Flüchtlinge

Wie es zum traurigen Oktober-Rekord gekommen ist

218 394 Menschen flüchteten alleine im Oktober über das Mittelmeer.

218 394 Menschen flüchteten alleine im Oktober über das Mittelmeer.

Nie kamen mehr Menschen auf ihrer Flucht übers Mittelmeer. Allein im Oktober waren es mehr als im gesamten Vorjahr. Ein Abbruch des Stroms ist auch für die Wintermonate nicht in Sicht. Was sind die Gründe? Und was bedeutet das für die Schweiz.

Auf der Balkanroute zwischen der Türkei und Deutschland herrscht geradezu Winter-Torschlusspanik. Bevor die Kälte die Route sie zu einem noch gefährlicheren Unternehmen macht, als sie es ohnehin schon ist und Europa weiter abriegelt, machen sich viele Flüchtlinge auf Richtung Norden: Noch nie hat das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR mehr Menschen, die übers Mittelmeer flüchten, gezählt, als in diesem Oktober: 218'394 waren es.

Infografik: Flüchtlingsströme

Ist das viel?

Das UNHCR berechnet seine Zahlen anhand von Angaben der Regierungen entlang der Flüchtlingsrouten. Ganz exakt sind sie kaum, Behörden dienen sie jedoch als Richtwerte.

Der Oktober-Rekord ist immens, wenn man ihn ins Verhältnis zur Entwicklung setzt: Es sind sogar mehr Flüchtlinge, als im gesamten letzten Jahr. Waren damals die Routen nach Süditalien für die Flüchtlinge zentral, hat die Balkanroute mit ihrem Beginn in der Ägäis massiv an Bedeutung gewonnen. Im Oktober dieses Jahr setzten nur noch gut 8000 nach Italien über. 210 000 erreichten im selben Zeitraum auf einem Schlauchboot oder einem anderen schwimmenden Untersatz eine der griechischen Inseln.

Mehr als 1000 Migranten in der Ägäis gerettet: Lage weiter dramatisch.

Mehr als 1000 Migranten in der Ägäis gerettet: Lage weiter dramatisch. (2.11.2015)

Die Höhe der Zahl relativiert sich, sobald man sie zu den Flüchtlingen in ein Verhältnis setzt, die sich in und um Syrien auf der Flucht befinden: Acht Millionen sind es im Bürgerkriegsland selbst, vier Millionen in den Nachbarländern Türkei, Libanon, Irak und Jordanien.

Insgesamt haben bis Ende Oktober über 740 000 Menschen die Flucht übers Mittelmeer geschafft. In der gleichen Zeit sind 3400 Menschen gestorben oder sie werden vermisst.

Weshalb gerade jetzt?

Über die Hälfte der Menschen, die via Ägäis nach Europa kommen, stammt aus Syrien. An zweiter Stelle folgen die Afghanen, an dritter die Iraker. Die Gründe für den Exodus sind rasch gefunden: Die Menschen fliehen vor den Schergen des Islamischen Staats, vor den Truppen Assads, vor den Bomben Russlands und vor den Taliban, die in Afghanistan erneut erstarken. Bei einer Umfrage des US-Umfrageinstituts Gallup gab kürzlich ein Viertel der befragten Afghanen an, das Land verlassen zu wollen. 100 000 Afghanen dürften dieses Jahr bereits gegangen sein. Sie kommen zu den Hunderttausenden Syrern und Irakern hinzu, welche wie die Afghanen in der Türkei auf ein Weiterkommen warten.

Denn niemand glaubt an eine Zukunft in einem Land, in dem die Aufnahmekapazitäten erschöpft sind. Und die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in die Heimat schwindet mit jedem Tag Krieg weiter.

Für das UNHCR ist klar: Merkels Ankündigung von diesem Sommer, Syrer grosszügig aufzunehmen, hatte ihre Wirkung. Die «Deutsche Willkommenskultur» hat sich in den Flüchtlingslagern herumgesprochen. Viele Syrer wollen bis heute nach Deutschland. Und die Angst vor einer Abkehr der grosszügigen Asylpraxis Deutschlands liess offenbar bei manch einem Syrer den Entscheid reifen, vor dem Winter in Richtung Norden weiterzuziehen.

Reisst das denn nie ab?

Eine Entspannung ist nicht zu erwarten. Denn die Konflikte in Syrien, Irak, überhaupt im gesamten Mittleren Osten ziehen sich hin. Das UNHCR in Genf glaubt nicht einmal an einen spürbaren Effekt des nahenden Winters. «Wir rechnen nicht damit, dass die Zahlen so sinken wie normalerweise im Winter», sagt eine UNHCR-Sprecherin.

Noch düsterer sind die längerfristigen Perspektiven. Was, wenn zu den Kriegsvertriebenen aus Syrien, Irak und Afghanistan wieder vermehrt Menschen kommen, die in ihren Ländern keiner physischen Gewalt, sondern «nur» wirtschaftlicher Not ausgesetzt sind? Oder wenn Klimawandel und steigende Meeresspiegel Millionen in die Flucht treiben?

Und die Schweiz?

Wenig spürt die Schweiz bislang von diesem grossen Flüchtlingsstrom, der sich in Richtung Europa bewegt. Zwar hat das Staatssekretariat für Migration noch keine Zahlen für den Oktober publiziert, doch zeigte sich bereits in den Vormonaten, dass die Schweiz abseits der Balkanroute steht. Mit einem Vorbehalt: Im September hat die Zahl der Asylbewerber, die über den Balkan in die Schweiz gekommen sind, erstmals jene derjenigen Flüchtlinge überstiegen, die via Italien in die Schweiz gelangt sind.

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