Österreich/Italien

Wien will das Südtirol zurück – Rom spricht von gefährlichem «Ethno-Nationalismus»

Die deutschsprachigen Südtiroler sind in Italien eine Minderheit. Wien will sie ins «österreichische Vaterland» holen.

Die deutschsprachigen Südtiroler sind in Italien eine Minderheit. Wien will sie ins «österreichische Vaterland» holen.

Die Regierung in Wien will den deutschsprachigen Südtirolern den österreichischen Pass schenken. Rom spricht von gefährlichem «Ethno-Nationalismus».

«Los von Rom!» skandierten nationalistische österreichische Studenten im Dezember 1897 in den Strassen Wiens. Sie hatten genug von der Dominanz der römisch-katholischen Kirche und warben für den offenen Bruch Österreich-Ungarns mit dem Vatikan.

Mit der gestern vereidigten Regierung hat der Ausspruch genau 120 Jahre später eine ganz neue Bedeutung erlangt. In ihrer Regierungserklärung hält die Wiener Führungsriege unter Kanzler Sebastian Kurz nämlich fest, dass sie alle deutsch- und ladinischsprachigen Südtiroler zu österreichischen Staatsbürgern machen will. Die italienischen Pässe dürften die Neo-Österreicher behalten. Mit dem Schritt will die Koalitionsregierung von ÖVP und FPÖ ihre «Wahrnehmung der Schutzfunktion für Südtirol» unter Beweis stellen. Sprich: Sie will die Südtiroler stärker ans eigene Land binden und verhindern, dass die deutschsprachige Minderheit in der italienischen Region diskriminiert wird.

Reichste Region Italiens

Das Anliegen stammt aus der Ecke der rechtsnationalen FPÖ. Deren Chef Heinz-Christian Strache, der seit gestern als Vizekanzler amtet, setzt sich seit Jahren für die «Heimholung der Altösterreicher» ein, wie er an Wahlkampfveranstaltungen gerne betonte. Strache spricht damit auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg an, als das heute gänzlich zu Italien gehörende Südtirol Teil des Grossreiches Österreich-Ungarn war. Die Zeit für Lippenbekenntnisse sei jetzt vorbei, liess Strache bei einer Ansprache kürzlich verlauten. «Hoffentlich werden wir in Zukunft wieder eine Landeseinheit erleben.» Schliesslich, sagte Strache, seien die Südtiroler «Teil unseres österreichischen Vaterlandes».

Strache betonte in der Vergangenheit immer wieder, die vertraglich zugesicherten Autonomierechte der Südtiroler würden durch Italien bedroht. Bis heute geniesst die Region – mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 40 000 Euro die mit Abstand reichste in ganz Italien – diverse Privilegien. Die Südtiroler liefern praktisch keine Steuern nach Rom ab und verfügen über weitgreifende gesetzgeberische Autonomie.

Gefährlicher Balztanz

Dass die neue Regierung in Wien unter dem Druck der FPÖ nun hochoffiziell die deutschsprachigen Südtiroler an sich binden will, knüpft nahtlos an die politischen Forderungen der österreichischen Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg an. Damals verhandelten Wiens Minister mit Italien über den Status Südtirols. Ihr Wunsch war die komplette Eingliederung der Region in den österreichischen Staat. Italien winkte ab, sicherte der deutschsprachigen Minderheit in Südtirol im Gruber-De-Gasperi-Abkommen aber die erwähnten Autonomierechte zu. Österreich versteht sich bis heute als «Schutzmacht» dieser Minderheit, wie die neue Regierung in ihrer Erklärung betont.

Italien dürfte für die erneuten Balzversuche Wiens in Südtiroler Gefilden wenig Verständnis zeigen. Das zeigten erste Reaktionen aus Rom. Benedetto Della Vedova, Staatssekretär im italienischen Aussenministerium, liess auf Facebook verlauten, Wiens Anbiederungen seien «ethno-nationalistisch». Dass man einer sprachlichen Minderheit die Staatsbürgerschaft schenken wolle, könne gravierende Folgen für ganz Europa mit sich bringen. «Ähnliche Ideen würden etwa im Balkan-Raum zum Wiederaufflammen territorialer Forderungen führen, was das friedliche Zusammenleben in Europa beeinträchtigen würde», schrieb Della Vedova.

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