Millsfield hat einmal mehr den Kürzeren gezogen. Die Bewohner des kleinen Fleckens im Norden von New Hampshire – Einwohnerzahl: 29 – schritten in der Nacht auf Dienstag um Punkt Mitternacht (Ortszeit) an die Urne, um einen Präsidentschaftskandidaten zu küren.

Erneut aber richtete sich der Fokus der Medien auf das Nachbardorf Dixville Notch. Dort wird seit 56 Jahren im einst mondänen Hotelpalast «The Balsams» die Tradition des «Midnight Voting» gepflegt. Und weil das Resort am lieblichen Lake Gloriette Journalisten von nah und fern mit einer warmen Mahlzeit und einem starken Getränk bewirtete und ihnen Telefonleitungen zur Verfügung stellte, wurde Dixville international bekannt.

«Dabei», sagt Wayne Urso aus Millsfield, «gab es anfänglich eine Abmachung zwischen den beiden Dörfern, dass wir die Vorwahl alternierend abhalten.» Dixville – oder besser gesagt: der findige Hotelier Neil Tillotson – hielt sich gemäss der Überlieferung nicht an diesen Pakt.

Der Rest ist Geschichte. Millsfield, das in den 1950er-Jahren damit begann, um Schlag Mitternacht eine Auswahl unter den Präsidentschaftskandidaten zu treffen, geriet in Vergessenheit. Und die Tradition des «Midnight Voting» schlief zu Beginn der 60er-Jahre ein. «Gegen diese Konkurrenz hatten wir keine Chance», sagt Urso im Gespräch.

Weil die Vorwahlen in New Hampshire dieses Jahr den 100. Geburtstag feiern, entschieden sich die Behörden von Millsfield, die alte Tradition neu zu beleben. Der Neid auf den mondänen Nachbarn, auf der anderen Seite einer schroffen Hügelkette gelegen, ist damit aber nicht vergangen. Urso sagt, dass er sich nicht sicher sei, ob überhaupt jemand seinen Wohnsitz in Dixville Notch habe. «Und wer garantiert denn, dass die Wahl fair und frei abgehalten wird?»

Fünf «echte» Einheimische

Scott Tranchmontage lacht bloss, wenn er solche Vorwürfe hört. Dann sagt der Kommunikationsspezialist: «Dixville Notch steht nicht in Konkurrenz zu anderen Dörfern in New Hampshire, die ebenfalls um Mitternacht wählen. Unsere Stellung aber ist unantastbar: Seit 1964 beteiligen sich alle vier Jahre 100 Prozent der Stimmberechtigten an den Vorwahlen.» Tranchmontage ist Sprecher des «Balsams», das seit 2011 geschlossen ist. Die 1866 erstellte Herberge, die an die Grand Hotels im Engadin erinnert, gehört dem Unternehmer Les Otten, der sie für 150 Millionen Dollar renovieren will.

Vier der neun Wähler, die derzeit in Dixville Notch registriert seien, seien aus beruflichen Gründen in den hohen Norden von New Hampshire umgezogen – weil sie mit der Sanierung des Hotelpalastes und der Revitalisierung des Skigebiets beauftragt seien, so Tranchmontage. Bei den restlichen fünf aber handle es sich um Einheimische, darunter Tom Tillotson, der Sohn des legendären Hoteliers, der das «Midnight Voting» über die Landesgrenzen hinweg bekannt machte.

Nur Kasich war in Dixville Notch

Richtig umworben wurden diese neun Seelen allerdings dieses Jahr nicht. Als einziger Präsidentschaftskandidat machte sich John Kasich, Gouverneur aus Ohio, auf den langen Weg nach Dixville Notch. Der Einsatz zahlte sich für ihn aus: Er gewann um Punkt Mitternacht in Dixville Notch 3 der 9 abgegebenen Stimmen. Sein republikanischer Konkurrent Donald Trump erzielte 2. Der Rest der Wähler entschied sich für den Demokraten Bernie Sanders, der 4 Stimmen gewann. Im konservativeren Millsfield siegte Ted Cruz, Senator aus Texas, mit 9 von 17 republikanischen Stimmen. Trump brachte es auf 3. Bei den Demokraten gewann Hillary Clinton 2 Stimmen und Sanders eine Stimme.

Als Prognose für den Ausgang der Vorwahl (bei Redaktionsschluss waren die Stimmlokale im Rest des Staates noch offen) eignen sich diese Resultate aber nicht. Dixville Notch hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder für einen Kandidaten entschieden, der nicht mehrheitsfähig war. Ob dieser «Fluch von Dixville Notch» dieses Jahr gebrochen wird?