Da stehen wir nun auf dem Pass, nach drei Stunden Aufstieg, schwer atmend, schweissüberströmt. Die Funktionskleidung klebt am Leib; wir tragen lange Hosen wegen angeblicher Schlangen, die Füsse stecken in schweren Bergschuhen. Und da steht neben uns diese albanische Familie: der Mann in Lackleder-Halbschuhen, die Frau mit Glitzerhandtäschli, das Kind in pinken Sneakers. Wie sind die in diesem Outfit bloss hier hochgekommen? Nicht zum ersten Mal stellen wir fest: Albaner sind zäh und geländegängig wie Berggeissen.

Dabei sind wir nicht overdressed. Unsere Wandertour in den nordalbanischen Alpen führt durch schroffes Gelände. Wir bewegen uns in zwei Nationalparks der Prokletije, was «verwunschene Berge» bedeutet. Der Gebirgszug im Dreiländereck Albanien–Kosovo–Montenegro wird als Teil des Fernwanderwegs «Peaks of the Balkans» begangen. Hier liegt auf knapp 2700 Meter Höhe der Gipfel des Jezerca, des zweithöchsten Berges in Albanien.

Abenteuerlustigere Leute könnten unsere mehrtägige Tour auf eigene Faust machen, vielleicht nur mit dem Zelt. Aber wir mögens bequem und setzen auf den Reiseanbieter Eurotrek. Das bedeutet: Unterkunft, Transfers, Wanderrouten, alles zuverlässig durchorganisiert. Während wir wandern (GPS-unterstützt, aber individuell), reist das Gepäck im Auto oder auf dem Packpferd von Gästehaus zu Gästehaus.

Des Albaners Religion

Unsere erste Station ist Shkodra, eine fast 2500 Jahre alte Stadt am Skutarisee nahe der Grenze zu Montenegro. In der renovierten Fussgängerzone mit ihrem Kopfsteinpflaster und den farbigen Häusern flanieren abends zahlreiche Einheimische. Und hier fallen die ersten Vorurteile. Eine Schweizer Mitreisende wundert sich, dass albanische Frauen nicht verschleiert sind; ja, dass sie sich im Gegenteil recht aufgebrezelt haben.

Die Fussgängerzone in Shkodra verströmt mediterranes Ambiente. Hier trifft man sich abends zum gemütlichen Flanieren, Sehen und Gesehenwerden.

Die Fussgängerzone in Shkodra verströmt mediterranes Ambiente. Hier trifft man sich abends zum gemütlichen Flanieren, Sehen und Gesehenwerden.

Doch nicht umsonst besagt ein Bonmot: Die Religion des Albaners ist das Albanertum. Und vielleicht noch der alte Ehrenkodex, der Kanun. Unter Diktator Enver Hoxha, der von 1944 bis 1985 herrschte und Albanien abschottete, waren Religionen komplett verboten. Heute leben Muslime und Christen friedlich nebeneinander.

Der nächste Tag führt uns im Morgengrauen an den Koman-Stausee. Dort steigen wir auf die Fähre gen Norden um. Die Dragobia ist ein zum Boot umgebauter Bus – bevor uns Zweifel an deren Seetauglichkeit aufkommen können, sitzen wir schon drin. Und zwar nicht in der kleinen Kabine, sondern draussen, auf Benzinkanistern und Zuckersäcken, die entlang der Reling gestapelt sind. Vorräte für die kleinen Siedlungen am Ufer, die man nur per Boot oder zu Fuss erreicht.

Eine Fahrt mit der Fähre auf dem Koman-Stausee ist unbequem, aber auch unvergesslich schön. Obwohl der zum Boot umgebaute Bus nicht gerade vertrauenserweckend aussieht.

Eine Fahrt mit der Fähre auf dem Koman-Stausee ist unbequem, aber auch unvergesslich schön. Obwohl der zum Boot umgebaute Bus nicht gerade vertrauenserweckend aussieht.

In Reiseführern ist die dreistündige Fahrt beschrieben als Highlight jeder Albanien-Reise. Wir pflichten bei. Ab und zu legt die Fähre im – scheinbaren – Nirgendwo an, ein Einheimischer steigt aus und erklimmt die steil aufragende Felswand in Sonntagskleidern, als wärs ein Spaziergang.

Später am Tag dürfen auch wir die Wanderschuhe festzurren: Zu Fuss geht es dem Fluss Valbona entlang ins gleichnamige Tal. Es ist dem vehementen Widerstand einiger Einheimischer und Umweltaktivisten zu verdanken, dass die hier – mitten im Nationalpark – geplanten riesigen Wasserkraftwerke nie realisiert wurden. Auch der teilweise herumliegende Abfall zeigt: In einem Land, das zu den ärmsten Europas gehört, hat Naturschutz nicht oberste Priorität. Sollte er aber. Denn die Schönheit fast unberührter Natur, der wir auf dieser Reise begegnen werden, ist von unschätzbarem Wert.

Zu Fuss, mit dem Schiff und Mini-Bus unterwegs in Albanien

Zu Fuss, mit dem Schiff und Mini-Bus unterwegs in Albanien

Eindrücke von Redaktorin Nadja Rohner.

