Ja, es gibt tatsächlich eine Massenflucht aus dem Kosovo. Die Gründe sind, wie man leicht errät, Armut und Perspektivlosigkeit. Dafür gibt es einen realen politischen Anlass: Der neuen Regierung, die keine zehn Wochen im Amt ist, traut im Kosovo niemand die Kraft und kaum jemand den Willen zur Veränderung zu. Und mehr oder weniger verantwortlich für diese Regierung sind die, die sich jetzt vor der Fluchtwelle fürchten: die Politiker des Westens.

Die üblichen Mittel zur Abwehr versagen im Falle des Kosovo allesamt. Wollte man die Kosovaren daran hindern, nach Serbien zu gelangen und sich dort Pässe zu besorgen, müsste man zunächst die Verhältnisse zwischen beiden Ländern klären. Für Belgrad, das Kosovo nicht anerkennt, sind dessen Einwohner so wenig Ausländer wie einst für die Bundesrepublik die Flüchtlinge aus der DDR. Aber auch wenn der Kosovo-Status geklärt würde, wäre wenig erreicht.

Kosovo ist das einzige Land Europas westlich der früheren Sowjetunion, dessen Bürger nicht frei in die EU reisen dürfen. Versperrt man ihnen auch noch den Weg in die Nachbarländer, neben Serbien auch nach Mazedonien, Albanien und Montenegro, schafft man eine explosive Dampfkesselatmosphäre. Die haben schon die Bürger der DDR nicht ausgehalten, obwohl sie sich eine ganze Generation lang daran gewöhnen mussten. Die Kosovaren ertragen das noch viel weniger.

Schlepper braucht es gar nicht

Hilf- und sinnlos sind die Appelle, nun dem sogenannten Schlepperunwesen das Handwerk zu legen. Es braucht meistens keine Schlepper, um von Pristina in die EU zu gelangen, und wo doch, ist ihr Beitrag so gering, dass man ihn gar nicht abstellen kann. Wenig bringen wird es auch, wenn Kosovo jetzt als «sicheres Herkunftsland» eingestuft wird. Entlasten wird der Schritt nur die Asylstatistik und die staatlichen Unterkünfte. Kommen werden die Menschen trotzdem.

Wer mit einem Touristenvisum einreisen darf, wie es für Serben, Bosnier, Mazedonier, Albaner heute schon gilt, beantragt nicht unbedingt Asyl. Er fährt aber auch nicht nach Besichtigung des Brandenburger Tors oder des Eiffelturms wieder nach Hause, um den Verwandten die Fotos zu zeigen. Vielmehr sucht er sich Arbeit – wenn möglich legal. Wenn nicht, dann weniger legal. Wie von den reisenden Serben und Bosniern träumt auch von den nun flüchtenden Kosovaren niemand davon, in einer Massenunterkunft auf bessere Tage zu warten.

Alles streng unter EU-Kontrolle

Kosovo hängt nicht nur am Tropf der EU, es läuft auch an ihrer Leine. In fünfzehn Nachkriegsjahren hat es nach Namibia die zweithöchste Pro-Kopf-Hilfe bekommen, die je ein Land erhielt. Auch mit fehlender Kontrolle durch die Geldgeber lässt sich nicht erklären, warum dort noch immer Massenelend und Arbeitslosigkeit zwischen 50 und 60 Prozent herrschen. Kein Land wird enger am Zügel geführt. Keine Regierung kommt zustande ohne den Segen der Geberländer. EU-Staatsanwälte und -Richter sollen Korruption und organisiertes Verbrechen bekämpfen, die Polizei wurde von europäischen Experten aufgebaut.

Nicht der Mangel an Kontrolle ist das Problem, sondern das Übermass. Im naiven Glauben an den eigenen guten Willen und die zivilisatorische Mission haben sich die europäischen Verwalter darauf beschränkt, den «Frieden» zwischen Serben und Albanern zu erhalten. Um die von Brüssel vorgegebenen «Standards» und Ziele zu erreichen, haben sich die Beamten aus Europa früh mit denen im Kosovo verbündet, die dort die grösste Macht hatten.

Wie sie sich durchsetzten, war den Verwaltern egal; Hauptsache, sie konnten einen Erfolg nach Hause melden, wenn es etwa galt, die Sicherheit einer serbischen Kirche oder die Frauenquote im Parlament zu garantieren. So lieferten sie das Land an eine Clique von Kriegshelden und Kriegsgewinnlern aus, die sich tüchtig bereicherte. Es war ein Deal auf Gegenseitigkeit: Die Verwalter hatten ihre Ruhe, die Mächtigen blieben unbehelligt. Im Kosovo hat die Selbstkritik nach dem gescheiterten Experiment schon eingesetzt. Im Westen lässt sie weiter auf sich warten.