Es sind Videos, die nur schwer zu ertragen sind. Von Kugeln des syrischen Regimes zerfetzte Demonstranten in Homs sterben vor laufenden Handykameras. Soldaten traktieren Dissidenten mit Gewehrkolben, Kinder und Frauen rennen um ihr Leben. Die historische Stadt Homs versinkt im Blut.

Die Vereinten Nationen (UN) vermuten seit dem Beginn der Ausschreitung mehr als 3500 Tote. Der syrische Präsident Baschar al-Assad jedoch zeigt sich auch nach der Aussetzung der Mitgliedschaft in der Arabischen Liga uneinsichtig.

Die Gräueltaten des syrischen Regimes sind indessen kein Geheimnis mehr; sie kursieren als verwackelte Youtube-Filmchen auf unzähligen Sozialen Netzwerken.

Möglich machen das Netzaktivisten aus Schweden Frankreich und Deutschland. Sie liefern das, was die Demonstranten dringend brauchen: abhörsichere Datenautobahnen. Einer davon ist der 31-jährige Stephan Urbach. Er sorgt dafür, dass die von den Freiheitsaktivsten gedrehten Videos - trotz rigider Zensur - den Weg ins Internet finden.

Aktivisten im Word Wide Web

Urbach ist Deutscher und gehört zur Gruppe Telecomix (siehe Box), die einen virtuellen Feldzug gegen die syrischen Internetzensoren führen. «Das syrische Regime überwacht den gesamten Internetverkehr», sagt Urbach gegenüber dem Fernsehsender Arte. Es sei eine nahezu lückenlose Überwachung des Word Wide Web.

Urbach und seine Mitkämpfer haben die syrischen Server gehackt. Sie stellen den Demonstranten verschlüsselte Verbindungen bereit, über die sie sich anonym austauschen, ihre Proteste koordinieren und Videos hochladen können. Über die herkömmlichen Internetverbindungen wäre das glatter Selbstmord, sagt Urbach. Er habe Berichte über Folter, sexuellen Missbrauch und gezielte Tötungen.

Mit Ägypten hat alles angefangen

Schon als Ägyptens Ex-Präsident Mubarak das Internet kappte, um zu verhindern, dass Regimegegner ihre Proteste über Facebook koordinieren, stellte Telecomix ihnen Ausweichverbindungen bereit. Was als Solidaritätsaktion für die Ägypter begann, haben die Netzaktivisten im Falle Syrien zu einer ausgefeilten Strategie entwickelt. Mehr noch: Telecomix brachte ans Licht, wie das Assad-Regime das Internet überwacht.

Demnach kommt in Syrien die Online-Filtertechnik der US-Softwareherstellers Blue Coat zum Einsatz - und das trotz Handelsembargo. Damit wird der Internetverkehr der syrischen Bürger systematisch überwacht, aber auch Web-Dienste, etwa verschlüsselte Chats und Internet-Telefonie werden so unterbunden.

Das US-Unternehmen Blue Coat hat gegenüber dem «Wall Street-Jounral» zugegeben, dass 13 ihrer Geräte in Syrien im Einsatz sind. Gemäss Recherchen der Zeitung ist die Technik von Blue Coat auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Katar, Myanmar im Einsatz. (sza)