Eine knappe Stunde lang referiert Karl-Theodor zu Guttenberg als Hauptredner am 9. Aargauer Wirtschaftssymposium von letzter Woche: frei von der Leber weg und um Pointen nie verlegen. Dreimal gar platziert er einen Scherz über seinen Fall von Deutschlands politischem Superstar zum Buhmann der Nation. Keine Frage: Das Publikum fühlt sich prächtig unterhalten. Da stört es kaum, dass der Gegenstand von zu Guttenbergs Vortrag vollkommen vage bleibt. Bald geht es ums Internet, bald ums Klima und auch darum, dass Brasilien als Wirtschaftsmacht überschätzt werde. Zum Interview treffen wir Karl-Theodor zu Guttenberg gleich nach seinem Auftritt, in der Künstlergarderobe des Aarauer Kultur- und Kongresshauses.

Wir sitzen hier in der Künstlergarderobe. Das ist es doch eigentlich, was Sie von Natur aus sind: ein Künstler.

Karl-Theodor zu Guttenberg: Wenn Sie auf meinen Vortragsstil anspielen: Ich möchte mich nicht langweilen, indem ich dreimal die Woche dasselbe in immer den gleichen Worten erzähle. Auch das Publikum hat eine gewisse Erwartungshaltung – die kann man bitter enttäuschen, man kann sie aber auch erfüllen. Wichtig ist, dass ich mich authentisch gebe und dass meine Botschaft eine ernste bleibt.

Showtalent hat Sie schon als Politiker ausgezeichnet. Inwiefern rührt Ihre, ich nenne es einmal circensische, Leichtigkeit daher, dass Sie im Leben nie etwas wirklich mussten?

Ich habe in der Tat das grosse Glück, wirtschaftlich unabhängig zu sein. Ein solches Glück verpflichtet erst recht, sich gesellschaftlich zu engagieren! Gleichzeitig war es mir als Politiker immer wichtig, mir die Freiheit zu erhalten, wieder aufhören zu können. Das hat zuweilen meine Arbeit erleichtert und mir einen vergleichsweise grossen Handlungsspielraum verschafft. Obschon natürlich die Entscheidung, aus dem Amt zu scheiden, bekanntlich anderweitig befördert wurde.

Sie sprechen von der «Freiheit, aufhören zu können»: Was war denn Ihr ursprüngliches Ausstiegsszenario aus der Politik?

Auch wenn mir das heute kein Mensch glaubt: Ich wäre mit ziemlicher Sicherheit Ende der letzten Legislatur aus der Politik ausgeschieden. Wenn man feststellt, dass einem die Politik die geistige Unabhängigkeit und Kreativität raubt, gilt es aufzuhören. Das war bei mir 2011, als ich das Amt als Verteidigungsminister niederlegte, noch nicht der Fall. Eine Ahnung von diesem Leben im Hamsterrad hatte ich freilich schon damals.

Tatsächlich? Ein halbes Jahr nach Ihrem Rücktritt meldeten Sie sich mit dem Interviewband «Vorerst gescheitert» zurück – das Buch war in erster Linie doch ein Versuchsballon, ob Sie bereits wieder Fuss fassen könnten in der Politik.

Unsinn, das wurde mir unterstellt. Tatsächlich wollte ich nach meinem Rücktritt aber ganz bewusst ein neues Kapitel aufschlagen, und ich bin mit meiner Familie in die USA gegangen. Es wäre nachgerade absurd gewesen, nach ein paar Monaten in Amerika bereits wieder in die Politik zurückkehren zu wollen.

Für Sie stand damals fest, dass Sie 2013 nicht wieder für den Deutschen Bundestag kandidieren wollten?

Ja. Aber das Buch wurde in einigen Medien anders verstanden. Ich würde den Zeitpunkt und das Ausmass des Buches heute denn auch anders gestalten.

Das heisst konkret?

Ich würde heute gänzlich die Klappe halten. Ich war damals, ein halbes Jahr nach meinem Rücktritt, noch viel zu sehr den Fliehkräften des politischen Geschäftes unterworfen. Mir fehlte damals der Abstand, den ich heute habe.

Ist es nicht vielmehr so, dass Sie erst aufgrund der Kritik an Ihrem Buch gemerkt haben, wie sehr Sie bei der deutschen Öffentlichkeit in Ungnade gefallen sind?

