Verschwörungstheoretiker behaupten: Die zwei Türme des World Trade Center und das daneben stehende Gebäude WTC 7 wurden gesprengt. Dass zwei Airliner in die Zwillingstürme gekracht waren, hatten viele Augenzeugen beobachtet. Dass die Türme das nicht überstehen könnten, schien irgendwie noch plausibel. Dass aber sieben Stunden nach dem Fall der Türme das Gebäude WTC7 – immerhin auch 47 Stockwerke hoch – zusammenkrachte, ohne dass Flugzeuge reingeflogen wären, irritierte schon die Augenzeugen. Kam hinzu, dass es in sich zusammenfiel und nicht auseinander und dass der Eindruck entstand, das Gebäude sei nicht wie die Türme von oben nach unten, sondern von unten her zusammengefallen.

Im Gebäude waren neben dem Bunker der New Yorker Katastrophenschutzbehörde Büros der CIA und des Secret Service, dazu solche der Börsenaufsicht SEC. Eine Steilvorlage: Das WTC7 musste gesprengt werden, um all die Beweise zu vernichten, dass 9/11 ein «Inside-Job» war, eine von der US-Regierung höchstselbst inszenierte Aktion. – Die Verschwörungstheoretiker übersehen dabei geflissentlich ein winziges Detail: Weshalb sollte man die Befehlszentrale für eine so heikle Operation just in unmittelbarer Nähe des Zielortes einrichten?

Gab es eine Sprengung?

Das National Institute of Standards and Technology (NIST) kam in seinem Abschlussbericht zum Schluss, dass das WTC7 vor allem durch Trümmerteile der Towers beschädigt wurde. Die Feuer, die stundenlang in seinem Innern schwelten, gaben der Struktur den Rest. Die Erklärung, warum es nach innen zusammenfiel, liefert der Umstand, dass in seinem Innern eine grosse Notstromanlage war, für die entsprechend starke Strukturen gebaut wurden. Solange diese Pfeiler standhielten, blieb das Gebäude eben stehen. Und als sie endlich einknickten, musste alles in sich zusammenstürzen. Der Katastrophen-Kommandoposten war auf eine eigene Stromversorgung angewiesen, deshalb wurden wahrscheinlich auch die Feuer durch eine unüblich grosse Menge an Diesel genährt.

David Ray Griffin, eines der bekannteren Mitglieder der 9/11-Skeptikergemeinde, wirft dem NIST-Bericht «Unwissenschaftlichkeit» vor. Sein Hauptvorwurf: Man habe nicht mit der wahrscheinlichsten Hypothese begonnen, der künstlichen Sprengung nämlich, und auch diesbezügliche Beweise unterdrückt. Wahrscheinlichste Hypothese oder handfestes Vorurteil? Die Frage mag offenbleiben. Neben akribischer Diskussion der Details des Berichts, die Griffin meist «problematisch» findet, wird oft mit «Ad-personam-Argumenten» operiert. Die Behörde und ihre Chefs seien nicht unabhängig, sondern auf die eine oder andere Art der Bush-Administration verpflichtet.

Was geschah mit Gebäude Nummer 7?

Spannend wird es noch, weil Larry Silverstein, der Mieter des Gebäudes, die Worte «pull it» («Zieh den Hebel?») gesprochen haben soll. Leider konn-ten aber Sprengstoffexperten nicht bestätigen, dass «pull it» eine ihnen gebräuchliche Formulierung sei, um eine Sprengung auszulösen. Silverstein sagte, er hätte dem Feuerwehrkommandanten vorschlagen wollen, seine Leute aus dem Gebäude zurückzuziehen. Das scheint immerhin semantisch plausibler.

Wenn aber die offizielle Erklärung für den Einsturz von WTC7 versagt, dann – so die Verschwörungstheoretiker – wird auch nicht stimmen, was für die beiden 110-StockwerkTürme behauptet wird. Umso mehr, als der «Fall WTC 7» im offiziellen
«9/11 Commission Report» gar nicht erwähnt wird. Das Verschwörungsargument wird dann so aufgebaut: Die ganzen Passagierflugzeug-Geschichten wurden nur gestrickt, um zu verhehlen, dass die Türme willkürlich zum Einsturz gebracht wurden, im Klartext: gesprengt wurden.

1945 trifft ein Bomber das Empire State Building

Die Art und Weise, wie die Türme fielen, sei «sehr ähnlich» gewesen zum WTC7. Das stimmt nur teilweise. Der Einsturz der Türme nahm seinen Anfang nicht unten, sondern dort, wo die Flugzeuge eingeschlagen hatten. Dass alle Gebäude in sich zusammensanken und nicht auseinanderbrachen, kann durch die Architektur erklärt werden.

