Analyse

Wie einst die Piraten: Griechenland setzt Flüchtlinge auf offenem Meer aus

Ein Helfer winkt Neuankömmlingen auf einem Flüchtlingsboot an der griechischen Küste zu.

Ein Helfer winkt Neuankömmlingen auf einem Flüchtlingsboot an der griechischen Küste zu.

So aggressiv hat noch kein europäisches Land auf die Ankunft von geflohenen Menschen reagiert. Was die Hellenen da gerade machen, ist brandgefährlich.

Die Enthüllung der New York Times ist schockierend: Die amerikanische Zeitung berichtete am Wochenende, dass griechische Behörden in den vergangenen Monaten mindestens 31 Mal Flüchtlingsgruppen aus Auffanglagern holten, sie mitten in der Nachts aufs offene Meer hinausfuhren, in Schlauchboote setzten und sie an der griechischen Seegrenze ihrem Schicksal überliessen. Mindestens 1072 Menschen haben sich die Griechen auf diesem Weg vom Hals geschafft. Die New York Times hat mit mehreren von ihnen gesprochen – und zahlreiche Bildbeweise der illegalen Aussetz-Aktionen gesammelt.

Damit hat Griechenland ein langwährendes Tabu gebrochen. Das EU-Grenzland hat seit der Flüchtlingskrise 2015 stets Mühe bekundet, mit den ankommenden Menschenmassen aus den kriegsversehrten Staaten im Nahen Osten klarzukommen. Die katastrophalen Zustände in den Flüchtlingslagern in Idomeni oder Moria wurden zu Sinnbildern für die griechische Überforderung. Unterstützung aus Europa gab es wenig. Bis jetzt ist nicht geklärt, wie die geflohenen Menschen, die in Griechenland und anderen Mittelmeeranrainerstaaten ausharren, auf die europäischen Länder verteilt werden sollen.

Sie holen sie mitten in der Nacht

Die griechische Strategie bestand bislang allerdings nie aus aktiven Abschiebemanövern, sondern beschränkte sich im wesentlichen auf von humanitären Organisationen garantierter Nothilfe und einer grossen Prise Ignoranz. Im Frühjahr 2016 hatte ich selber Gelegenheit, die griechischen Fertigkeiten im Wegschauen mitzuerleben. Bei einer Recherchereise auf der Insel Rhodos, einem der Hotspots des griechischen Flüchtlingsdramas, versicherte der Bürgermeister der gleichnamigen Stadt gegenüber uns Journalisten, dass derzeit keine Geflohenen auf der Insel seien. Wenige Stunden später trafen wir im Hafen von Rhodos in einer alten Schiffswerft auf 91 zusammengepferchte Flüchtlinge, die sichtlich verängstigt am Boden sassen und nicht wussten, was sie tun sollten.

Mit Wegschauen und Ignorieren hat die jüngste Strategie der Griechen allerdings nichts mehr zu tun. Die Aussetz-Fahrten aufs offene Meer, die die griechische Regierung trotz der klaren Beweislage abstreitet, sind Ausdruck einer neuen Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben jener Menschen, die als verzweifelte Fliehende an den europäischen Küsten landen. Die 50-jährige Syrerin Najma al-Khatib erzählte der New York Times, wie sie und 22 andere - darunter zwei Babies – mitten in der Nacht aus ihrem Lager auf Rhodos geholt und von maskierten Männern weit aufs Meer hinaus gebracht wurden.

Die potenziell mörderischen Aussetz-Fahrten sind auch Ausdruck einer neuen Härte, mit der die seit 2019 waltende konservative Regierung von Premier Kyriakos Mitsotakis das Flüchtlingsproblem lösen will. Dass diese neue Härte mit illegalen und menschenrechtswidrigen Praktiken umgesetzt wird, darf Europa nicht dulden. Es sind nicht nur die griechischen Grenzen, an denen Menschen praktisch ohne Schutz den Wellen übergeben werden. Es sind auch europäische.

Menschen im offenen Meer auszusetzen, das erinnert eher an die uralte Piratenpraxis, die Besatzung geenterter Schiffe über Bord zu werfen und ertrinken zu lassen, als an jene humanitären Prinzipien, die Europa gerne hochhält. Das Leid der Millionen Flüchtlinge weltweit zu ignorieren, ist schlimm genug. Verzweifelte Menschen aktiv dem Schicksal ans Messer zu liefern, das kann sich Europa nicht leisten, ohne sich selbst zu verraten.

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