Grossbritannien

Wildes Haar, wildes Jahr: Was die Welt in seinem ersten Amtsjahr über Boris Johnson gelernt hat

Unverwüstlicher Optimist: Premierminister Boris Johnson.

Unverwüstlicher Optimist: Premierminister Boris Johnson.

Vor genau 365 Tagen zog Boris Johnson an der 10 Downing Street in London ein. Fünf Dinge hat die Welt seither über den quirligen Regierungschef des Vereinigten Königreichs gelernt.

Vor einem Jahr wählten die Konservativen Boris Johnson zu ihrem Parteichef. Der 56-Jährige wurde damit automatisch auch britischer Premierminister. Folgendes ist klar geworden:

1. Mit seinem unerschütterlichen Optimismus steckt Johnson selbst die skeptischen Briten an

Boris Johnson übernahm die Verantwortung für das Vereinigte Königreich mitten in den Brexit-Wirren. An der schwierigen Situation trug Johnson allerdings eine erhebliche Mitverantwortung: Ohne die von ihm mit zweifelhaften Methoden angeführte Austrittskampagne hätten sich die Briten 2016 kaum für den Brexit entschieden. Drei Jahre später versprach der Brexit-Vorkämpfer dem ganzen Land den Neuanfang: Brexit ohne Wenn und Aber.

Was viele verwundert, ist Johnsons notfalls jeder Realität widerstehendes Vertrauen in Grossbritannien: Sein Land sei das beste der Welt. Am Ende werde gewiss alles gut werden. Das hat der frühere Bürgermeister von London immer und immer wieder betont. Er steht damit in der Tradition des verblendeten Selbstverständnisses vom «Merry Old England», dessen Wurzeln im englischen Bürgerkrieg des 17. Jahrhunderts liegen.

Damals kämpften die Cavaliers des verschwenderischen Königs Karl I gegen die Roundheads des Republikaners Oliver Cromwell. Johnson bleibt ein Cavalier, ein Anhänger des vergnüglichen, risikoreichen Lebens, in dem der leichtfertige Umgang mit der Wahrheit und mit anderen Menschen, besonders mit Frauen, höchstens als Kavaliersdelikt gilt.

Diese Lebensart hat ihm aber auch Kritik eingebrockt. Ferdinand Mount, Partei-Vordenker seit der legendären Premierministerin Margaret Thatcher (1979-1990), hat Johnson einen «betrügerischen Opportunisten» genannt. Das ist selbst im Land der geistreichen Polemiker von seltener Brutalität.

2. Johnson duldet keine Konkurrenz an seiner Seite

Im Dezember 2019 erzwang Johnson Neuwahlen. Er wusste, dass die ihm nicht gefährlich werden konnten, weil weder liberale Torys noch die Opposition mit zündenden Ideen oder charismatischen Personen aufwarten konnten. Johnson gewann – deutlich.

Nach dem triumphalen Erfolg wurde der Brexit Ende Januar tatsächlich Realität. Bei einer Kabinettsumbildung im Februar scharte Johnson dann eine Mannschaft von Unerfahrenen und Mediokren um sich, vereint nur durch die fanatische Befürwortung des EU-Austritts.

3. In der Coronakrise hat Johnson komplett versagt

Am Ostersonntag, kurz nach seiner Entlassung aus dem Spital, nahm der sichtlich von Covid-19 gezeichnete Mittfünfziger eine Videobotschaft auf. Da sei er dem Tod gerade nochmal von der Schippe gesprungen, sagte Johnson und bedankte sich beim Gesundheitspersonal für den wichtigen Einsatz.

Zuvor hatte Johnson das Virus wochenlang kleingeredet. Noch Anfang März schüttelte er Krankenhaus-Patienten die Hand. Die Bemühungen seines Landes, Firmen für die Herstellung von Beatmungsgeräten zu gewinnen, nannte Johnson im März «Operation Last Gasp» («Unterfangen letzter Atemzug»).

Vier Monate später sind der Johns Hopkins University zufolge 45'000 Menschen in Grossbritannien an Covid-19 gestorben, auf die Bevölkerungszahl bezogen so viele wie nirgendwo sonst auf der Welt – bis auf Belgien. Längst steht fest: Durch den verspäteten Lockdown und die fast kriminelle Vernachlässigung von Alters- und Pflegeheimen starben unnötig Tausende von Menschen.

4. Und trotzdem halten die Briten an ihm fest – noch

Beim letzten Schlagabtausch vor den Sommerferien wich der Premier allen Fragen des neuen Labour-Oppositionsführers Sir Keir Starmer aus, pries sich selbst für die Durchsetzung des EU-Austritts und behauptete: «Wir sind die Regierung des Volkes, wir unterstützen die Arbeiter.»

Ob solche Slogans auf Dauer reichen? Neulich sorgte eine Umfrage für Aufregung, laut der Starmer (37 Prozent) in den Augen der Briten der kompetentere Regierungschef wäre als Johnson (35 Prozent).

5. Ein chaotischer Brexit gefährdet den Zusammenhalt des Landes

Ein Auseinanderbrechen des Königreichs? Das ist wegen der näherrückenden Verhandlungs-Deadline mit der EU über das zukünftige Verhältnis der beiden Seiten durchaus realistisch, räumt mittlerweile auch Downing Street ein. Nicht umsonst schickten die Strategen Johnson am Donnerstag auf die Orkney-Inseln im hohen Norden, um dort die Stärke der seit 1707 bestehenden Union zwischen Schottland und England zu beschwören.

Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon von der Nationalpartei SNP erfreut sich bester Zustimmungswerte, ihr Wahlsieg im Frühjahr 2021 gilt als ausgemacht. Wenn im schottischen Parlament dann die Abspaltungsbefürworter über die klare Mehrheit verfügen, dürften Rufe nach einer zweiten Volksabstimmung sehr laut werden.

In den Verhandlungen über das zukünftige Verhältnis des Königreiches zur EU, immerhin dem grössten Binnenmarkt der Welt, muss es spätestens im Herbst zur Einigung kommen, sonst herrscht nach dem Ablauf der Übergangsfrist an Silvester vor allem in den Wirtschaftsbeziehungen Chaos («No Deal»). Die jüngste Verhandlungsrunde endete am Donnerstag ergebnislos, wieder einmal.

Wie viel Unordnung er der Wirtschaft zumuten kann – diese Frage dürfte Johnson selbst in seinen Sommerferien verfolgen.

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