Der junge Diktator Kim Jong Un präsentierte sich seit dem 3. September nicht mehr der Öffentlichkeit. Die offizielle Erklärung des nordkoreanischen Staatsfernsehen lautet, dass er sich unwohl fühle. Die Medien in Südkorea präzisieren: Kim Jong Un habe wegen seines Übergewichts Probleme mit seinen Füssen. Doch die Erklärungen stehen auf wackeligen Füssen.

«Daily Beast» Reporter Gordon Chang will der Erklärung des Staatsfernsehen keinen Glauben schenken. Er spektuliert, dass Kim Jong Un an Machteinfluss eingebüsst habe, ja sogar geputscht worden ist. Seinen Verdacht untermauert er mit mehreren Indizien. Kim Jong Un erschien nicht zur Vollversammlung der koreanischen Arbeiterpartei, obwohl er die Titel «Erster Sekräter der Arbeiterpartei», «Erster Vorsitzender der Nationalen Verteidigungskommission» und «Oberster Kommandeur der Volksarmee» trägt. Es drängt sich die Frage auf: Wieso ist die Versammlung nicht verschoben worden, wenn Nordkoreas Machthaber doch «nur» krank ist?

Besuch in Südkorea ohne den Diktator 

Jang Jin Sung, ehemaliges Mitglied des nordkoreanischen Machtapparates, spekuliert laut «Daily Beast», dass der Führungsausschuss der koreanischen Arbeiterpartei die Macht übernommen habe. Ein Vorfall vor ein paar Tagen bestärkt den Verdacht.

Eine Delagation nordkoreanischer Politiker reiste nach Südkorea zum einem Treffen mit dem Vereinigungsminister Ryoo Kihl Jae und dem Direktor für nationale Sicherheit, Kim Kwan Jin  - ohne den Diktator. Besonders auffällig inszenierte sich der Direktor des Politbüros der Volksarmee: Hang Pyong So. Schon seit längerem wird er als der zweitmächtigste Mann hinter Kim Jong Un gehandelt. Zwei Bodyguards in eindeutiger Montur beschützten ihn. Das ist insofern pikant, weil in Nordkorea nur dem Mächtigsten Schutz durch zwei Leibwächter zusteht.

Wenn ein Parteimitglied in wichtiger politischer Position Schutz durch Bodyguards in Anspruch nimmt, dürfen sie zudem nicht zu erkennen sein. Die Online-Plattform von Exil-Nordkoreanern «New Focus International» wertete den Auftritt von Hang Pyong dementsprechend als «fundamentalen Verstoss gegen Nordkoreas Machtprinzip: die absolute Autorität des Führers».

Reine Spekulation?

Wie plausibel sind die Mutmassungen? Professor Rüdiger Frank, Buchautor von «Nordkorea. Innenansichten eines Landes», erklärte gegenüber der «Bild»: «Der Führer ist lebenswichtig für das ganze System. Ein Putsch könnte das System ruinieren, wäre also äußerst riskant. Die Leute, die zur Führungsriege gehören, könnten also den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Deswegen halte ich einen Putsch für unwahrscheinlich.»

Mit Spannung kann der 10. Oktober erwartet werden. An diesem Tag feiert Nordkorea den Gründungstag der Arbeiterpartei. Erscheint Kim Jong Un nicht zu diesem Anlass, wird die Gerüchteküche wohl weiterbrodeln. (ang)