danach noch als Selbstmordattentäter, Soldaten, Träger, Spione oder Sex-Sklaven für ältere Kämpfer einsetzen.

Denn Kinder sind leicht zu manipulieren, können oft nicht genau zwischen Gut und Böse unterscheiden, streben nach Anerkennung, können Gefahren nicht richtig einschätzen und sind sich der Finalität des Todes nicht bewusst. Gefühle werden ihnen zudem systematisch abtrainiert. So werden Kinder häufig besonders brutale Kämpfer. Zudem sind sie billiger als reguläre Soldaten.

Als Kanonenfutter verheizt

Besonders oft werden Minderjährige, die wie Grâce à Dieu im Kämpfen und Plündern ihre einzige Verdienstmöglichkeit sehen, (zwangs-)rekrutiert. Manche Waisenkinder schliessen sich den Kämpfern auch freiwillig an, weil sie den Tod ihrer eigenen Eltern rächen wollen und hoffen, bei den bewaffneten Gruppen Schutz zu finden.

Tatsächlich werden sie oft an vorderster Front als Kanonenfutter verheizt. Falls sie den Krieg dennoch überleben, rutschen sie, wenn sie sich wieder in die Zivilgesellschaft eingliedern sollen, besonders oft in die Kriminalität ab, da sie im Krieg gelernt haben, sich mit Gewalt zu nehmen, was sie wollen.

Damit Kinder, die zum Kämpfen gezwungen werden, nicht wieder zu Tätern und Opfern werden, fordert «Save the Children von der Regierung der Zentralafrikanischen Republik und der internationalen Gemeinschaft, die Bemühungen zur Reintegration der bis zu 10000 ehemaligen oder noch unter Befehl stehenden Kindersoldaten zu intensivieren.

Véronique Aubert, Expertin für Konflikte und Humanitäre Hilfe bei Save the Children: «Nachdem sie monatelang gesehen haben, wie Menschen getötet wurden oder sogar selbst getötet haben, besteht die Gefahr, dass Kinder unter Depressionen, Angstzuständen und Trauer leiden. Sie brauchen professionelle psychologische Unterstützung.»

Grâce à Dieu, der jetzt andere Kinder davor warnt, sich bewaffneten Gruppen anzuschliessen, wollte nach seiner Entlassung nur eines. Der ehemalige Soldat: «Mein grösster Wunsch ist es, wieder zur Schule zu gehen. Ich habe früher so gerne gelesen.»

* Name geändert