Ich war damals effektiv überrascht, insbesondere über die mediale Debatte. Heute wäre ich es nicht mehr – darum würde ich das Buch auch nicht wieder herausgeben.

Wann werden Sie nun nach Deutschland zurückkehren?

Es wird irgendwann einmal die Rückkehr in meine Heimat geben, eine Rückkehr in die aktive Politik allerdings ist eine andere Frage.

Wovon wird Letzteres abhängen?

Man macht so etwas ja nicht um eines Amtes willen, sondern aufgrund der Überzeugung, etwas bewegen zu können. Ich bin als Amtsträger oft an Grenzen gestossen. Die Frage ist darum, ob ich für künftige Generationen nicht viel eher nützlich sein kann, indem ich ausserhalb des politischen Betriebs zu wirken versuche.

Wie wirken Sie denn konkret?

Ich halte nicht nur Vorträge und schreibe Artikel, etwa für die «New York Times». In erster Linie befasse ich mich unternehmerisch mit zukunftsrelevanten Themenkomplexen, namentlich unter anderem den neuen Technologien. Ich arbeite dabei als Investor und Berater.

Sie haben ein Mandat als Berater der EU-Kommission für Internetfragen. Laut «Spiegel» ist diese Tätigkeit ausgelaufen.

Dieses Mandat halte ich ganz bewusst im Hintergrund. Mein Selbstverständnis als Berater ist, dass man die Person berät, die in der Öffentlichkeit steht, und dass man selber den Mund hält.

Und was macht der Unternehmer und Investor Karl-Theodor zu Guttenberg?

Ich berate grössere Unternehmen beidseits des Atlantiks. Und wir investieren ganz gezielt in aufstrebende Unternehmen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Sie sind Berater der öffentlichen Hand und Investor. Sind Interessenkonflikte nicht vorprogrammiert?

Sollte es nach genauer Prüfung solche Konflikte geben, sehe ich von Investitionen ab.

Woher rührt Ihr Interesse für neue Technologien? Doch nicht etwa davon, dass Ihre Dissertation dank des Internets als fehlerhaft erkannt und dort auch angeprangert wurde?

Nein. Das Thema fasziniert mich seit Jahren. Die meisten Menschen sind ahnungslos, was für Chancen und Risiken die neuen Technologien bergen. Ich habe mir für meinen damals anders geplanten Abgang aus der Politik immer vorgenommen, mich mit diesen Themen zu beschäftigen.

Mit der deutschen Tagespolitik sind Sie aber nach wie vor beschäftigt?

Selbstverständlich. Aber mit der Gelassenheit dessen, der dem Hamsterrad entronnen ist.

Hand aufs Herz: Wie gelassen haben Sie reagiert, als Sie der CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer kürzlich im «Spiegel» ein «Glühwürmchen» nannte?

Es gibt Äusserungen, die liebevoll sind, und solche, die das Gegenteil sind. Auf diesem Niveau zu reagieren, würde doch von zu grosser Dünnhäutigkeit zeugen.

Die CSU läuft sich derzeit warm für den Europawahlkampf von Ende Mai. Wie gefällt Ihnen der gegen osteuropäische Migranten gerichtete CSU-Slogan «Wer betrügt, der fliegt»?

Es gibt intellektuell belastbarere Sätze. Verkürzte Diskussionen gehören aber leider zum politischen Tagesgeschäft.

Im erwähnten Interviewbuch von 2011 beklagten Sie den Niedergang der CSU.

Ich sagte, die CSU sei keine Volkspartei mehr. Das war ein Warnruf, der allen grossen Parteien in Deutschland galt. Angesichts sinkender Wahlbeteiligung und allgemein sinkenden Zuspruchs deckt sich der Anspruch unserer Volksparteien immer weniger mit der Wirklichkeit.

Die CSU hat im letzten Herbst allerdings wieder die absolute Mehrheit in Bayerns Landtag zurückerobert.

Die CSU hat einen grossartigen Erfolg hingelegt. Als Parteimitglied bin ich hocherfreut. Da leitet sich aber auch der Auftrag ab, etwas daraus zu machen und sich nicht auf den Prozentzahlen auszuruhen.

