«Fest auf dem Boden stehen» und «geerdet sein» – die Sprache gaukelt uns wieder einmal Dinge vor, die in der Realität ganz anders sind. Der Boden, auf dem wir stehen, ist nicht fest und die Oberfläche der Erde ist alles andere als stabil. Die Erdkruste verdient ihren Namen nicht. Auf dem flüssigen Erdinnern schwimmt ein zerbrochenes Durcheinander, das sich dauernd gegeneinander bewegt, sich über- und untereinander schiebt und hin und wieder sogar aufklafft.

Zum Glück ist «Erdzeit» nicht «Menschenzeit». Weil unsere Uhr so viel schneller läuft, wird die Illusion von «festem Boden unter unseren Füssen» nicht dauernd Lügen gestraft. Und es gibt Gebiete auf der Oberfläche, wo die Kruste doch recht stabil ist.

In Italien allerdings ist die geotektonische Situation turbulent. Zu den «grossen Bewegungen» der Platten, hier die Bewegung der Afrikanischen zur Eurasischen Platte, die hauptsächlich in Nord-Süd-Richtung verläuft und das ziemlich gemächlich (etwa 6 Millimeter/Jahr, im Vergleich die Plattenbewegungen in Kalifornien mit 2 bis 4 Zentimetern/Jahr), kommen Ost-West-Bewegungen, die hauptsächlich durch einen Fortsatz der Afrikanischen Platte, dem sogenannten «Adriatischen Sporn», verursacht werden.

«Dämpfende Alpen»

Auf ihm «liegt» Italien, sein Hauptgebirgszug, der Apennin, liegt ziemlich genau auf der Bruchlinie. Auf diesen Sporn ist auch die Alpenauffaltung zurückzuführen. Die Alpenauffaltung und die Entstehung des Apennins sind erdgeschichtlich eher «junge» Ereignisse. Sie begannen vor etwa 100 Millionen Jahren und dauern immer noch an.

Die Alpen «heben» sich im Jahr um ungefähr 1,5 Millimeter und nehmen so «geologischen Druck» auf Zentraleuropa. Der Apennin gehört auch zu diesem System, die Gegend ist entsprechend instabil. Er ist das Ergebnis einer «Subduktion», der Mittelmeergrund hat sich unter diese Fortsetzung der Kontinentalplatte geschoben und diese entsprechend gehoben.

Rund um den italienischen Stiefel bewegen sich tektonische Elemente in verschiedenen Richtungen, mit verschiedenen Geschwindigkeiten, aber mehr oder weniger gleichzeitig. Das aktuelle Erdbeben von Accumoli ist eine Verwerfung innerhalb des Apennins, eine Überschiebung in Richtung Ost-West. In der Tiefe bewegen sich dort die Eurasische und die Afrikanische Platte in Richtung Nordosten mit ungefähr 24 Millimetern im Jahr.

Tote und Verletzte bei Erdbeben in Italien

Tote und Verletzte bei Erdbeben in Italien

Ein heftiges Erdbeben hat Mittelitalien erschüttert. Dutzende Opfer werden befürchtet. Stunden danach liegen noch Verschüttete unter den Trümmern, darunter auch Kinder (Quelle:dpa).

Italien muss immer wieder mit Erdbeben rechnen. Weil die Geologie und die Tektonik derart komplex sind, ist einerseits sicher, dass es immer wieder «rumpelt», andererseits aber auch nicht möglich, den Zeitpunkt und den Ort von Erdbeben zu prognostizieren. Wie stark sie sind und welche Schäden sie verursachen, ist noch schwieriger vorauszusagen. Es hängt auch von der Beschaffenheit des Bodens ab und wo sich genau die Spannungen in den ineinanderverzahnten Gesteinen lösen.