Alles will gelernt sein: Wächter täuschen, über Autos springen oder mit einem Griff sein T-Shirt herunterreissen. «Letzteres ist gar nicht so leicht», lacht Inna Shevchenko auf dem knallroten Sofa des Pariser Theaters «Lavoir Moderne». Die 22-jährige Mitbegründerin der ukrainischen Organisation Femen erzählt, was man sonst noch alles beherrschen muss, um eine moderne Feministin zu sein. Sie selbst ging zum Beispiel zwei Tage lang bei Holzfällern in die Lehre. Am 17. August, als in Moskau das Urteil gegen die Punkerinnen von Pussy Riot erging, fällte sie mit der Motorsäge ein hohes Holzkreuz auf einem Platz in Kiew

Auch Afrikanerinnen wollen

Nach dem Entrüstungssturm der orthodoxen Kirche floh Inna über ihr Wohnungsfenster, als unbekannte Schergen an ihre Wohnungstür polterten. Halt machte sie erst in Paris. Hier, im ersten Stock des «Lavoir» («Waschhaus»), baut die Femen-Mitbegründerin nun mit lokaler Hilfe ein Ausbildungszentrum für Feministinnen auf. Eingeweiht wurde es comme il faut: mit einem Barbusigen-Marsch durch das umliegende Einwandererquartier La Goutte d’Or. Wie Marsmenschinnen zogen die schreienden, halbnackten Europäerinnen durch das pulsierende Klein-Afrika von Paris, wo Frauen aus Mali am Trottoirrand Ignam-Kartoffeln und Kochbananen verkaufen. Doch der Kontakt klappte. «Viele stellten Fragen, mehrere Afrikanerinnen sagten uns, eigentlich würden sie sich unserem Kampf gerne anschliessen.»

Zwei Wochen später ist es im «Lavoir», das im 19. Jahrhundert schon Emile Zola in seinen Romanen beschrieben hatte, etwas ruhiger geworden. In einer Sitzecke des sonst leeren Übungsraumes diskutieren junge Frauen auf Englisch. Das Thema sei Sexualtourismus, weiss Inna; Journalisten sind nicht zugelassen.

An den Wänden prangen Graffiti: «Unsere Feinde: Die sexuelle Ausbeutung, Diktaturen, Religion». Riesige Lettern präsentieren die «Sextremists», darunter das Femen-Credo: «Unser Gott ist die Frau, unsere Mission ist der Protest, unsere Waffen sind bare Brüste.» Und hier in diesem «internationalen Trainingscamp für Feministinnen», wie es Inna nennt, erhalten die Suffragetten der modernen Zeit also ihre Nahkampfausbildung? «Haha», sagt Inna und erzählt als Antwort, wie sie und ihre Mitstreiterinnen Ende 2011 in Weissrussland von KGB-Agenten verschleppt worden seien. Mit Säcken über dem Kopf seien sie nachts in einen Wald geführt worden, wo ihnen die Kerle bedeutet hätten, sie sollten tief durchatmen – «zum letzten Mal». Etwas später hätten sie die Frauen laufen lassen.

Liegestütze und Ballspiele

In U-Haft ist die charmante Tochter eines ukrainischen Offiziers und einer Schulfunktionärin schon mehrmals geprügelt worden. Dagegen wappnet man sich besser. «Gegenüber Sicherheitsleuten muss man schnell reagieren können; deshalb erhöhen wir zum Beispiel mit Ballspielen unsere Reflexe», berichtet Inna. «Zwei Tage in der Woche joggen wir und halten uns fit mit ...» Die Ukrainerin findet das englische Wort für Liegestützen nicht, macht aber gleich vor, was sie meint, ohne ausser Atem zu geraten.

Die angehenden Femen-Frauen üben sich auch im Entkleiden. «Klingt dumm, aber vor laufenden Kameras muss jede Geste sitzen», meint Inna, die bei ihrem ersten Auftritt selbst grosse Mühe hatte, ihr Oberteil abzustreifen. «Am Strand würde ich mich nie oben ohne sonnen», meint die militante Motorsägerin eine Spur verlegen, bevor sie ihre Fassung zurückgewinnt. «Bei unseren Aktionen fühle ich mich nicht nackt. Mein Körper ist meine Uniform. Wir sind die Soldatinnen des Feminismus, auch wenn wir zu hundert Prozent friedlich sind.»

Ein neuer Feminismus der Facebook-Generation? «Unsere Ideen sind nicht neu», stellt Inna klar. «Meine Bibel ist ‹Die Frau und der Sozialismus› von August Bebel – das Buch ist über hundert Jahre alt! Trotzdem erinnert mich der klassische Feminismus an eine alte, kranke Frau. Er braucht frisches Blut.»

Nacktheit als politische Botschaft

Dass neue Impulse aus der Ukraine kommen, sei kein Zufall: «Wir mussten in unserem Land bei null beginnen und alles selber erfinden. Nach zwei Jahren feministischer Debatten, die niemanden interessierten, kamen wir drauf, wie wir die TV-Kameras anziehen konnten.» Dass sie das Spiel der Medien mitspielten, bestreitet Inna indes: «Unsere Nacktheit besagt, dass wir keine Prostituierten sind. Unser Körper ist eine politische Botschaft, die lautet: ‹Wir sind frei, unser Körper gehört uns.›»

Die Femen-Frauen seien das Gegenteil der Covergirls in den Männermagazinen, erklärt Inna weiter: «Wir sagen den Machos, den Patriarchen: Schaut, wir sind blond, wir sind hübsch, wir sind nackt. Aber wir tanzen nicht für euch, sondern gegen euch; wir sind nicht eure Sklavinnen, sondern eure Feinde!»

So wild die «Femenistinnen» auftreten, so einstudiert sind ihre Aktionen. «Wir sind Profis im Erarbeiten von Drehbüchern», schmunzelt die Absolventin einer Journalistenschule, die zuvor in der Presseabteilung der Stadt Kiew tätig war.

In die Ukraine zieht sie es vorläufig nicht zurück, sie kümmert sich lieber um das Trainingszentrum in Paris, dazu um Femen-Ableger in Brasilien, den USA oder Tunesien.