Schaut man nach Berlin, hat die CSU in der neuen Grossen Koalition lediglich so untergeordnete Ressorts wie Landwirtschaft und Entwicklungshilfe.

Sie können aus jedem Ressort etwas Massgebliches machen. Der Verantwortungsgrad eines Landwirtschaftsministers ist überhaupt riesig. Mehr möchte ich zur deutschen Innenpolitik nun aber wirklich nicht sagen.

Dass die Grosse Koalition Mehrkosten von 23 Milliarden Euro bringt?

Kein Kommentar.

Haben Sie noch Kontakt zu Frau Merkel?

Das ist ein ungebrochener Kontakt, den wir aber nicht über die Medien mitteilen.

Und Ursula von der Leyen haben Sie zum Wechsel ins Verteidigungsministerium gratuliert?

Natürlich. Ich freue mich über die Personalie. Und ich freue mich an jeder Form von Aufmerksamkeit, die Deutschlands Soldaten bekommen.

Die neue Verteidigungsministerin hat die «Vereinbarkeit von Dienst und Familie» zur obersten Priorität erhoben. Die Truppe müsse «Dienst- und Familienzeiten besser aufeinander abstimmen».

Angesichts der Versetzungshäufigkeit und der Belastung gewinnt die Frage an Bedeutung. Die Aufgabe klingt allerdings leichter, als sie ist.

Sie sind ein Mann des Internets, Ex-Verteidigungsminister und ein Freund der Amerikaner. Was halten Sie von Edward Snowden?

Edward Snowden ist jemand, dessen Verhalten eine wichtige Debatte mitbefördert hat. Jemand aber auch, dessen Verhalten sich gegen das bestehende Recht seines Heimatlandes richtet. Die Debatte, die er ermöglicht, hat offenbar sehr viel Scheinheiligkeit, sie ist aber doch auch notwendig.

Scheinheiligkeit?

Wer sich darüber wundert, dass Geheimdienste auch verbündete Partner ausspionieren, verfügt über wenig Realitätssinn.

Und doch sprechen Sie von einer notwendigen Debatte.

Die Debatte darf sich nicht auf Nachrichtendienste beschränken. Wir müssen den Fokus viel mehr auf den privaten Sektor richten, auf die Grossen in der digitalen Welt. Hier weist die Politik enorme Defizite auf, und es ist fraglich, ob und wie die Regierungen dieser Welt diese Defizite in ihrer traditionellen Form als Gesetzgeber wettmachen können.

Konkret?

Ich spreche von «Googlement» – die Riesen der digitalen Welt sind heute in vielerlei Hinsicht mächtiger als die Regierungen. Facebook hat weit über eine Milliarde Nutzer. Heute stehen vernünftige Leute an der Spitze von Facebook. Theoretisch aber kann das Unternehmen binnen einer Nanosekunde irgendwo auf der Welt einen Staatsstreich durchführen. Indem man etwa ein Gerücht streut – die angegriffene Regierung hätte gar nicht die Zeit, darauf rechtzeitig zu reagieren.

Was also rät der Internet-Berater Karl-Theodor zu Guttenberg?

Es braucht eine Sensibilisierung für die Chancen und Gefahren der neuen Technologien – dieses Bewusstsein aber muss aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Die Konsequenzen von Big Data müssen offen und breit debattiert werden. Sie geben im Internet täglich Daten von sich preis, die Sie gar nicht hergeben wollen.

In Ihren Augen funktioniert der Staat als Gesetzgeber in der digitalen Welt nicht mehr . . .

… dazu ist die digitale Welt zu grenzenlos, die Entwicklung schreitet zu rasant voran.

Was kann die Politik denn überhaupt noch ausrichten?

Der Staat kann Verantwortungsträger installieren, die sich mit dieser Thematik befassen und die Bevölkerung sensibilisieren. Er kann das Thema beispielsweise zum Gegenstand des Schulunterrichts machen.

Sie haben selber einen Facebook-Account?

Ja. Meines Wissens hatte ich bis Mitte 2013 dort sogar mehr sogenannte «Fans» als die Kanzlerin. Doch das will natürlich nichts heissen. Ich bin heute allerdings sehr zurückhaltend und poste nur noch sehr selten etwas.