Corona-Virus

Wie Südkorea das Virus besiegt

Corona-Tests im Vorbeifahren: In der südkoreanischen Hauptstadt Seoul sind Tests der Schlüssel zum Erfolg im KAmpf gegen das Virus.

Corona-Tests im Vorbeifahren: In der südkoreanischen Hauptstadt Seoul sind Tests der Schlüssel zum Erfolg im KAmpf gegen das Virus.

Während in Europa die Schlagbäume an den Grenzen reihenweise fallen und nur noch einreisen darf, wer triftige Gründe hat, geht Südkorea einen anderen Weg – und scheint damit Erfolg zu haben.

Nachdem bereits über die Hälfte aller Infizierten in Südkorea auf die Mitglieder einer mysteriösen Jesus-Sekte zurückgehen, testet erneut eine religiöse Gemeinschaft die Grenzen der freien Demokratie: Trotz mehrerer Warnungen der Regierung hat eine Freikirche in einem Vorort von Seoul seine Gottesdienste fortgesetzt.

Der Pastor und seine Frau waren jedoch bereits positiv auf das Virus getestet. Seit Sonntag haben sich rund 50 der anwesenden 90 Gläubigen der Kirche mit dem Lungenerreger infiziert.

Die dennoch gute Nachricht lautet: Trotz dieses epidemiologischen Alptraums ist es Südkorea gelungen, die tägliche Infektionsrate unter 100 Fälle zu halten. Während am Montag von den Behörden landesweit insgesamt 74 neue Patienten bestätigt wurden und die Anzahl an Ansteckungen auf über 8200 stieg, konnten gleichzeitig 303 infizierte Südkoreaner die Krankenhäuser geheilt verlassen.

Für Gesundheitsexperten weltweit liefert Südkorea eine Blaupause, wie man die Virus-Epidemie massiv verlangsamen kann.

Südkorea testet jeden - auch ohne Symptome

«Schnell sein, transparent und präventiv», beschreibt das Seouler Aussenministerium die Strategie der Regierung. In nur zwei Wochen haben die südkoreanischen Behörden einen eigenen Virustest eingeführt und ein Netzwerk aus insgesamt 96 Laboren ins Laufen gebracht, von denen die meisten rund um die Uhr in Betrieb sind.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern, in denen nur Personen mit verdächtigen Symptomen getestet werden, wird in Südkorea grundsätzlich jeder auf das Virus überprüft, der engen Kontakt zu Infizierten hatte.

Bei einer Bevölkerung von rund 50 Millionen haben sich bereits weit über 270'000 Südkoreaner einem Gesundheitstest unterzogen, rund 20'000 sind es pro Woche – und damit genau so viel, wie die Vereinigten Staaten insgesamt getestet haben. Kein anderes Land hat ein derart systematisches Früherkennungssystem aufgebaut wie Südkorea.

Die Gesundheitstests sind für die Bevölkerung in Südkorea grundsätzlich kostenlos. Und auch extrem bequem: Als erstes Land hat Südkorea sogenannte «Drive Through» Teststationen an viel befahrenen Strassen eingeführt. Dabei handelt es sich um provisorische Zeltplanen mit mehreren Medizinern, die innerhalb von weniger als zehn Minuten eine Speichelprobe abnehmen, ohne dass der Fahrer überhaupt sein Auto verlassen muss.

Mittlerweile sind bereits über 50 solcher «Drive Throughs» landesweit in Betrieb. Das systematische Testen bedeutet allerdings auch, dass die riesige Masse an Personen mit nur milden oder gar keinen Symptomen überproportional von den Statistiken erfasst wird. «Dies hat sich als zweischneidiges Schwert herausgestellt, weil die Anzahl an bestätigten Fällen in kurzer Zeit nach China die zweithöchste der Welt angestiegen ist», heisst es vom Gesundheitsministeriums in Seoul.

Früherkennung rettet Leben

Die Früherkennung mag zwar die Statistik ruinieren, rettet jedoch gleichzeitig Leben. Die landesweite Sterblichkeitsrate in Südkorea liegt derzeit bei unter 0,8 Prozent – ein Bruchteil des globalen Durchschnitts von etwa 3,4 Prozent. Rund zwei Drittel der Todesfälle sind männlich, auch wenn sich mit 62 Prozent deutlich mehr Frauen infiziert haben.

Die gefährdetste Gruppe bilden die über 80-Jährigen mit einer Sterblichkeitsrate von sieben Prozent.

Epidemiologisch hat Südkorea für die derzeitige Virus-Epidemie denkbar ungünstige Startvoraussetzungen. Die Halbinsel liegt geografisch direkt an der Ostküste Chinas und ist zudem das am zweitdichtesten besiedelte Land der Welt. In der 10-Millionen-Metropole Seoul ist die Bevölkerungsdichte gar viermal so hoch wie in Berlin.

Und dennoch konnte Südkorea eine Epidemie, die in etwas mehr als zwei Wochen von 30 Fällen auf über 6000 Fälle hochschnellte, massiv entschleunigen. Im Gegensatz zu China oder Italien hat Südkorea weder Städte abgeriegelt, noch Blockaden errichtet. Nicht einmal Einreiseverbote wurden von der Regierung ausgesprochen – nur Besucher aus der Provinz Hubei müssen sich für 14 Tage unter Quarantäne begeben.

Warnungen aufs Smartphone

Die Behörden setzen stattdessen beim Kampf gegen das Virus auf radikale Transparenz: In Zusammenarbeit mit den örtlichen Telekommunikationsanbietern schicken die Behörden Warnbotschaften an die Handys von Anwohnern, die in unmittelbarer Nähe von Corona-Virus-Hotspots registriert sind.

Flächendeckend werden die Bewegungsabläufe von Infizierten online für alle einsichtlich veröffentlicht. Für viele Schweizer wäre diese Vorstellung beklemmend, doch in Südkorea wird die offene Information weitgehend geduldet.

Abstand halten

Vor allem aber haben die Behörden zu einer «Social Distancing» Kampagne aufgerufen, die von der Bevölkerung diszipliniert eingehalten wird: Im öffentlichen Raum tragen die meisten Südkoreaner Schutzmasken im Gesicht, in Fahrstühlen stehen Desinfektionsmittel bereit und die Schulen bleiben vorerst geschlossen.

In Folge von massiven Hamsterkäufen hat die Regierung zudem auch den Verkauf von Gesichtsmasken reguliert und den Export ins Ausland verboten. Mittlerweile darf jeder Südkoreaner nur mehr zwei Masken an speziell designierten Apotheken kaufen.

Kurze Zeit sah es gar so aus, als ob Südkorea das Virus nahezu vollständig eindämmen könne. Das Zentrum für Seuchenbekämpfung hat nun jedoch eine ernüchternde, aber realistische Einschätzung abgeben: Das Corona-Virus werde so schnell nicht aus dem Land verschwinden.

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