Überraschend ist nicht, dass die Türme schliesslich einstürzten, sondern dass sie überhaupt so lange stehen blieben. 1945 knallte im dichten Nebel ein B-25-Bomber ins Empire State Building. Der Schaden blieb begrenzt. Deshalb, so die Folgerung, müsste ein modernes Gebäude auch den Impakt eines Passagierflugzeugs aushalten. Das Empire State Building war allerdings von ganz anderer Bauart als die modernen Wolkenkratzer. Letztere bestehen aus einem Stahlkern in der Mitte, die Aussenwände sind dünn. Das Empire State Building war massiv gebaut. «38Pfund pro Kubikfuss», wird Vincent Dunn zitiert, früherer stellvertretender Feuerwehrchef von New York und Buchautor. Die WTC-Türme kommen demgegenüber auf nur 8 bis 9 Pfund pro Kubikfuss, leichter als Balsaholz (10Pfund/Kubikfuss).

Die Flugzeuge zerstörten die tragenden Strukturen von sechs bis acht Stockwerken. Tonnen von Kerosin ergossen sich ins Innere der Zwillingstürme. Brennendes Kerosin floss auch die Lift- und anderen Schächte hinunter. Das erklärt die Brände und die Verwüstung in den tiefer gelegenen Stockwerken.

Es war heiss genug

Es sind vier Fragen, die zum Einsturz der Türme beantwortet werden müssen: 1.Warum sind sie überhaupt eingestürzt? Waren sie nicht für den Einschlag eines Passagierflugzeuges ausgelegt? 2. Die Staub- und Rauchwolken aus den beschädigten Stockwerken kurz vor dem Einsturz – Zeichen einer Explosion? 3.Registrierte eine Erdbebenwarte in der Nähe die Explosion? Und 4.Was ist mit den Sprengstoffspuren (Thermit), die ein dänischer Wissenschafter in den Trümmern entdeckt haben will?

Muss der Stahl schmelzen? Die Kerosin-Feuer (1100 bis 1200Grad Celsius) erreichten nie die Tempera-tur, die nötig wäre, um den Stahl der Tragkonstruktion schmelzen zu lassen (rund 1500Grad Celsius), wird argumentiert. Sie waren auf jeden Fall hoch genug, um die Steifigkeit und Tragfähigkeit des Stahls entscheidend zu beeinträchtigen. Dass bisher Wolkenkratzer Feuer standgehalten hätten, ist kein gutes Argument. Der Treibstoff verursachte mehrere und grosse Brandherde, das Büromaterial geriet grossflächig und an mehreren Stellen zugleich in Flammen, was höhere Temperaturen erzeugt als normale Bürobrände.

Die Staub- und Rauchwolken, die kurz vor dem Einsturz aus den brennenden Stockwerken quollen, hinterliessen in der Tat den Eindruck einer Explosion. Sie waren aber die Folge des Drucks, der entstand, als die Last der oberen Stockwerke zu gross wurde und die tragende Struktur eindrückte (so genannter «Pancaking»-Effekt, auf Deutsch: «Durchsacken»-Effekt). Die Gesetze der Physik wurden ebenfalls nicht ausser Kraft gesetzt, wie behauptet wird. Die Gebäude fielen nicht mit maximaler Fallgeschwindigkeit in sich zusammen. Auf mehreren Videos sieht man Gebäudeteile neben der Hauptstruktur, die schneller fallen.

Die Einschläge der Flugzeuge verursachten kaum eine messbare Erschütterung. Der Kollaps der Türme war messbar, aber mit 2,3 auf der Richterskala sehr schwach. «Nichts im Signal deutet darauf hin, dass da mehr ist als ein ‹normaler› Gebäudeeinsturz,» sagt Arthur Lerner-Lam, einer der beteiligten Wissenschafter. «Und es gibt nichts an den Messungen, was auf eine Explosion hindeutet.»

Niels Harrit von der Universität Kopenhagen und seine Kollegen wollen «aktives Thermit-Material» in den Trümmern entdeckt haben. Das würde auf eine chemische Reaktion hindeuten, die bei extrem hohen Temperaturen stattfinde, vergleichbar mit dem Schweissen. Die Arbeit wird aber sowohl was das Sammeln der Daten betrifft wie auch bezüglich der mikroskopischen Verfahren kritisch beurteilt.

Literatur: David Dunbar and Brad Reagan (ed.): Debunking 9/11 Myths: Why Conspiracy Theories Can’t Stand up to the Facts (Popular Mechanics). New York 2011.

David Ray Griffin: The 9/11 Commission Report: Omissions and Distortions. Massachusetts 2005.

David Ray Griffin: The New Pearl Harbor Revisited: 9/11, the Cover-up, and the Exposé. Massachusetts 2008.

David Ray Griffin: The Mysterious Collapse of World Trade Center 7: Why the Final Official Report about 9/11 ist Unscientific and False. Moreton-in-Marsh 2010.

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