Die Meinungsforscher sind sich einig: Marine Le Pen wird am Sonntag nur etwa 40 Prozent der Stimmen erhalten und damit klar gegen den Parteilosen Emmanuel Macron verlieren. Bloss, mit den Umfragen ist es so eine Sache. «Die einen werden sagen, sie wählen Le Pen, und legen dann für Macron ein, die anderen machen es umgekehrt», erklärt vor dem Zeitungsladen in Villers-Cotterêts ein Passant und kreuzt, um das Gesagte zu illustrieren, seine beiden Zeigefinger in Gegenrichtung.

Und wen wählt er selbst? Der grauhaarige Bürger lacht nur. Weniger direkt gefragt: Was hält er vom lokalen Bürgermeister, Mitglied des Front National (FN)? Schulterzucken, dafür zischt seine Frau: «Besser als sein linker Vorgänger ist er allemal!» So antworten manche der 11 000 Einwohner von Villers-Cotterêts, 70 Kilometer nordöstlich von Paris. Niemand würde zugeben, FN zu wählen, aber niemand hat etwas an den Rechtspopulisten auszusetzen. Im Spielzeugladen beklagt eine junge Verkäuferin, dass es unter dem neuen Bürgermeister «immer mehr Flüchtlinge» im Ort habe.

Nur die Arbeitslosigkeit gedeiht

Vor zehn Tagen hat Marine Le Pen in Villers-Cotterêts 34,3 Prozent der Stimmen geholt, 15 Prozent mehr als Macron. Bei den Gemeindewahlen 2014 erhielt der FN 41,5 Prozent, seither regiert er im Rathaus. Villers-Cotterêts ist einer jener vergessenen «periurbanen» Orte am Rande des Pariser Grossraums, wo nicht mehr viel gedeiht ausser der Arbeitslosigkeit.

Das Landstädtchen lebt von seiner Vergangenheit. Im Tourismusbüro erzählt die Angestellte ausführlich, wie König François I. im hiesigen Schloss 1539 Französisch zur Amtssprache bestimmt habe. Und Richtung Bahnhof stehe das Geburtshaus von Alexandre Dumas («Die drei Musketiere», «Der Graf von Monte Christo»). Und in beiden Weltkriegen sei Villers ein wichtiger Schauplatz gewesen.

VW muss im Ort bleiben

Zur neuen französischen Revolution – der von rechts – schweigt die junge Frau hingegen auf Weisung des Rathauses. Dabei macht FN-Bürgermeister Franck Briffaut gar nicht den Eindruck eines Rechtsextremen. Der distinguierte, leutselige Gemeindevorsteher erzählt, wie er versucht, den lokalen Hauptarbeitgeber Volkswagen im Ort zu behalten. An diesem Tag versucht er ihn gerade mit einem ansässigen Lederpolster-Hersteller zusammenzubringen.

Die Deutschen haben in Villers bereits Teile ihrer Frankreich-Verteilzentrale abgebaut und in die Nähe des Pariser Flughafens Roissy verlegt. Dort gibt es bessere Verkehrsverbindungen und besser ausgebildetes Personal. Dass VW einmal ganz abziehen könnte, mag sich Briffaut gar nicht erst vorstellen: Das wäre eine soziale Katastrophe ohnegleichen für Villers-Cotterêts.

In Briffauts Büro prangt ein Porträt von Dumas, dessen Vater unter Napoleon der erste schwarze General Frankreichs gewesen war. Mit Hautfarben hat der 59-jährige Ex-Militär kein Problem. «Als mir ein Mitbürger einmal zuraunte, er wähle den Front National, weil ihm ein Araber das Motorrad geklaut habe, stellten sich mir die Nackenhaare auf», erzählt der Bürgermeister.

Und Briffaut schüttelt nur den Kopf über den FN-Interimschef Jean-François Jalkh, der in Paris letzte Woche abtreten musste, weil er den Einsatz des Gases Zyklon B in den Vernichtungslagern der Nazis als «technisch unmöglich» bezeichnet hatte. Revisionismus ist nicht Briffauts Ding. Auf Jean-Marie Le Pen, der die Gaskammern der Nazis als «Detail der Geschichte» bezeichnet, lässt er aber auch nichts kommen.

Im Front National macht er aus einem anderen Grund mit – «wegen der EU!» Mit Verve führt er aus, wie der starke Euro der französischen Wirtschaft schade, ja wie die «ultraliberalen Brüsseler Oligarchen» Frankreich zerstörten. Dass die Strukturschwächen Frankreichs oder auch des hiesigen Départements Aisne für die Wirtschaftsmisere verantwortlich sein könnten, lässt der FN-Bürgermeister nicht gelten: «Die EU hindert den französischen Staat daran, eine ökonomische Strategie mit den nötigen Reformen in die Wege zu leiten.»

Bleu-blanc-rouge statt EU-Sterne

Doch könnte, wenn Präsidentin Le Pen ihre protektionistischen Ideen umsetzen würde, Volkswagen nicht ganz wegziehen? «Wir sind nicht gegen Europa an sich, wir wollen wie einst Charles de Gaulles ein ‹Europa der Vaterländer›, und das würde unsere Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland keineswegs schmälern», meint der Frontist, der vor dem Rathaus sieben blau-weiss-rote Trikoloren hissen, die blaue EU-Fahne aber einziehen liess. Er weist auch ökonomische Berechnungen zurück, dass der Euro-Ausstieg Frankreich in eine schwere Rezession mit hoher Inflation stürzen und gerade die minder bemittelten Le- Pen-Wähler hart treffen würde.

Auch in den Strassen von Villers-Cotterêts findet sich niemand, der auf die EU gut zu sprechen wäre. «Seit der Abstimmung von 2005, als die Franzosen gegen die EU-Verfassung stimmten, diese aber trotzdem umgesetzt wurde, ist etwas zerbrochen», meint Liliane, eine ältere Dame vor dem Blumenladen. Die Kirchgängerin will aus Prinzip nicht für Le Pen stimmen, aber auch nicht für Macron, der mehr Europa wünscht. «Ich werde leer einlegen oder mich der Stimme enthalten», meint sie.

Lilianes Unentschlossenheit gilt auch der EU. Bei aller Kritik an der Gemeinschaft fürchtet eine Zweidrittelmehrheit der Franzosen laut Umfragen den Euro-Ausstieg. «Eigentlich stimmen wir am Sonntag auch über die EU ab», sinniert Liliane. Zuerst muss sie jetzt aber zur Messe.