Die Finanzmärkte ziehen die Daumenschraube an: Seit Ende Juni haben sich die Prämien für Kreditausfallversicherungen auf italienische Staatsanleihen praktisch verdoppelt. Gleichzeitig streifen die Renditen für zehnjährige Anleihen die 6-Prozent-Marke. Das heisst: Der Zinssatz auf Italiens Anleihen ist nunmehr doppelt so wie jener auf deutschen Staatspapieren. Eine Gefahrenzulage sozusagen.

Doch weshalb steigt das Misstrauen in die Schuldenfähigkeit des Stiefelstaats? «Was derzeit an den Märkten abgeht, ist eine Mischung aus Stimmungsmache und Herdentrieb», sagt Joachim Klement vom Beratungsunternehmen Wellershoff & Partners. Denn: «An der makroökonomischen Lage Italiens hat sich in den letzten Monaten nichts fundamental verändert.» Auch CS-Ökonom Thomas Herrmann schliesst sich diesem Befund an und mahnt: «Es besteht die Gefahr einer Abwärtsspirale.» Verlieren die Finanzakteure nämlich nachhaltig das Vertrauen, ziehen die Risikoprämien weiter an und damit kommt Italiens Schuldendienst tatsächlich ins Schleudern. Die Zinslast auf den 1900-Milliarden-Euro an ausstehenden Verbindlichkeiten würde so drückend, dass Rom die Zahlungsunfähigkeit drohte.

Italiener sind ein Volk von Sparern

Ein selbsterfüllendes Szenario, mit dem derzeit Griechenland ringt. Doch der Hellenenstaat ist mit unserem südlichen Nachbarn kaum zu vergleichen. Und das gleich aus mehreren Gründen: Zwar ist der Schuldenberg Italiens der zweithöchste in der EU. Er entspricht knapp 120 Prozent der Wirtschaftsleistung. Doch mehr als die Hälfte der Schulden sind im Inland platziert und damit in guten Händen. Denn die Italiener sind ein Volk von Sparern. Die Quote liegt mit 14,2 Prozent über dem EU-Schnitt. Zum Vergleich: Spanien hat eine Sparquote von 10, Portugal gar nur eine von 6,5 Prozent.

Mit anderen Worten: Sofern die italienischen Haushalte ihr Vertrauen in den Staat nicht verlieren, absorbieren sie weiter einen Grossteil der Verbindlichkeiten. So gilt der Markt für italienische Staatsanleihen als äusserst liquide. Ist er doch hinter dem amerikanischen und dem japanischen der Drittgrösste. Zudem beträgt die durchschnittliche Laufzeit der Staatspapiere sieben Jahre. Damit reduziert sich zum einen das Risiko eines kurzfristigen Refinanzierungsbedarfs. Zum anderen wird der drastische Zinsanstieg sich erst allmählich negativ auswirken. Auch ist die italienische Wirtschaft viel breiter aufgestellt als die griechische, welche am Tropf einzelner Branchen wie dem Tourismus hängt. Der Stiefelstaat dagegen exportiert mehr als die Hälfte seiner Güter in den Nicht-EU-Raum und gehört damit – wie die Exportlokomotive Deutschland – zu den Profiteuren der jetzigen Euroschwäche.

Das gern herangezogene Bild eines südlichen Schuldenstaates ist also schief: «Italien schiebt vor allem Altlasten aus den 1970er- und 1980er- Jahren vor sich her», sagt Anastassios Frangulidis, Chefökonom der Zürcher Kantonalbank. Denn seit Jahren ist der Primärhaushalt (ohne Zins- und Tilgungszahlungen) mehr oder minder ausgeglichen. Rom häuft also nicht mehr Schulden an, sondern scheiterte bislang einfach daran, die bestehenden Verbindlichkeiten abzubauen. Ein 40-Milliarden-Euro-Sparpaket soll nun die Wende bringen. Die Regierung in Rom werde durch die Reaktion an den Kapitalmärkten nun «zur Vernunft gezwungen», sagt Frangulidis. Doch die Gefahr besteht, dass diese Einsicht für Italien zu spät kommt.