Mega-Parade

Wie China im Stechschritt die Welt beeindrucken will

Mit einer gigantischen Militärparade feiert China den 70. Jahrestag des Sieges über Japan im 2. Weltkrieg.

Schäfchenwolken am Himmel über Peking – das gibt es nicht an vielen Tagen. Um Chinas 21-Millionen-Metropole vom Smog zu befreien, hat die chinesische Führung wieder einmal alle Register gezogen. Fast 2000 Fabriken müssen seit vergangener Woche ihre Produktion drosseln oder gar komplett einstellen. Die rund sechs Millionen Pekinger Autofahrer dürfen nur an jedem zweiten Tag ihr Gefährt nutzen. Selbst die Stände mit den Fleischspiesschen im beliebten Vergnügungsviertels Sanlitun sind verschwunden. Auch Holzkohlegrills tragen zum Smog bei.

Schönwetter für die Armee

Doch anders als viele derzeit glauben, dienen diese Massnahmen keineswegs besseren Luftverhältnissen für die Leichtathletik-WM, die bis Sonntag in der chinesischen Hauptstadt stattfand. Wie Chinas englischsprachige Staatszeitung «China Daily» in einem Artikel explizit betonte, gelten sie der für diesen Donnerstag geplanten Militärparade zum 70. Jahrestag des Siegs über Japan im Zweiten Weltkrieg.

Bereits am vergangenen Sonntag hatte die chinesische Führung den martialischen Aufmarsch geprobt. Panzer rollten über Pekings Prachtallee Chang An, am Kaiserpalast und dem Regierungsviertel vorbei. Kampfjets flogen über die Innenstadt. Insgesamt 12 000 Soldaten der Volksbefreiungsarmee sollen chinesischen Zeitungsberichten zufolge seit drei Monaten jeden Tag für mehrere Stunden den Stechschritt geübt haben. «Den Kopf schräg nach oben geneigt und immer in der gleichen strammen Haltung dürfen sie bei der insgesamt 70 Minuten andauernden Parade keine Miene verziehen», wird in einem Artikel berichtet. Das erfordere sehr viel Übung und Disziplin.

Offiziell heisst es, China wolle mit den Feierlichkeiten zum Jahrestag der Kapitulation Japans am 3. September 1945 ein Zeichen des Friedens setzen. Aggressionen, wie sie von Japan während des Zweiten Weltkriegs verübt wurden, sollten sich nie mehr wiederholen können. Zugleich macht die chinesische Führung unter Staats- und Parteichef Xi Jinping aber keinen Hehl daraus, dass sie der Welt zeigen will, über welches militärische Potenzial die zweitgrösste Volkswirtschaft inzwischen verfügt.

Neue Waffen «made in China»

Die Militärführung lud Anfang der vergangenen Woche Journalisten aus aller Welt zu einer ihrer seltenen Pressekonferenzen. Die Luftwaffe werde mit über 200 Maschinen den Tiananmen-Platz überfliegen, kündigte der Sprecher des Generalstabs der Volksbefreiungsarmee an. Darunter seien Bomber, Kampfjets und Aufklärungsflieger vom Typ Awacs. Insgesamt wollen die einzelnen Einheiten 500 ihrer modernsten Waffen zur Schau stellen, unter anderem ihre atomar bestückbaren Interkontinentalraketen. Rund vier Fünftel aller Waffen, die auf der Militärparade gezeigt werden, seien noch nie der Öffentlichkeit vorgeführt worden, verkündete der Militärsprecher stolz. Sie seien allesamt «made in China».

Eine einzige Machtdemonstration

Die Volksrepublik verfügt mit über 2,3 Millionen Kräften über die grösste Armee der Welt. In den vergangenen Jahren wurden die Rüstungsausgaben immer weiter erhöht. Inzwischen ist die Volksrepublik zudem einer der weltweit grössten Waffenexporteure. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete, dass die bewaffneten Einheiten an diesem Donnerstag erstmals auf einer Militärparade vorführen werden, wie sie sich in einer realen Kampfsituation aufstellen würden. Das dürfte bei Militärexperten aus aller Welt auf grosses Interesse stossen.

Nach Ansicht von internationalen Beobachtern will China mit der Parade vor allem gegenüber den Anrainerstaaten des Süd- und Ostchinesischen Meers seine neue Stärke demonstrieren. Seit Jahren liefert sich Peking Auseinandersetzungen mit Japan, Vietnam und den Philippinen. China beansprucht das gesamte Gebiet der beiden Meere, mit Japan streitet man sich zudem um unbewohnte Inseln. Die USA hingegen haben ihre Unterstützung den kleineren Staaten zugesichert; Japan gehört ohnehin zu Washingtons Verbündeten.

Wer kommt, wer nicht?

Von grosser aussenpolitischer Bedeutung ist für die chinesische Führung ausserdem, welche Regierungsvertreter der Einladung zu ihrer Militärparade folgen werden und welche nicht. Zugesagt haben Russlands Präsident Wladimir Putin und die Staats- und Regierungschefs einer Reihe von zentralasiatischen Ländern. Russland, Weissrussland, Kasachstan, Kirgistan, Mongolei und Kuba wollen sogar Truppen schicken, die an der Militärparade mitmarschieren sollen. Japans Ministerpräsident Shinzo Abe hingegen hat die Einladung Chinas ausgeschlagen mit der Begründung, die Parade habe einen antijapanischen Charakter. Die amerikanische Regierung lehnte eine Teilnahme ebenfalls ab. Die EU-Länder sowie die Schweiz haben sich untereinander geeinigt, lediglich ihre Botschafter zu schicken. Unentschlossen scheint Südkoreas Präsidentin Park Geun Hye: Sie hat eine Reise nach Peking für kommende Woche zwar zugesagt, aber bisher offengelassen, ob sie an der Parade dabei sein wird.

Ebenfalls nicht bekannt ist, ob auch Nordkoreas Staatschef Kim Jong-Un eingeladen wurde. Nordkorea ist neben Kuba offiziell Chinas einzig verbliebener Bruderstaat. Der nordkoreanische Diktator hat seit seinem Amtsantritt vor dreieinhalb Jahren allerdings noch keine einzige Auslandsreise angetreten. Die Beziehungen zwischen Pjöngjang und Peking haben sich in den letzten Jahren zudem merklich abgekühlt.

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