Nach knapp drei Stunden trudeln wir im Gästehaus ein und sind positiv überrascht vom Komfort. Und vom Znacht: Knusprig gebratene Forellen aus dem Bach nebenan, Gemüse und Kartoffeln aus dem Garten. Dazu selbstgebrannter Raki, ein Geschenk der Einheimischen am Nebentisch. 40 Kilo Trauben ergeben drei Liter Schnaps, drei Gläser Raki ergeben einen fröhlichen Abend. Der Kellner trinkt mit.

Der nächste Tag führt uns hinauf zur Hütte der Familie Rama auf 1650 Metern über Meer. Die Grenze zu Montenegro ist so nah, dass dies hier während des Kommunismus Sperrgebiet war und die Hütte eine Militärbaracke. Dem Neffen der Hirtenfamilie begegnen wir unterwegs; er ist gross und sehr schlank, wie viele dieser stolzen Bergbewohner. Er trägt iPod-Kopfhörer und über seiner Schulter zwei Sensen – ein wandelndes Symbol für ein Albanien, das den Sprung ins neue Jahrtausend noch nicht ganz vollzogen hat.

Oben angekommen, essen wir den Käse unserer Gastgeber und geniessen das Panorama. Kein Skiliftmast ist zu sehen, dafür riesige Wälder, ein frei mäandernder Fluss und zerklüftete Berggipfel. Unweigerlich denkt man an die vielen Kosovaren, die während des Krieges über jene Berge nach Albanien flohen. Auch im bitteren Winter.

Abends, im wunderschönen Garten des nächsten Gasthauses, denken wir noch: Hier müsste man ein paar Tage bleiben. Und tatsächlich erwischen wir einen «Chäfer», der uns eine schlaflose Nacht auf dem WC beschert. An Weiterwandern ist nicht zu denken. Dank dem im Reise-Package mitgelieferten Notfall-Handy, das uns mit der einheimischen Reiseleitung verbindet, ist die Umbuchung kein Problem. Wir faulenzen also einen Tag länger im Garten und sind dankbar, dass es Coca-Cola bis in den hintersten Winkel Albaniens geschafft hat.

Von flüssigen Kalorien getragen, machen wir uns am nächsten Tag auf zum Valbona-Pass, über den wir nach Theth im benachbarten Shala-Tal gelangen. Es riecht nach Harz, Pferd, Kräutern, Waldboden – und Cannabis. Spötter nennen es «den Weizen Albaniens», das Land ist eine der weltweit führenden Quellen für die Droge.

Die Schattenseiten des aufkommenden Tourismus: Im abgelegenen, malerischen Dörfchen Theth wurde eine Besenbeiz direkt neben den historisch wertvollen Blutracheturm gebaut.

Die Schattenseiten des aufkommenden Tourismus: Im abgelegenen, malerischen Dörfchen Theth wurde eine Besenbeiz direkt neben den historisch wertvollen Blutracheturm gebaut.

Zum ersten Mal verlaufen wir uns trotz GPS gehörig. Aber irgendwo trifft man immer auf einen Einheimischen, der einen freundlich mit vielen Worten, die wir nicht verstehen, auf den richtigen Pfad zschickt. Überhaupt: Wir begegnen auf der Reise ausnahmslos höchst hilfsbereiten Menschen. Die Gastfreundschaft des Albaners ist legendär. Sie gründet, wie die Blutrache, im berüchtigten Ehrenkodex Kanun.

Beim Abstieg ins Shala-Tal sind wir froh, um die Wanderstöcke; 1100 Höhenmeter sind zu bewältigen. Für diese Reise sollte man eine gewisse Kondition mitbringen, wir wandern bis zu sieben Stunden täglich. Dafür kommen wir an malerische Orte wie das Dörfchen Theth, die mangels tauglicher Verkehrsanbindung von der Zeit so unberührt sind, dass man sich vorkommt wie in einem riesigen Freilichtmuseum.

Schattenseiten des Tourismus

Man muss allerdings sagen: Der Tourismus nimmt Fahrt auf, und das manifestiert sich in Form halb fertiger Gästehäuser an allen Ecken. Ganz Bünzlischweizer, wünschen wir uns eine strenge Bauordnung herbei, um die Schönheit dieses Tals zu bewahren. Man gönnt es zwar der Familie, in deren Besitz die letzte erhaltene Kulla (ein Blutracheturm) des Shala-Tales ist, dass sie mit Touristen Geld verdienen kann.

Aber den Bretterverschlag direkt neben dem Turm, der eine Art Besenbeiz beherbergt, hätte man wirklich an einem anderen Ort aufstellen können. Im Shala-Tal bleiben uns zwei Wandertage, dann bringt uns der Mini-Bus über eine höchst abenteuerliche Pass-Strasse zurück nach Shkodra. Der albanische Beifahrer trinkt sich mit Raki Mut an und bekreuzigt sich in jeder Kurve. Vielleicht dankt er aber auch einfach Gott für sein wunderbares Land.